Kritik:Packend und plastisch

Das Jewish Chamber Orchestra unter Daniel Grossmann spielt ein ausdrucksstarkes Konzert im Werkraum der Kammerspiele.

Von Andreas Pernpeintner, München

Konzerte des Jewish Chamber Orchestra wie dieses im Werkraum der Münchner Kammerspiele sind stets mit kurzen Einführungen von Dirigent Daniel Grossmann verbunden - ideal, um Werke wie Erwin Schulhoffs "Suite für Kammerorchester" und das Melodram "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" von Viktor Ullmann beim Hören einordnen zu können. Dass Schulhoff zu den ersten Komponisten gehörte, die Stilmittel des Jazz in die Kunstmusik integrierten, wird bei seiner Suite vom ersten Trompetenmotiv an deutlich. Doch ist die in dieser Musik komprimierte Aussagekraft weit vielfältiger. Sanfte Kantilenen, lebendige Zwiesprache der Instrumente - wie transparent und griffig all das für kleine Septettbesetzung (es erklingt die Kammerensemble-Bearbeitung von Andreas N. Tarkmann) arrangiert ist, beeindruckt. Grossmann und das JCOM spielen vorzüglich, gut zwischen rhythmischer Lockerheit und Konzentration dosiert. Eine besondere Rolle kommt dabei dem Perkussionisten Moritz Knapp zu. Mit Trommeln, Becken und verschiedenen Stabspielen ist er Schlagzeuger und (einziger) Harmonieinstrumentspieler in einem.

Ist die Suite ein prägnantes Hörerlebnis, ist Ullmanns Melodram ein intensives. Diese Vertonung eines Textes von Rainer Maria Rilke ist das letzte Werk, das Ullmann im Konzentrationslager Theresienstadt vor seiner Deportation ins Vernichtungslager komponierte. Grossmann weist darauf hin, dass die Auswahl des durchaus kriegerischen Textes hierfür irritierend und nachvollziehbar (Ullmanns Vater war Offizier gewesen) zugleich sei. Das Melodram ist eine heutzutage nicht allzu oft gehörte Gattung. Wie hier die Stimme von Kammerspiel-Schauspieler Stefan Merki und die Instrumentalbesetzung einander ergänzen, ist packend und plastisch. Mit klaren Zäsuren durchsetzt und zugleich mit kaum je unterbrochenem Spannungsbogen schreitet die Musik voran, grundiert, deutet aus, verstärkt, ergänzt, mildert. Das ist sehr ausdrucksstark, stringent - und fabelhaft dargeboten.

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