Süddeutsche Zeitung

Junge Leute 2023:Bitte vormerken

Lesezeit: 7 min

Bildungschancen für alle, ein Safe-Space für die queere Community und viel Platz für junge Kunst: Diese jungen Menschen tragen 2023 dazu bei, dass München bunt, spannend und lebenswert bleibt.

Von Leila Herrmann, Luca Lang, Clara Löffler, Pauline Marie Metz, Elena Nieberle, Valentina Spangler, Agnes Striegan und Nikolai Vack

Jede Woche treffen wir auf junge Menschen, die München zu "unserem" München machen: zu einer spannenden Stadt, in der unaufhörlich viele neue Ideen geboren werden. Wer München in diesem Jahr bunter und lebenswerter macht? Wir wissen es natürlich nicht. Und wagen trotzdem einen Ausblick: Münchens junge Leute 2023.

Pophoffnung

"Loni Elle hat beschlossen, dass es Zeit ist! Zeit, endlich ihre eigene Musik zu releasen." So steht es auf der Website der 20-jährigen Indie-Pop-Musikerin, die mit bürgerlichem Namen Loni Lipp heißt. Bislang hielt sie sich eher im Hintergrund, arrangierte Songs für verschiedene Bands und trat mit ihnen zusammen auf. Beim diesjährigen "Sound Of Munich Now"-Festival etwa war Loni in gleich zwei Videos als Bassistin zu sehen: einmal mit Barska & The Factory, ein anderes Mal mit Santans. Im kommenden Jahr will sie selbst eine Band gründen, denn "alleine auf der Bühne zu stehen, macht nur halb so viel Spaß wie mit anderen". Aber bei Liveauftritten soll es nicht bleiben, auch eine EP ist bereits in Planung. Die jüngst erschienene Single "Repression" lässt jedenfalls Großes erwarten. Clara Löffler

Plattform

"Wir wollen einfach Leuten, die coole Sachen machen, eine Plattform geben." Deswegen haben Mali Wychodil, 25, und Aki Hertlein, 31, die Veranstaltungsreihe "Soma" ins Leben gerufen. Die Gleichzeitigkeit verschiedener Kulturprogramme macht Soma so einzigartig, denn der Zirka Space verwandelt sich am Tag des Events in Markt, Workshop, Ausstellung, Showroom, Café, Konzert und Party. Mali und Aki wollen dadurch kleinen Labels und unbekannten Künstler- und Künstlerinnen sowie Musikern und Musikerinnen eine Stimme und Bühne geben, ohne dass diese ein finanzielles Risiko eingehen müssen - und den Besuchern einen Ort zum Verweilen und Entdecken. Dabei legen sie nie fest, wie genau das Event aussehen wird. "Wir schauen einfach, wer sich bewirbt und kuratieren dann daraus, sodass man immer Abwechslung hat", sagt Mali. Leila Herrmann

An der Stange

Denkt man an Poledance, denkt man schnell an Stripclub oder Rotlichtmilieu. Oder man denkt an Shakiras Musikvideo für den Song "Rabiosa". So auch der 26-jährige Oliver Distl. Er ist Poledancer und Poledance-Lehrer in München. Vor zehn Jahren hat er das erste Mal die Tanzeinlage von Shakira an der Stange gesehen und war fasziniert. Ein paar Jahre später hat er dann selbst mit dem Tanzen angefangen. "Mit nur an der Stange räkeln hat das schnell nichts mehr zu tun, es ist wirklich sehr anstrengend und fordert viel vom eigenen Körper", sagt Oliver. Zukünftig will er vor allem mehr Menschen dazu bewegen, Poledance auszuprobieren, Workshops geben und bei Events auftreten. Und nebenbei die Vorurteile abbauen. Er ist zuversichtlich: "Ich habe schon das Gefühl, dass durch die mediale Präsenz des Sports weniger stigmatisiert wird als noch vor zehn oder 20 Jahren." Leila Herrmann

Alltagsbeobachtungen

Das Schreiben begleitet Aylin Rauh schon ihr ganzes Leben. Wie so oft waren es Tagebücher, in denen die 23-Jährige ihr Innenleben auf das Papier brachte, ihre Gedanken in Geschichten und Gedichte kleidete. Geändert hat sich seitdem nicht viel. Nur, dass Aylin nicht mehr nur für sich schreibt, sondern ihre Gedanken der Welt zugänglich macht. Schon früh habe sie gemerkt, dass sich ihre Erlebnisse nicht nur auf ihre Gefühlswelt beziehen, "sondern auch auf Themen, die die ganze Gesellschaft bewegen", sagt sie. 2023 soll bereits ihr drittes Buch erscheinen. Mit den Textfragmenten und Alltagsbeobachtungen möchte Aylin in einer Zeit, "in der man sich tagtäglich mit Informationsfluten auseinandersetzen muss", wie sie sagt, Orientierung bieten und ihre Perspektive auf die Welt zeigen. Denn: Als rassifizierte Person, die aufgrund ihrer Herkunft Diskriminierungserfahrungen macht, wird ihr Blick in der Gesellschaft oft unsichtbar gemacht, sagt Aylin. "Wenn man solche Erfahrungen teilt, kann man andere Menschen auch damit unterstützen." Luca Lang

