Anklage:Wie einem 24-Jährigen die Flucht aus Stadelheim gelingen konnte

JVA Stadelheim

Ein Wachturm der Justizvollzugsanstalt Stadelheim - die eigentlich als ziemlich sicher gilt.

(Foto: dpa)

Für seinen Plan brauchte der Mann Kinderspielzeug, ein paar Päckchen Tabak - und einen Helfer im Knast. Gegen diesen wurde nun Anklage erhoben.

Von Martin Bernstein

Die Flucht aus dem Gefängnis war so spektakulär wie die Tat, die David H. vorgeworfen wird. Der als mutmaßlicher "Porsche-Mörder" titulierte 24-Jährige türmte im Februar aus der Untersuchungshaft in Stadelheim. Für seinen waghalsigen Plan brauchte er Kinderspielzeug, ein paar Päckchen Tabak - und einen Helfer im Knast. Details hat die Münchner Staatsanwaltschaft am Donnerstagvormittag erzählt. Gegen den Fluchthelfer, einen 23 Jahre alten Mithäftling, ist jetzt Anklage erhoben worden. Ihm könnten bis zu drei weitere Jahre im Gefängnis blühen, zusätzlich zu den sechseinhalb Jahren, die er derzeit wegen einer brutalen Gewalttat absitzen muss. David H., der sich wegen Mordes an seinem Kokain-Dealer vor dem Münchner Landgericht verantworten muss, wird dagegen wegen seines selbst organisierten Hafturlaubs nicht belangt werden: Wer aus dem Gefängnis abhaut, macht sich selbst nicht strafbar.

Der mutmaßliche Fluchthelfer sitzt nach einem rechtskräftigen Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth ein. Anfang Februar soll David H. mit seinem neuen Bekannten über die Fluchtpläne gesprochen haben. Beide werkelten als Vorarbeiter an Kinderspielzeug, das in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim hergestellt wird. Am Morgen des 9. Februar wollte H. seinen Plan in die Tat umsetzen. Sein Restvorrat von vier bis fünf Packungen Tabak war nach Überzeugung der Münchner Staatsanwaltschaft der Lohn, den der Helfer für seine Dienste bekam. Denn ohne einen zweiten Mann hätte das Unternehmen nicht geklappt.

Beide hätten gewusst, dass an diesem Tag mit einem Lastwagen Kisten mit Spielzeug aus der Werkstatt abgeholt werden sollten, sagt Oberstaatsanwältin Anne Leiding. Zusammen mit zwei Mitgefangenen sollte der mutmaßliche Fluchthelfer die Kisten aus dem Lagerraum unterhalb der Werkstatt in den Lkw schaffen. Die Paletten mit jeweils vier übereinander gestapelten Kartons standen zum Abtransport schon bereit.

Daraus, so Leiding, habe H. sein Versteck gebastelt, indem er die Böden und Deckel der leeren Kartons herausschnitt, um sich in dem so entstandenen Hohlraum zu verkriechen. David H. hatte an alles gedacht: Er trug zivile Kleidung unter seiner Gefangenenkluft. Die verräterische Anstaltskleidung legte er in einem unbeobachteten Moment ab. Er hatte sogar einen Abschiedsbrief an die Gefängnisleitung verfasst, den er zusammen mit der Wäsche auf einem Kartonstapel deponierte.

Zurück in Stadelheim plauderte H. wohl den Namen seines Fluchthelfers aus

"Anschließend verbarg er sich mit Hilfe des Angeschuldigten in dem präparierten Kartonstapel", glauben die Ermittler. Der Helfer habe dann noch einen vierten mit Spielzeug gefüllten Karton auf diesen Stapel gepackt. H. hätte das von seinem Versteck aus selbst nicht gekonnt, sagt Leiding. Für die Staatsanwaltschaft steht deshalb fest: Es muss einen Helfer gegeben haben. Dieser habe auch dafür gesorgt, dass die Palette an den Wachbeamten vorbei zur Laderampe gebracht wurde. Dort wurde noch ein fünfter Karton auf die Stapel gesetzt.

Der Fluchthelfer habe zudem sichergestellt, dass die Palette, auf der H. versteckt war, so in den Lkw verladen wurde, dass der Untersuchungsgefangene sich leicht selbst wieder befreien konnte. Das passierte gegen 9.10 Uhr, als der Lastwagen auf die Autobahn einbog. Als der Lkw wenig später abbremsen musste, sprang H. ab und verletzte sich dabei leicht. Als Anhalter ließ der 24-Jährige sich in einem Auto zur nächsten S-Bahn-Station mitnehmen. Dann fuhr er ins heimische Hasenbergl, um dort seinen Vater zu besuchen. Die Zivilfahnder, die ihn nur zwei Stunden später nahe der U-Bahn-Station Dülferstraße aufspüren und wieder einsammeln konnten, hatten leichtes Spiel.

Zurück in Stadelheim plauderte H. laut Staatsanwaltschaft den Namen seines Fluchthelfers aus. Erst später bei der Polizei berief er sich auf sein Aussageverweigerungsrecht und machte keine Angaben mehr zur Sache.

Der 23 Jahre alte mutmaßliche Helfer hatte an Silvester 2019 zusammen mit einem Komplizen den Vater eines Internet-Kumpels in Hersbruck überfallen und gefoltert, sogar eine Scheinhinrichtung inszenierte er. Das Verbrechen übertrug der Täter live in den gemeinsamen Online-Spiele-Chat.

H. wiederum steht seit Ende April wegen der tödlichen Schüsse auf einen 25 Jahre alten Drogendealer vor Gericht. Die Tat, die sich am 17. März vergangenen Jahres vor der evangelischen Versöhnungskirche im Münchner Stadtteil Am Hart ereignete, hat H. gestanden. Er sei zu dem Kokain-Lieferanten, der ihn bedroht und finanziell erpresst habe, in dessen Porsche Panamera gestiegen, habe "die Augen zugemacht und dreimal ganz schnell abgedrückt". Obwohl ein Spaziergänger die Schüsse hörte, wurde die Leiche in dem knapp 100 000 Euro teuren Sportwagen erst am nächsten Morgen entdeckt.

© SZ vom 21.05.2021/infu, van
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