Junge Kunst zwischen Protest und SelbstfindungWenn queere Stimmen sichtbar werden

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Kunst wirkt beruhigend auf Adriana Zinner, bei der ADHS diagnostiziert wurde. Aber sie möchte mit ihrer Arbeit auch wichtigen Themen eine Bühne geben – vor allem den Anliegen junger queerer Menschen.
Kunst wirkt beruhigend auf Adriana Zinner, bei der ADHS diagnostiziert wurde. Aber sie möchte mit ihrer Arbeit auch wichtigen Themen eine Bühne geben – vor allem den Anliegen junger queerer Menschen. Johannes Simon

Gleichberechtigung, ADHS, Identität – für Adriana Zinner sind das keine getrennten Themen. Ihre Kunst ist Manifest, Therapie und Aufschrei zugleich.

Von Irem Özkalgay

Eine Frau mit Sonnenbrille und Lederjacke reckt den Arm hoch in die Luft. In der Hand trägt sie ein Schild mit dem Slogan „Don’t tell me how to dress! Tell them not to rape.“ Das Bild, das mit schwarzer Acrylfarbe auf eine weiße Leinwand gemalt ist, ist nur eines von vielen Werken von Adriana Zinner. Die 21-Jährige teilt ihre Kunstwerke regelmäßig auf ihrem Instagram-Feed unter dem Motto „Queer, feministisch und laut!“. Was wie eine Charakterbeschreibung klingt, ist für sie gleichzeitig Antrieb und künstlerisches Programm.

Johannes Simon

Ihre Kunstwerke sollen genauso laut sein wie sie selbst. „Ich hatte schon immer ein sehr großes Mundwerk“, sagt sie und schmunzelt. Dass das durch ihr ADHS verstärkt werden könnte, war ihr lange nicht bewusst. „Durch die Kunst konnte ich meine Impulse endlich kontrollieren. Beim Malen fühle ich mich ruhig und gelassen.“ So positiv blicke sie erst seit Kurzem auf ihre Erkrankung – als Jugendliche habe sie hauptsächlich darunter gelitten, weil die Diagnose viel zu spät kam. „ADHS bei Frauen wird leider immer noch viel zu selten diagnostiziert. Es gilt nach wie vor als reine Jungs-Krankheit“, sagt Adriana.

Johannes Simon

Kunst wirkt beruhigend auf Adriana. Aber sie möchte mit ihrer Arbeit auch wichtigen Themen eine Bühne geben – vor allem den Anliegen junger queerer Menschen. „Am liebsten nehme ich politische oder gesellschaftliche Diskurse, die Freundinnen und mich beschäftigen, und verwandle sie in ein Kunstwerk“, erzählt sie. Themen gebe es ja leider genug. „Vieles geht mir sehr nah, aber man muss sich damit auseinandersetzen“, sagt sie. Eines ihrer liebsten Werke sei nach einer Demo gegen Rechts entstanden, bei der sie ein selbst aufgenommenes Foto als Inspiration nutzte. Politik und persönliche Erfahrung sind in ihrer Kunst kaum zu trennen.

Johannes Simon

„Ich bin eigentlich schon immer ein kreativer Mensch gewesen“, sagt Adriana. Zuvor habe sie hauptsächlich Slam Poetry geschrieben, nun wolle sie sich auf ihre Kunst konzentrieren. „Mein erstes großes Bild in dem Stil habe ich als Geschenk für eine Freundin gefertigt. Von dem waren alle so begeistert, dass es mich motiviert hat, weiterzumachen.“ Dabei handelt es sich um ein Polaroid von Adriana und ihren besten Freundinnen, das sie mit schwarzer Farbe auf eine große Leinwand übertragen hat. Ein auf den ersten Blick simples Bild, das bei näherem Betrachten die Emotionen der Abgebildeten perfekt einfängt. Darauf lege Adriana großen Wert, wie sie sagt.

Johannes Simon

Um ihren Worten noch mehr Ausdruck zu verleihen, nutzt Adriana am liebsten alte Buchseiten als Hintergrund. Auf den Inhalt der Bücher habe sie sich nie konzentrieren können – stattdessen habe sie immer auf den Seiten herumgekritzelt. „Es sind eh nur Worte, die herumliegen – warum also nicht etwas Nützliches aus ihnen machen und ihnen neues Leben einhauchen?“, sagt sie.

Johannes Simon

Worten eine Bedeutung verleihen und ihren Mitmenschen eine wertvolle Message überbringen, das sei ihr größtes Ziel. „Wenn ich es schaffe, auch nur eine Person durch meine Bilder zum Nachdenken anzuregen, dann bin ich schon zufrieden“, sagt sie. Vergangenes Jahr durfte sie mit weiteren queeren Künstlerinnen und Künstlern eine eigene Ausstellung in München eröffnen. „Es war mehr als nur Kunst, es war wie ein interaktiver Safespace für junge, queere Menschen“, erzählt sie. Orte wie diese gebe es ihrer Meinung nach in München noch viel zu selten. „Das muss sich zukünftig ändern!“, sagt Adriana. „Und ich möchte meinen Teil dazu beitragen!“

Junge Leute

München lebt. Viele junge Menschen in der Stadt verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Hier werden diese Menschen vorgestellt – von jungen Autoren.

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