Party und Spektakel

Sie sind der Inbegriff von Party, Queer und Drag. "The Werkroom" gehört zu den buntesten Partyreihen, die München aktuell erleben darf. Hinter dem Mix aus Kunst, Event und Spektakel steckt James Roberts. Der Hamburger Veranstaltungskaufmann ist vor vier Jahren eher zufällig in München gelandet. "Das Potenzial war da in München mit Gay- und Queer-Veranstaltungen im Popbereich, aber sonst gab es außer den großen Veranstaltungen nichts." Und so startete The Werkroom in der Villa Flora. Dabei war James, der "The Werkroom" in seiner Freizeit organisiert, von vornherein klar: "Ich wollte da Herzblut reinstecken." Das heißt, nicht nur Bar auf- und zuschließen, sondern Dragqueens oder -kings zu involvieren. Jedes Event bekommt ein Motto und braucht dementsprechend monatelange Vorbereitung für Show, Deko und Spiele. Pauline Marie Metz

Bildungschancen

Er selbst, sagt Jonas Will, 22, habe ja alle Bildungschancen gehabt, die man sich vorstellen kann: Abitur, Auslandspraktikum in Mexiko, Studium der Wirtschaftspsychologie. Und deshalb möchte er jetzt etwas zurückgeben. Seit eineinhalb Jahren engagiert er sich bei Techdalo, einem sozialen Start-up, das Jugendlichen in Kolumbien eine viermonatige Ausbildung in der Webentwicklung finanziert und sie mit Mentoring und Workshops unterstützt. Gegründet wurde Techdalo 2019, da war Jonas noch nicht dabei. Inzwischen ist er Team Lead. Während seines Auslandsaufenthalts hat er kolumbianische Freunde gefunden und Weihnachten in Kolumbien verbracht, deswegen hat es ihn zu Techdalo gezogen. Was ihm wichtig ist: Techdalo möchte nicht von außen mit Vorstellungen daherkommen, wie Menschen in Kolumbien zu leben haben. Etwa die Hälfte des achtköpfigen Teams ist selbst aus Kolumbien, sie haben auch schon zwei Projektreisen in das Land unternommen. "Wir wollen keinen Kolonialismus 2.0", sagt Jonas. Im nächsten Jahr will Techdalo sein Programm so optimieren, dass es statt fünf oder sechs Schülern Hunderte durchlaufen können. Auf lange Sicht soll aus Techdalo eine Stiftung mit Sitz in Kolumbien werden, unabhängig von Studierenden in Deutschland. Gerade hat Jonas für seinen Einsatz einen Engagement-Preis der Studienstiftung gewonnen. Agnes Striegan

Armutsgefährdet

37,9 Prozent der Studierenden in Deutschland waren 2021 armutsgefährdet. Welche Erfahrungen machen sie? Darüber wollen Pia Schlegl, 23, Sabrina Lamboy-Lößl, 24, und Henry Weiss, 24, mit einem Dokumentarfilm aufklären. Die Designstudierenden an der Hochschule München haben selbst finanzielle Schwierigkeiten und deren diskriminierende Folgen im Studium erlebt. "Ich war erstaunt darüber, dass sehr viele Menschen an der Uni, mit denen ich geredet habe, von ähnlichen Erfahrungen erzählen konnten. Das war mir vor unserer Recherche nicht bewusst", sagt Pia. Doch Betroffene zu finden, die bereit sind, vor die Kamera zu treten, ist gar nicht so einfach. Auch deshalb drehen die drei einen Film: "Damit in Zukunft mehr Menschen sich trauen, über dieses Thema zu sprechen", sagt Sabrina. Clara Löffler

Platz für Kunst

Im Kunstprojekt Leer_Raum ist der Raum genau das, was für Künstler und Künstlerinnen so selten ist, eine Fläche zum Ausstellen ihrer Kunstwerke. Das Projekt Leer_Raum wird geleitet und kuratiert von Leni Burger, 28, und Mercedes Corvinus, 29, die beide selbst als Künstlerinnen in der Münchner Kunstszene aktiv sind. "Wir möchten der jungen Kunstszene einen Ort geben, deshalb auch der Name Leer_Raum, dort haben sie Platz, um Sichtbarkeit zu bekommen", sagt Mercedes Corvinus. Platz zum Arbeiten zu haben, schätzen die beiden sehr wert. "Der Platz in München ist für Künstler und Künstlerinnen begrenzt", sagt Leni. Sie planen weitere Ausstellungen und Workshops im Leer_Raum, auch Filmvorführungen ziehen die beiden in Betracht. Bis Februar 2023 ist der Leer_Raum im Motorama an der Rosenheimer Straße für Ausstellungen und Events offen. Leni und Mercedes hoffen, dass es für den Leer_Raum auch danach noch weitergeht, da sie noch einige Pläne haben. Mercedes sagt: "Der Leer_Raum ist der Platz, um gefüllt zu werden." Valentina Spangler

