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Modellversuch:Der Himmel über Stadelheim

Abwehrsystem für Drohnen

Das Abwehrsystem, das Bayern nun als erstes Bundesland erprobt, kommt aus der Schweiz und heißt "Dropster".

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Mit einer Abschussvorrichtung sollen Gefängniswärter in Bayern künftig Drohnen abfangen, die Insassen mit Drogen, Handys oder Waffen versorgen. Doch die Fluggeräte zuverlässig zu erkennen, ist nicht einfach.

Von Julian Hans

Bayerns Gefängnisse sollen künftig mit speziellen Abschussvorrichtungen vor Drohnen geschützt werden. Am Mittwoch gab Justizminister Georg Eisenreich auf dem Sportplatz der JVA Stadelheim den symbolischen Startschuss für einen Modellversuch, an dem zunächst acht Justizvollzugsanstalten teilnehmen werden: Der CSU-Politiker holte mit einem per Gaspatrone abgeschossenen Fangnetz eine Drohne vom Himmel.

Mit der technischen Entwicklung in den vergangenen Jahren sind unbemannte Fluggeräte heute nicht nur von jedermann leicht zu steuern, sie werden auch immer erschwinglicher und leiser. Haftanstalten stellt das vor ein Problem, weil per Drohne Drogen, Handys oder Waffen geschmuggelt werden können. Die Beamten des bayerischen Justizministeriums haben seit 2015 insgesamt 57 Fälle gezählt, in denen sich eine Drohne einem Gefängnis genähert oder sogar das Gelände überflogen hat. "Wenn es einen Überflug gibt, muss mit großem Aufwand alles abgesucht werden, um zu klären, ob Gegenstände eingebracht wurden", erläuterte Eisenreich. In zwei Fällen entdeckte das Wachpersonal dabei eine illegale Fracht, die aus der Luft abgeworfen wurde: in einem Fall ein Handy, im anderen Fall Drogen. Bisher gebe es aber "keinen verifizierten Fall, dass auch wirklich erfolgreich etwas eingeschmuggelt worden ist", so Eisenreich.

Justizminister Georg Eisenreich will Bayerns Gefängnisse gegen unbemannte Flugobjekte rüsten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Abwehrsystem, das Bayern nun als erstes Bundesland erprobt, kommt aus der Schweiz und heißt "Dropster". Das Unternehmen Droptec hatte es ursprünglich zum Schutz des Weltwirtschaftsforums in Davos entwickelt. Drohnen mit Schrot oder anderer scharfer Munition abzuschießen, wäre zu gefährlich, und man müsste ein sehr guter Schütze sein, um fliegende Apparate zu treffen, die nicht größer sind als eine gefaltete Tageszeitung. Laut Hersteller wird das System inzwischen auch in Österreich eingesetzt. Aus einer einem Gewehr ähnlichen Vorrichtung wird ein gefaltetes Netz aus Kunststofffäden abgeschossen, das sich im Flug entfaltet und um die Rotoren der Drohne wickelt.

Für den Pilotversuch hat das Justizministerium zunächst 15 dieser Geräte bestellt. Ein Koffer mit der Abschussvorrichtung, fünf Netzpatronen und einem Gehörschutz kostet etwa 5000 Euro. Vollzugsbeamte der beteiligten JVAs bekamen am Mittwoch auf dem Sportplatz in Stadelheim ein erstes Schießtraining.

Erst am Tag zuvor sei eine Drohne über das Gelände der Münchner JVA geflogen, berichtet der Anstaltsleiter Michael Stumpf. Der Apparat sei in den Abendstunden schräg über den Hof geflogen. "Deswegen kontrollieren wir in der Früh, bevor die Gefangenen ausrücken, ob nicht irgendetwas rumliegt, was da nicht liegen soll", sagte Stumpf.

Ein feines Netz wickelt sich um die Rotoren und die Drohne stürzt zu Boden - vorausgesetzt, man hat gut gezielt..

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Drohnenfänger sind nur eine Maßnahmen unter vielen, die unternommen werden, um mit der technischen Aufrüstung auch bei Kriminellen Schritt zu halten. So wurden in den vergangenen Jahren zusätzliche Gitter vor den Fenstern der Hafträume montiert, die zwar Licht und Luft durchlassen, aber so engmaschig sind, dass eine Drohne keine Fracht anliefern könnte. Demnächst soll die Beleuchtung des Geländes auf LED umgestellt werden, was die Sichtbarkeit in der Nacht weiter verbessere, erklärt Stumpf

Bevor eine Drohne abgeschossen werden kann, muss sie allerdings erst einmal entdeckt und geortet werden. Und das könnte sich als das größere Problem herausstellen. Verschiedene Anbieter haben dafür Systeme entwickelt, die über Audio, Video und Funkfrequenzortung den Luftraum über kritischen Objekten überwachen. Eine Ausschreibung für ein solches System sei gerade abgeschlossen, sagt Eisenreich: "Die Angebote sind da, die werden jetzt bewertet." Vorerst setzt Anstaltsleiter Stumpf auf die Augen und Ohren seiner Mitarbeiter. "Wenn der Rettungshubschrauber vom Harlachinger Krankenhaus hier drüber fliegt, dann sind wir alle schon sensibilisiert und schauen, ob das wirklich nur der Rettungshubschrauber ist."

Es muss aber gar nicht immer Hochtechnologie sein. Immer noch kommt es vor, dass Komplizen Drogen über die Mauer schießen - verpackt in einen Tennisball.

© SZ vom 15.10.2020/syn

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