Süddeutsche Zeitung

Arbeiten in Bildern:"Egal wie gebrochen du bist, es ist okay"

Wo arbeiten Münchens junge kreative Köpfe? Wir haben sie an ihren Arbeitsplätzen besucht und ihnen über die Schulter geschaut. Heute: Sara Stankovic

Von Clara Löffler, München

Knapp drei Jahre lang studiert Sara Stankovic nach ihrer Grafikdesignausbildung Kommunikationswissenschaft - bis sie 2018 an Depressionen erkrankt und in eine Tagesklinik geht. "In meinem Kopf waren immer die alten Grundgedanken der Gesellschaft, der Eltern: Du hast Abitur, du musst doch studieren." In dieser Zeit lernt Sara durch Zufall eine Tätowiererin kennen, die sie dazu ermutigt, ihre Kreativität auszuleben. "Sie hat irgendetwas in mir gesehen, ist mir in den Arsch getreten. 'Warum machst du etwas, das dir keinen Spaß macht?' Ich hatte bis dahin mit Tattoos gar nichts zu tun."

Bereits während ihrer Ausbildung spezialisiert Sara sich auf Typografie, auf Instagram nennt sie sich Typoholic Tattoo. "Ich habe die Werbungen mit schlechten Wortspielen gehasst, deshalb wollte ich selbst immer in die Werbung gehen." Dadaismus hingegen begeistert die Künstlerin. Das spiegelt sich auch in ihren Designs wider. Durch Wortspiele drückt sie Gedanken der Selbstfindung und innere Konflikte aus, die durch Depressionen entstehen.

Saras zweites Markenzeichen ist ein Frauenkopf, der dem weiblichen Schönheitsideal entsprechen soll. "Ich möchte dieses gesellschaftliche Ideal brechen, deshalb sind alle Gesichter zerbrochen oder entstellt." Durch das Tätowieren stellt sie sich auch ihrem eigenen Hang zur Perfektion: "Du kannst auf der Haut gar nicht perfekt sein, nicht wie auf Papier."

Oft tätowiert Sara Kunden, die selbst mit ihrer psychischen Gesundheit zu kämpfen haben. Indem sie offen mit diesen Menschen über ihre eigene Geschichte spricht, möchte sie helfen, sich zu öffnen. Ihre Tattoos sollen mehr Bewusstsein für psychische Erkrankungen in der Gesellschaft schaffen. "Ich habe lange nicht über meine Krankheit geredet. Ich möchte den Leuten helfen, darüber zu reden und es auf der Haut zu tragen. Sie sollen sich immer daran erinnern: Egal wie gebrochen du bist, es ist okay."

Tätowieren basiere auf viel Vertrauen, habe deshalb aber auch etwas Therapeutisches für beide Seiten, sagt Sara. Eine große Rolle dabei spiele der Arbeitsplatz. "Ich bin eigentlich überhaupt nicht selbstbewusst und hatte immer Angst davor, vor anderen Leuten zu tätowieren. Wenn man sich nicht wohlfühlt, verstellt man sich."

Ihren Arbeitsplatz im Studio Kabale Club teilt sie sich mit vier anderen Tätowierern. Sara möchte ihre Kunden nicht wie am Fließband abfertigen, sondern nimmt sich viel Zeit, bis zu drei Stunden pro Termin. "Ich denke mir bei all meinen Designs etwas und die Leute denken sich auch etwas. Dann kommen zwei Geschichten in einem Bild zusammen. Das ist das Schönste."

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