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München:Diese jungen Menschen bewegen die Stadt

Flugblätter, Pop-up-Bühnen und Ratgeber: Wer im Jahr 2021 dazu beiträgt, dass München bunt, spannend und lebenswert bleibt.

Jede Woche treffen wir an dieser Stelle auf junge Menschen, die München zu "unserem" München machen: zu einer spannenden Stadt, die man erst versteht, wenn man ihre Macher kennen und schätzen lernt. Wer diese Stadt in diesem Jahr bunter und lebenswerter macht? Wir wissen es natürlich nicht. Und wagen trotzdem einen Ausblick: Münchens junge Leute 2021.

Pophoffnung

Amadea Ackermann

(Foto: Amadea Ackermann)

Manchmal muss man Abstand gewinnen, um sich weiterzuentwickeln. Amadea Ackermann, 19, hat nach eigener Aussage von der zweiten Klasse an bei Schulkonzerten jede Chance auf einen Soloauftritt ergriffen. Sie hat in einer Big Band und in einer Coverband gesungen - alles so weit normal. 2017 ist sie dann für sechs Monate in die USA gezogen, nach Boulder im Bundesstaat Colorado. "Meine Motivation war, einfach mal raus aus Deutschland zu kommen, weil ich gemerkt habe, dass es schwer sein kann, Leute zu finden, die so sehr für Musik brennen wie ich", sagt sie. "Ich habe dort zum ersten Mal richtig gelernt, meine Gefühle in Worte zu fassen und daraus sinnvolle Musik zu machen." Im Anschluss kam sie für ein Jungstudium an die Musikhochschule in München - noch heute schwärmen Mitstudierende von ihrem Gesang. "Gänsehaut pur", sagt etwa Lotte Friederich, Sängerin von Loriia. Seit 2018 schreibt und produziert Amadea ihre eigenen Songs zwischen James-Bond-Dramatik, verspielten Karibik-Offbeats und der Leichtigkeit von Au Revoir Simone. Vor wenigen Wochen erschien ihre allererste EP. Amadea nennt sie ihr Soloprojekt. 2021 wird sie damit Aufsehen erregen. Amadea sieht das alles eher bescheiden. In zwei Jahren vielleicht, sagt sie, hoffe sie, mit ihrer Musik mehr Menschen als heute zu erreichen. Michael Bremmer

Mutig und politisch

Patrik Grießmeier

(Foto: Lea Dähne)

Patrik Grießmeier, 24, bringt mit seinem Instagram-Account zwei Welten zusammen: Schauspiel und die Kunstform Drag. Er will nicht nur unterhalten, sondern auch sein politisches Anliegen vermitteln, denn: Drag wird oft missverstanden als etwas, was mit der eigenen Sexualität, dem eigenen Gender zu tun hat. Stattdessen möchte Patrik betonen, dass Drag eine Kunstform ist - und wichtig. "In Drag gibt es keine Schönheitsideale", sagt Patrik und beschreibt das Selbstbewusstsein, das Menschen, die nicht typischen Schönheitsidealen entsprechen, dann in Drag empfinden. Auch Patrik kennt dieses Gefühl. Als Jugendlicher merkte er bereits, dass es ihm Wohlbefinden und Mut gab, sich als Dragqueen zu zeigen: "Es ist wahnsinnig stark und mutig, so aufzutreten, es ist wichtig, so aufzutreten, es ist politisch, und das ist mir alles erst viel später klar geworden." In den kommenden Monaten will er sich noch stärker für die Menschen einsetzen, die Ähnliches durchgemacht haben wie er. Francesca Rieker

Digitalflucht

Philipp Thurmaier

(Foto: Philipp Thurmaier)

Die Corona-Pandemie hat Kunst- und Kulturprojekte in den digitalen Raum verlagert. Philipp Thurmaier, 27, möchte im neuen Jahr mit seinem Ausstellungsprojekt "Negativ-Retusche" einen Schritt zurück in die greifbare Realität gehen. Er spricht von "Digitalflucht" und plant ein Fotobuch samt Ausstellung. In der Pandemie kam ihm die Idee für das Projekt. "Ich wollte meinen alten Schwarz-Weiß-Bildern ein zweites Leben einhauchen", sagt er. Also retuschierte, übermalte, verfremdete Philipp Konzert- und Porträtaufnahmen aus der Münchner Musikszene. Fotos, die in den vergangenen Monaten erst selten und dann ganz unmöglich wurden. Er verlieh ihnen einen "surrealen Touch", wie er sagt. Sobald die Corona-Bestimmungen es wieder zulassen, plant Philipp, seine Bilder auszustellen. Louis Seibert

