Politisches Kabarett:Bruno Jonas führt künftig die Lach- und Schießgesellschaft 

Bruno Jonas

Nachfolger von Till Hofmann: Bruno Jonas leitet künftig die Lach- und Schießgesellschaft .

Bei der bekannten Kabarettbühne kommt es zur Zäsur: Nach mehr als 20 Jahren zieht sich Till Hofmann als Geschäftsführer zurück. Grund sind offenbar interne Differenzen, doch interessanterweise gibt sich der Scheidende alles andere als gekränkt.

Von Oliver Hochkeppel

Von einem Paukenschlag war unisono die Rede, als am vergangenen Freitag eine schriftliche Mitteilung von Till Hofmann die Runde machte. Zur Überraschung selbst der größten Insider gab er bekannt, dass er bereits zum Ende dieses Monats als Geschäftsführer und Mitgesellschafter der Lach- und Schießgesellschaft aufhört. "Niemals geht man so halb", war die Depesche überschrieben, was schon deshalb stimmt, weil mit ihm auch Steffi Rosner geht, die Bookerin, einzige Festangestellte und Mädchen für alles im "Laden", wie die Lach- und Schieß seit Jahrzehnten von ihren Freunden genannt wird.

Eine Zäsur nach über 20 Jahren, dessen Gründe in Hofmanns Schreiben höchstens angedeutet werden: "Durch den Tod von Dieter Hildebrandt, das spätere Ausscheiden von Renate Hildebrandt und zuletzt den Tod von Wolfgang Nöth hat sich die Zusammensetzung der Lach & Schieß Betriebsgesellschaft mbH mehrfach geändert. In der momentanen Gesellschafterkonstellation konnte nun leider keine übereinstimmende, gemeinsame Linie für die weitere Führung und Ausrichtung der Lach- und Schießgesellschaft mehr gefunden werden." Hintergrund dürfte indes das abgekühlte Verhältnis zwischen Hofmann und Mitgesellschafter Bruno Jonas sein.

Jonas hatte den wie er aus Passau stammenden Hofmann einst überhaupt erst zum Kabarett und in die Münchner Szene gebracht. Kennengelernt hatten sie sich 1987, als der 17-jährige Schülersprecher Hofmann den bereits bekannten Kabarettisten Jonas zu einem Auftritt am Passauer Leopoldinum-Gymnasium überredete. Später begleitete Hofmann ihn als Techniker auf Tournee, und als wieder einige Jahre später - Hofmann machte gerade eine Ausbildung zum Krankengymnasten - Wolfgang Nöth als Lustspielhaus-Pächter ausstieg, holte Jonas den energiegeladenen Jungspund als Nachfolger. Mit so großem Erfolg, dass ihn fünf Jahre später, als die Lach- und Schießgesellschaft vor dem Konkurs stand, Dieter Hildebrandt auch zur Lach- und Schießgesellschaft holte - auf ausdrückliche Empfehlung von Bruno Jonas.

Zuletzt freilich soll Jonas die vielfältigen Aktivitäten Hofmanns - etwa beim genossenschaftlichen Kulturzentrum "Bellevue di Monaco" - immer skeptischer betrachtet haben und auch mit der Ausrichtung der Lach- und Schießgesellschaft unzufrieden gewesen sein. Nun will er selbst die künstlerische Leitung übernehmen. Stefan Hanitzsch, Sohn des Karikaturisten Dieter Hanitzsch und Betreiber des von Dieter Hildebrandts ersonnenen Web-Formats "stoersender.tv", soll Geschäftsführer werden und Hofmanns Anteil übernehmen. Notartermin ist am Mittwoch. Bis dahin, und "bis ich mich mit meinen Partnern abgestimmt habe", möchte Jonas nichts zum Vorgang und den zukünftigen Planungen sagen.

Was da gerade neu aufgestellt wird, ist immerhin die wohl traditionsreichste und berühmteste Kabarett-Institution der Republik. Das Erbe eines Sammy Drechsel und eines Dieter Hildebrandt gilt es zu bewahren. Die beiden - der eine ein omnipräsenter Sportreporter, Alle-Welt-Kenner und begnadeter Strippenzieher, der andere der talentierteste Autor und Darsteller seiner Zeit, der zum Synonym für die Lach- und Schieß wie für das deutsche politische Kabarett überhaupt werden sollte - hatten den Laden 1956 als reine Ensemblespielstätte gegründet. Am 12. Dezember hatte das erste Programm "Denn sie müssen nicht, was sie tun" mit Hildebrandt, Ursula Herking, Hans Jürgen Diedrich und Klaus Havenstein Premiere. Nach einer kurzen Anlaufzeit hatte sich der neue, freche Ton der Truppe herumgesprochen, dank Drechsels Kontakte saßen Prominente im engen Gestühl, bald waren die Vorstellungen Wochen vorher ausverkauft. Später wurden die jährlichen Silvester-Ausstrahlungen im Fernsehen fast so Kult wie "Dinner for One".

Rekrutiert wurden die Besten aus der ganzen Republik, von Henning Venske, Rainer Basedow, Jürgen Scheller und Ursula Noack bis zu Horst Jüssen, Jochen Busse oder dem unvergessenen Haustexter Klaus-Peter Schreiner. Nach der Wende standen mit Simone Solga, Hans-Jürgen Silbermann und Hans-Günther Pölitz auch Granden des Ostens auf der Bühne. Bruno Jonas war 1981 der erste echte Bayer im Ensemble, um von dort aus wie so viele ein Solo-Star zu werden. In den Geschichten und der Geschichte der Lach- und Schießgesellschaft spiegeln sich die historischen Wechselbäder der Bundesrepublik ebenso wie die Entwicklungen der Kleinkunstszene. 1972 gab es die erste große Krise und Pause, als man sich mit der 68er-Bewegung und einer sozialliberalen Regierung überflüssig fühlte.

Der Neuanfang ab 1976, der auch die vielen Gastspiele aller Kabarett-Größen bis heute einleitete, dauerte mit Auf und Abs und finalen Siechtum exakt bis zum 30. Dezember 1999. Das Ensemble-Kabarett alter Art war da schon ein Anachronismus, der Laden so gut wie pleite. Reformator und Sanierer wurde dann eben Till Hofmann. Die Gesellschafterstruktur wurde entschlackt, das Haus umgebaut und modernisiert sowie das Kerngeschäft auf die Präsentation der kritisch-kreativen Elite des deutschsprachigen Kabaretts verlegt. Im wachsenden Kleinkunstimperium des Till Hofmann fand der Laden so seinen Platz zwischen Vereinsheim und Lustspielhaus, ohne sein Renommee zu verlieren oder seine inzwischen sogar wieder mit stilistisch neuartigen Ensembles gepflegte Tradition zu verleugnen.

Interessanterweise gibt sich Hofmann alles andere als gekränkt. "Es ist ja nach 20 Jahren vielleicht wirklich an der Zeit für etwas Neues. Das ist ja auch eine demokratische Entscheidung der Gesellschafter. Und der Bruno Jonas kann mit seinem Namen und als herausragender Kabarettist den Laden zu neuen Ufern führen. Die Voraussetzungen sind mit dem neuen, erstmals von der Stadt geförderten Ensemble gut." Klingt versöhnlich. Und zuversichtlich. Hoffentlich hat er recht.

© SZ vom 21.09.2021/kafe
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