Süddeutsche Zeitung

Gedenken an NS-Opfer:Erinnerung an Semaya und Julius Davidsohn

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Die Gestapo raubte den jüdischen Eheleuten mehrere Kunstwerke, später wurden sie deportiert und kamen im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Nun erinnert eine Tafel am ehemaligen Wohnhaus an ihr Schicksal.

Von Daniel Thoma

Das jüdische Ehepaar Julius und Semaya Davidsohn lebte in den Zwanziger- und Dreißigerjahren in einem prächtigen Gründerzeitbau an der Widenmayerstraße 45. Die Wände ihrer Beletage schmückten Stiche, Ölbilder und ein Elfenbeinrelief. Als die Gestapo 1938, zwei Wochen nach den Novemberpogromen, an die Wohnungstür der Davidsohns klopfte, um ihre Kunstgegenstände zu beschlagnahmen, wartete unten schon der Möbelwagen. Wenige Jahre später starb das Ehepaar im Ghetto Theresienstadt. Nun wurden zu ihrem Gedenken Erinnerungszeichen an ihrem alten Wohnhaus angebracht.

Die Initiative dazu ging von Andrea Bambi aus, der Leiterin der Provenienzforschung der Bayerischen Staatsgemäldesammlung. Ihr Institut hatte gemeinsam mit dem Bayerischen Nationalmuseum und der Staatlichen Graphischen Sammlung München im Jahr 2019 die Rückgabe der geraubten Kunstwerke an die Erben von Semaya und Julius Davidsohn organisiert.

"Da das Ehepaar Davidsohn kinderlos blieb, gestaltete sich die Erbensuche außerordentlich komplex. Sie konnte erst 2018 abgeschlossen werden, acht Jahrzehnte nach dem Raub", sagte Bambi. Die Erben lebten auf der ganzen Welt verteilt und wurden in Bielefeld, Mannheim, London, Simbabwe und Tel Aviv ausfindig gemacht. Vorangegangen waren jahrelange Recherchen, in denen die Herkunft der Kunstwerke, der Kontext der Beschlagnahmung sowie der Verbleib nach 1945 rekonstruiert wurden. "Die juristische Restitution allein reicht nicht", sagt Bambi, "wir müssen uns auch an die Menschen erinnern." Dem Gedenken wohnten auch zwei Erben des Ehepaars bei, die Brüder Hardy und Jochen Langer.

"Ich weiß, dass die Erinnerungszeichen eine Herzensangelegenheit der Stadt sind"

"Semaya und Julius Davidsohn waren Bürger dieser Stadt", sagte Stadtrat Winfried Kaum (CSU) und hob das Engagement des Ehepaars im Sozialen und für die Kunst hervor. Die Stadt wolle mit den Erinnerungszeichen den Opfern der NS-Verfolgung einen dauerhaften Platz in der Gesellschaft geben. Dies sei gerade angesichts aktueller Entwicklungen wichtig. "Ausgrenzung und Antisemitismus können wir auch 2022 noch jeden Tag erleben", sagte Kaum. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, begrüßt das Engagement: "Ich weiß, dass die Erinnerungszeichen eine Herzensangelegenheit der Stadt sind." Die Teilnahmslosigkeit, mit der die Nachbarn der Davidsohns zusahen, wie das Ehepaar beraubt und verschleppt wurde, erschrecke sie bis heute. Wenige Monate nach dem Raub ihrer Kunstwerke mussten Semaya und Julius Davidsohn ihre Wohnung verlassen und fortan beengt an verschiedenen Adressen leben. Am 16. Juli 1942 wurden die Eheleute in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie starben.

Seit 2018 werden in München Erinnerungstafeln an Orten angebracht, an denen Menschen lebten, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Sie informieren über die wichtigsten Lebensdaten und das Schicksal der Opfer. Falls vorhanden, zeigen sie auch ein Bild der Verstorbenen - wie beim jüdischen Ehepaar Davidsohn.

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