Staatenlos

Christiana Bukalo

(Foto: Joel Heyd)

Mehr als 20 Stunden musste Christiana Bukalo, 26, am Flughafen in Marokko in der Transitzone warten, dann wurde sie in den nächsten Flieger zurück nach Deutschland gesetzt. Der Grund: Die in Deutschland geborene junge Frau ist staatenlos und hätte für die Einreise ein besonderes Visum beantragen müssen. Das wusste Christiana allerdings nicht. Denn wer staatenlos ist oder einen nichtgeklärten Aufenthaltstitel hat, muss kreativ werden, um herauszufinden, in welche Länder man wie einreisen kann. Eine zentrale Informationsstelle gibt es nicht. Diesen Umstand will Christiana jetzt ändern. Dafür hat sie die Plattform www.Statefree.world gegründet. Hier können sich Betroffene miteinander austauschen und ihre Erfahrungen teilen. "Ziel des Projektes ist es, eine Gemeinschaft zu schaffen für staatenlose Menschen, die es häufig nicht gewohnt sind, Teil einer Gemeinschaft zu sein", sagt Christiana. Laurens Greschat

Räume für Träume

Abdullah Khan gründete mit Freunden den "Subkultur e.V.".

(Foto: Sadiq Warrakah)

Ein eigener Verein als Sprachrohr der Münchner Subkultur. Das ist der Plan von Abdullah Khan, 23, der gemeinsam mit Freunden den Subkultur e.V. gründen möchte. Der Verein soll Interessensvertretung der verschiedenen Strömungen der Münchner Subkultur sein - musikalisch, künstlerisch, sprachlich und gestalterisch. Die Vereinsgründung soll ermöglichen, sich auf demokratischer Basis aktiv in der Stadtpolitik einzubringen. "Gerade in München, wo es schon länger an der Förderung der Subkultur mangelt, sehen wir großes Potenzial", sagt Abdullah, der sich aktuell in der Ausbildung zum Notfallsanitäter befindet und außerdem DJ beim Kollektiv Bushbash ist. Amelie Völker

Endlich analog

Celine Edinger

(Foto: Privat)

Seit mehr als drei Jahren betreibt Celine Edinger, 22, ihren Blog "Greyisthenewcolorful" und ist unter anderem auch auf Instagram präsent. Digitales Neuland musste sie also während der Corona-Pandemie nicht betreten. Nun will sie den Sprung ins Analoge wagen und ein eigenes Print-Magazin auf die Beine stellen. Darin soll es vor allem um Ästhetik und Fotografie in Verbindung mit hochwertigem Inhalt gehen, der auch mal kritisch sein und zum Nachdenken anregen soll, wie sie sagt. Der Inhalt reicht dabei von Geschichten und Poesie über Meinungsbeiträge bis hin zu Rezeptvorschlägen. Ihre Motivation dahinter? "Online ist alles viel schnelllebiger. Und auf Qualität wird weniger Wert gelegt. Deswegen wollte ich mir noch eine andere Plattform suchen." Eine erste Pilotausgabe mit dem Titel "Kaffeezeit" ist bereits erschienen, die aber noch sehr persönlich war. In diesem Jahr will sie mit mehr Inhalt, mehr Autoren und auch Offline-Verkauf durchstarten. Moritz Richter

Monacorona

Natalie Aguilar (hier mit Benjamin Soul)

(Foto: Natalie Aguilar)

Natalie Aguilar, 28, ist Sängerin und hat gemeinsam mit anderen Münchner Bands "Monacorona" ins Leben gerufen. Monacorona soll im Sommer 2021 starten und ist als Pop-up-Bühne für eine Konzertreihe gedacht: An wechselnden Orten in der Stadt soll die Bühne bespielt werden. Eine Förderung hat Natalie für das Projekt bereits erhalten. Das Hygienekonzept steht. Aber: "Der Bau der Bühne, die extra angefertigt werden muss, ist leider nicht förderfähig", sagt Natalie. Ohne Bühne, keine Konzerte. Deshalb läuft noch bis 17. Januar eine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext. Für die Realisierung der nachhaltigen Bühne werden rund 6500 Euro benötigt. Ornella Cosenza

Auf nach Madagaskar

Simon Kassahun sitzt im Vorstand der Studierendeninitiative "Med Tech One World Students e.V." .

