Süddeutsche Zeitung

Günter Grünwald:"Mein Herz hängt an einem unfassbar profanen Gegenstand"

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Warum der Kabarettist Günter Grünwald als Kind seinen kostbarsten Gegenstand in ein Hochhaus trug - und das eine Wende in seinem Leben bedeutete.

Von Gerhard Fischer

Es ist Chance und Risiko zugleich, den Kabarettisten Günter Grünwald nach seinem Lieblingsgegenstand zu fragen. Man könnte eine ironische Antwort bekommen, weil er - durchaus brachial - vieles verspottet in seiner BR-Sendung "Grünwalds Freitagscomedy". Andererseits: Wer Günter Grünwald je getroffen hat, entdeckte vermutlich auch seine weiche Seite.

Es war dann ein Glück, dass man ihn per Mail gefragt hat.

Schon wenig später schickt er eine lange Antwort, in der schon alles drin stand, was man ihn fragen wollte. "Mein Herz hängt an einem unfassbar profanen Gegenstand", schrieb er. "An einem Thermometer." Er hänge "aber nicht an dem Thermometer", weil er "ein komplett durchgeknallter Exzentriker" sei. Sondern, man ahnte es, wegen einer "sehr persönlichen" Geschichte.

"Meine Eltern trennten sich, als ich ungefähr sechs Jahre alt war", schrieb Grünwald weiter. "Meine Schwester und ich blieben bei meiner Mutter, und mein Vater zog in ein Hochhaus, das jetzt nicht direkt an den Wolken kratzte, aber mit zwölf Stockwerken immerhin wesentlich höher als eine Flachdachgarage war." In Klammern fügte er hinzu, in welcher Straße das Hochhaus in Ingolstadt stand. Sogar die Hausnummer nannte er.

"Ab sofort hatte ich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater", schrieb er. Dabei hätte dieser versprochen, die Kinder am Wochenende zu holen und "etwas Schönes" zusammen zu machen. "Nix, totale Funkstille." Günter Grünwald war, wie gesagt, erst sechs Jahre alt. Und so ein kleiner Bub, schrieb er, "denkt nicht, was sind die Erwachsenen bloß für Arschgeigen". Er habe stattdessen gedacht: "Wahrscheinlich war ich frech, oder doof, oder beides und deswegen ist mein Vater abgedüst."

Was tun?

"Ich wollte zu ihm und ihm sagen, dass ich ab sofort beabsichtige, nie wieder frech, doof oder beides zu sein und dass er doch wieder heimkommen soll", erzählte Grünwald. "Um mein Ansinnen zu untermauern, wollte ich ihm ein kostbares Geschenk mitbringen." Er fand die neue Adresse des Vaters heraus und zog los; und er hatte ein Thermometer dabei. Es war das Thermometer, das bei den Grünwalds im Wohnzimmer an der Wand hing. "Auf die Schnelle", schrieb er, "war das der kostbarste Gegenstand, den ich fand."

Er überreichte dem Vater das Thermometer und versprach, in Zukunft "weder frech noch doof oder beides zu sein - und was soll ich sagen: Meine Eltern fanden wieder zusammen." Er wisse allerdings nicht, ob das Thermometer der entscheidende Faktor gewesen sei. Jedenfalls zogen anderthalb Jahre später alle Grünwalds ins Hochhaus, und das Thermometer hing in dem neuen Wohnzimmer der Familie.

"Mein Vater starb 1993 und meine Mutter 2010", schrieb Günter Grünwald am Ende seiner Mail. "Als die Wohnung aufgelöst und ausgeräumt wurde, war das Thermometer der einzige Gegenstand, den ich mitgenommen habe, und heute hängt es in meinem Büro und zeigt immer noch tadellos und zuverlässig die Temperatur an."

Bei "Lieblingsdings" erzählen Menschen, woran ihr Herz hängt, was sie durchs Leben begleitet, ihnen Glück bringt und wovon sie sich niemals trennen würden.

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