Internationales Orchester

"Sharp Objekts" heißt das neue musikalische Projekt von Nathan Carruthers, 27. Eine Art frei improvisierendes Orchester will er dieses Jahr auf die Beine stellen - mit 16 Ensemble-Mitgliedern verschiedenster Nationalitäten. Der Schlagzeuger studiert Komposition an der Hochschule für Musik und Theater in München. Die Idee für Sharp Objekts kam ihm gemeinsam mit seinem Studienkollegen Eduardo Salinas, 26 - der eine US-Amerikaner, der andere Chilene. In ihren freien Improvisationen verschmelzen Klassik und Jazz zu einem Produkt avantgardistischer Musik. "Das funktioniert erfahrungsgemäß gut zu zweit oder zu dritt", so Carruthers. "Aber geht das Ganze auch in Orchestergröße? Diese Frage ging uns nicht mehr aus dem Kopf." Niko Vack

Safe-Space

"Ich möchte der queeren Community in München etwas zurückgeben", sagt Lina Kassem. Sie hat im September 2022 "Sapphics in Munich" gegründet, eine WhatsApp-Gruppe zur Vernetzung von queeren, sich als weiblich identifizierenden Menschen in München. Lina wohnt seit einem Jahr in Deutschland, aufgewachsen ist sie in Libanon. Ein Grund für das Leben hier ist, ihre Sexualität offen leben zu können. "Die Möglichkeit, in München geoutet zu leben und Teil der queeren Community hier zu sein, hat mich auf diese Initiative gebracht." Die Gruppe, benannt nach der antiken griechischen Dichterin Sappho, die über ihre Liebe zu Frauen geschrieben hat, ist ein Safe-Space für alle Mitglieder. Jeden Monat gibt es ein Vernetzungstreffen, bei dem Aktivitäten zusammen unternommen werden. Elena Nieberle

Faszination

Soojeong Gos Professor beherrscht das Instrument, das sie bei ihm studiert, selbst nicht. Wie auch - sie ist derzeit die einzige Person in Europa, die das Haegum professionell spielt. Das traditionelle koreanische Streichinstrument, das nur zwei Saiten hat, faszinierte Soojeong, seit sie es mit zwölf das erste Mal bei einem Konzert sah. In Seoul studierte die Musikerin koreanische Musik und arbeitete als Haegum-Performerin und Lehrerin, wurde einige Male ausgezeichnet. Bei einem Workshop in Berlin probierte sie zum ersten Mal Jazzimprovisation aus - und wieder war eine Faszination entfacht. "Ich will mit meinem Instrument mit anderen kommunizieren können." Seit September lebt sie nun in München und studiert an der Hochschule für Musik und Theater Jazzimprovisation. Diese Musikrichtung auf dem Haegum zu spielen, ist ein völlig neuartiges Unterfangen. Es erfordert auch eine andere Spielweise. "Ich will nicht einfach andere Streichinstrumente imitieren, sondern finde gerade einen eigenen Jazz-Stil auf dem Haegum", sagt die 28-Jährige. Elisabeth Fleschutz

Die Nacht als Glücksspiel

Eine Bar mit leuchteten Schaukästen. ", SPLASH, WHOOM, GULP" ist in Großbuchstaben zu lesen, dahinter leuchtet es weiß, man sieht Blau, Pink und Grün. Darüber hängt das Neonschild der Cucurucu-Bar am Hauptbahnhof. "Wir wollten die Ästhetik der Glücksspielautomaten in einem Schaukasten widerspiegeln", sagt Theresa Hoffmann, die mit ihrer Schwester Felizitas und Natalia Jobe das Kollektiv Hybris bildet. Sie möchten mit ihrer Installation aufzeigen, dass eine Nacht in München ein Glücksspiel sein kann. Das Schlagwort: K.-o.-Tropfen. Flinta, also Frauen, Lesben, Inter-, non-binäre, Trans- und a-Gender-Personen, wird die Substanz oft unbemerkt untergejubelt. Das Kollektiv nutzt ihre Präsenz, um Aufmerksamkeit zu wecken. Valentina Spangler

Junge Leute

München lebt. Viele junge Menschen in der Stadt verfolgen aufregende Projekte, haben interessante Ideen und können spannende Geschichten erzählen. Hier werden diese Menschen vorgestellt - von jungen Autoren.

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