(Foto: Simon Kassahun)

Simon Kassahun, 22, möchte Menschen in Entwicklungsländern helfen - und zwar durch Medizintechnik. Deshalb sitzt der Wirtschaftsinformatikstudent im Vorstand der Studierendeninitiative "Med Tech One World Students e.V." an der TU München, die seit 2018 Medizintechnik für Entwicklungsländer entwickelt. Er sagt: "Ich habe Familie in Äthiopien und weiß, dass dort ein riesiger Bedarf an Medizintechnik besteht. Oft fehlt es an Ersatzteilen, wenn gespendete, hochwertige Geräte kaputt sind." Jeder könne sich in die Initiative einbringen, gefragt seien nicht nur Ingenieure. 2020 war das Jahr, in dem Medizintechnik vermutlich so gefragt war wie lange nicht. Auch die gut 20 Studierenden konnten in der globalen Gesundheitskrise helfen: Sie haben 500 000 Atemschutzmasken in Form von Kaffeefiltern herstellen lassen und in Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Generalkonsulat nach Äthiopien geschafft. Wegen solcher Projekte sagt der Doktorand und Projektleiter Fabian Jodeit, 31, über seine Gruppe: "Da war echt ein Drive drin." So soll es dieses Jahr weitergehen. Das Land, um das es 2021 vor allem geht, ist Madagaskar: Die interdisziplinäre Gruppe aus Maschinenwesen-, Informatik-, Biochemie-, Physik-, und Medizin-Studierenden will dort über mehrere Jahre hinweg Bambus-Zahnbürsten herstellen. Katharina Horban

Neue Filme

Die Corona-Pandemie wütet in München und hat viele Bereiche der Kultur hart getroffen. Aber es gibt auch Lichtblicke. Das neue Flugblatt für Cinephilie, genannt Revü, ist einer davon. Als Anfang des Jahres die Stadt in den Lockdown geht, verlieren Carlotta Wachotsch, 26, und Sarah Ellersdorfer, eine ihrer Leidenschaften: den wöchentlichen Filmklub an der HFF, den sie leiten. Sie beschließen, sich einfach ein neues Medium zu suchen, sie drucken eine Zeitschrift. Ziel des Heftes ist es, sich durch Essays mit Filmen aller Gattungen und Zeiten auseinanderzusetzen. Die Essayform haben die beiden dabei ganz bewusst gewählt, denn sie wollen einen persönlichen Blick auf Filme schaffen und eben keinen rein wissenschaftlichen oder journalistischen. "Wir freuen uns auf das erste Jahr mit ganzen drei Heften und natürlich auf die neuen Autoren und Autorinnen", sagt Carlotta. Laurens Greschat

Schlaflos

Tommaso Weller

(Foto: Quirin Kilger)

660 Kilometer auf dem Fahrrad und mehr als 30 Stunden ohne Schlaf - Tommaso Weller, 18, hat ein ehrgeiziges Projekt. Er möchte mit seinem Rennrad nonstop von München nach Lucca in der Toscana fahren. Nicht nur 663 Kilometer muss er dafür überwinden, sondern auch zwei Gebirge, insgesamt 5500 Höhenmeter. Schon 2019 ist Tommaso über Weihnachten mit dem Rad nach Istanbul gefahren, damals allerdings in zehn Tagen. Am Rennradfahren schätzt er besonders, "sich mit minimalistischem Gepäck so schnell fortzubewegen". Damit das auf seiner Tour nach Lucca im Juni klappt, werden Tommaso drei Freunde mit einem Auto begleiten. Sie planen auch, eine Dokumentation über die Reise zu drehen, die danach veröffentlich werden soll. Anton Kästner

Kunst und Experiment

Kunstprojekt "Das Postamt" Foto: privat

Ein neuer Raum für Kunst, Subkultur und Experiment soll 2021 eröffnen: das Postamt. Acht junge Kreative haben sich zusammengetan und wollen Ausstellungen, Videoübertragungen, Workshops und Performances in den Räumen eines ehemaligen Postamts stattfinden lassen. Darunter ist auch das Team der Ille Galerie. Aktuell stehen die jungen Kunstschaffenden in Verhandlung, um die leer stehende Gewerbefläche im Lehel für eine Zwischennutzung nutzen zu können. "Wir haben viel vor", sagt Sebastian Quast, 23, "wir wollen einen unabhängigen, freien Projektraum für Experimente bieten." In der ersten Ausstellung sollen Kunstwerke von Absolventen des Staatsexamens für Kunstpädagogik gezeigt werden, deren Abschlussausstellung an der Akademie der Bildenden Künste München aufgrund der Corona-Pandemie ausfiel. Tabitha Nagy

