Kultur in München Kammerspiele-Intendanten zwischen Innovation und Avantgarde

Der Münchner Stadtrat hat beschlossen, dass Barbara Mundel als Nachfolgerin von Matthias Lilienthal die Intendanz des Hauses übernehmen wird.

(Foto: dpa)

Barbara Mundel wird von 2020 an als erste Frau die Münchner Kammerspiele leiten. Welche künstlerischen Eigenheiten ihre Vorgänger hatten.

Von Egbert Tholl

Man glaubt ja in München immer, Dieter Dorn sei der Rekordhalter. Tatsächlich war dieser sehr lange Intendant der Münchner Kammerspiele, von 1983 bis 2001. Und danach noch zehn Jahre am Staatsschauspiel. Aber viel länger als Dorn leitete Otto Falckenberg das Haus, von 1917 bis 1933 als Direktor und künstlerischer Leiter, von 1933 bis 1944 als städtischer Intendant. Unter Falckenberg erfolgte 1926 der Umzug von der Augustenstraße ins Schauspielhaus an der Maximilianstraße.

Heute erinnert vor allem der Name der renommierten, dem Haus nahestehenden Schauspielschule an ihn. Teils zum Unmut der Studenten: Falckenberg kam mit der Machtergreifung der Nazis kurz in Haft, verfolgte danach einen sehr ambivalenten Kurs und landete 1944 auf der Liste der "gottbegnadeten" Künstler. Vor 1933 hat er allerdings eine Tradition der Kammerspiele begründet, die sehr lange anhielt, als ein Theater großer Schauspieler. Er entdeckte Heinz Rühmann oder auch Therese Giehse. Diese übrigens spielte dann 1940 in Zürich in einer "Faust"-Produktion der dorthin vor den Nazis geflüchteten Künstlern, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Geschichte, um die es hier geht, ist eine von berühmten Männern, die die Münchner Kammerspiele leiteten und bis heute leiten. 2020 ist die zu Ende. Dann übernimmt Barbara Mundel als erste Frau die Intendanz des Hauses. Das hat gerade der Stadtrat beschlossen. Das ist gut so.

Die jüngere Geschichte der Kammerspiele, die, an die man sich aktiv erinnern kann, beginnt 1983 mit Dieter Dorn. Alles davor ist, wenn auch nicht für alle Leser, Historie. Irgendwie schade. Zu gern wüsste man, was für ein Theater etwa Hans Schweikart (1947 bis 1963) oder August Everding (1963 bis 1973) dort gemacht haben. Oder vor ihnen noch Erich Engel, der das Haus von 1945 bis 1947 leitete. Man kann ein paar Aufführungsfotos entdecken. Aber was sagen die aus? Unter diesen beiden Intendanten jedenfalls gab es zum Beispiel 18 Inszenierungen von Fritz Kortner, Peter Stein gab 1967 sein Debüt als Regisseur.

Schweikart knüpfte an literarische Traditionen an, die während der Nazizeit abgerissen waren, also Exilliteratur, amerikanische Moderne, Absurdes und Existentialistisches. Unter Everding wurden die Kammerspiele noch explizit politischer. 1965 kam Peter Weiss' grandioses Dokumentaroratorium "Die Ermittlung" über den Holocaust heraus, 1968 folgte in der Regie von Peter Stein der "Viet Nam Diskurs", berühmt geworden durch den Aufruf des Schauspielers Wolfgang Neuss, beim Verlassen des Theaters für den Vietcong zu spenden. Ein Skandal, Stadtgespräch, bundesweiter Diskurs. Herrliche Zeiten fürs Theater.

Dorn festigte die Bedeutung der Kammerspiele

Auf Everding, der später zum staatlichen bayerischen Generalintendanten avancierte, folgte Hans-Reinhard Müller (1973 bis 1983) und mit ihm bald Dieter Dorn. 1976 kam der als Oberspielleiter ans Haus und begann es zu prägen, 1983 wurde er Intendant. Noch heute sind für einige Münchner Theaterliebhaber die Begriffe Dorn und Kammerspiele synonym. Dorn festigte die Bedeutung der Kammerspiele als Hort der Schauspielkunst.

Die Qualität seines Ensembles, dem er in unabdingbarer Treue verbunden war, wurde legendär. Ähnlich war es mit seinen eigenen Inszenierungen, sieben Stunden Shakespeare, der "Faust", aber auch Botho-Strauß-Uraufführungen. In München ging man wegen der Schauspieler ins Theater - spielten Thomas Holtzmann, Rolf Boysen, Sunnyi Melles oder Gisela Stein, um nur ein paar Namen zu nennen, war die Schlange an der Abendkasse lang.

Dann kam Frank Baumbauer (2001 bis 2009) und mit ihm kamen nicht nur neue, hochinteressante Schauspieler, von denen einige immer noch am Haus sind, sondern auch die wichtigsten Regisseure des zeitgenössischen Theaters. Unter Dorn waren die Kammerspiele eine Bastion ihrer selbst, unter Baumbauer wurden sie zum Nukleus des Gegenwartstheater - zwölf Inszenierungen aus seiner Intendanz wurden zum Theatertreffen eingeladen.

Diese Linie setzte Johan Simons nach einem Interimsjahr unter der Chefdramaturgin Julia Lochte von 2010 bis 2015 fort. Er holte Schauspieler aus Holland und Belgien ans Haus, verwischte die Grenzen zwischen Tanz, Schauspiel und Performance und legte damit den Grundstein dafür, dass es möglich wurde, einen Theatermacher wie Matthias Lilienthal als seinen Nachfolger zu holen. Von Dorn bis zu ihm gibt es eine Linie ästhetischer Erweiterung.

Simons beherrschte den Spagat zwischen Stadt-, Ensemble- und performativen Theater. Lilienthal musste dies erst lernen. Genügend Zeit dafür - noch zwei Spielzeiten - wurde ihm nicht gegönnt. Oder gönnte er sich selbst nicht, je nachdem, wie man das sehen will. In einer Hinsicht jedoch bewegt sich Lilienthal in der Tradition des Hauses: Fast jede Intendanz der Kammerspiele hatte Aspekte von Innovation und Avantgarde.

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