Mut machen

Eva Malchereck

(Foto: AVI)

Plötzlich wurde Eva Malchereck, 27, einfach alles zu viel. Zudem hatte sie starke Kopfschmerzen. Lange Zeit war der jungen Frau, die man auch unter ihrem Pseudonym DJ Chayah kennt, nicht klar, was diese Symptome bedeuten. Dann kam die Erkenntnis: Eva hat eine Depression. Fünf Monate verbrachte sie nach der ersten Diagnose in der Max-Planck-Klinik, drei davon in stationärer Behandlung. Die Erlebnisse hat sie nun in ihrem Buch "Zwischen Schwarz und Weiß ist ganz viel bunt" verarbeitet. Ziel ist es, "den Leuten Mut zu machen, die sich fragen: geh ich in eine Klinik oder nicht, und sie darin zu bestärken, diesen Schritt zu wagen, auch wenn sie meinen, sie sind ja gar nicht so krank", sagt Eva. Laurens Greschat

Filmtraum

Daood Alabdulaa

(Foto: Alina Zarubina)

Daood Alabdulaa, 27, verfolgt einen Traum: Er möchte Regisseur werden. Schon mit zehn Jahren wusste er, dass er Filme machen möchte. Damals lebte er noch mit seinen Eltern und seinen Geschwistern in der Region Deir ez-Zor im Osten Syriens. Nach seinem Schulabschluss studierte er Elektrotechnik in Aleppo - auf Wunsch seines Vaters. Nebenbei inszenierte er Theaterstücke. 2014 floh er nach Deutschland, setzte in Karlsruhe zunächst sein Elektrotechnik-Studium fort, brach es aber nach kurzer Zeit ab. "Ich habe gemerkt, dass es sinnlos ist, etwas zu tun, das einen nicht glücklich macht. Das ist eine Belastung. Wie ein riesiger Rucksack, den man ständig mit sich herumschleppt", sagt Daood. Daood bewarb sich für den Studiengang Spielfilm-Regie an der Hochschule für Fernsehen und Film in München - und wurde fürs Wintersemester 2020 genommen. 2021 wird er seinen ersten Übungsfilm inszenieren. Amelie Völker

Fair mit Liebe

Celine Xiao, 22, Veronique Bukow, 25, und Sarah Hußlein,

(Foto: Celine Xiao)

Auf der "Innovation Challenge 2020" des Bayrischen Staatsministeriums für Digitales lernten sich Celine Xiao, 22, Veronique Bukow, 25, und Sarah Hußlein, 23, kennen und konzipierten eine digitale Lösung für Klima und Umweltschutz im Bereich Mode. Sie entwarfen eine Website, auf der nachhaltige, faire und regionale Mode so zugänglich wie möglich gemacht werden soll. Im Unterschied zu anderen Websites wird bei "fair mit liebe", wie die Seite heißen soll, mit dem Fahrrad ausgeliefert. "Wir waren sehr überrascht, dass es so etwas in diesem Rahmen noch nicht gibt", sagte Celine. Sie erzählt zudem, dass sich viele Menschen damit schwer tun, im Modebereich nachhaltig zu konsumieren. 2021 geht es aber erst einmal an die Realisierung des noch frei schwebenden Konzepts. Francesca Rieker

Internationales Wohnheim

Johannes Hochholzer

(Foto: Julian Geuder)

Johannes Hochholzer, 27, hat für dieses Jahr ein klares Ziel: Er will das Gelände für ein internationales Wohnheim für Studierende endlich kaufen, und zwar auf dem ehemaligen Areal der Bayern-Kaserne. Der Verein München Internationales Wohnen wurde 2017 von Johannes mitbegründet. Der ehemalige Physikstudent begeistert sich für das Thema Wohnen und Gemeinschaft seit seiner Zeit im Wohnheim Johannes Kolleg, das 2015 geschlossen wurde. Dort hatte er zum ersten Mal Kontakt zu Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe und anderen Kulturen - bis heute präge ihn diese Erfahrung, "mit der ganzen Welt in einem Haus zu leben", genau das sollte nach Johannes Vorstellungen für möglichst viele junge Menschen möglich werden. Johanna Hintermeier

© SZ vom 04.01.2021
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