Jugendarbeit:"Wir versuchen, die Jugendlichen davon abzuhalten, irgendwelche Scheiße zu bauen"

"Das Boxen zeigt Mädchen, dass sie Kraft haben", sagt Zeyneb Cakicioglu.

"Das Boxen zeigt Mädchen, dass sie Kraft haben", sagt Zeyneb Cakicioglu.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das "Hood Training" will mit Sport Kinder und Teenager ansprechen, die Probleme haben, sich an Regeln zu halten - und gerade in Corona-Zeiten Ablenkung vom oft schwierigen Alltag bieten.

Von Kathrin Aldenhoff

Es ist ihr 13. Geburtstag, und Aliye trägt zum ersten Mal in ihrem Leben Boxhandschuhe. Sie trägt sie nicht nur, das Mädchen mit Brille und Kopftuch schlägt damit auch zu. Auf die Matte, die Zeyneb Cakicioglu um einen Laternenpfahl im Hirschgarten gewickelt hat. Sie boxt ein paar Mal, stellt sich wieder in die Reihe, und lächelt. Fühlt sich gut an. "Mädchen wird oft nachgesagt, sie seien schwach", sagt Zeyneb Cakicioglu, die an diesem Tag Aliyes Trainerin ist. "Das Boxen zeigt ihnen, dass sie Kraft haben, dass sie zuschlagen können. Dass sie etwas bewirken können. Das ist gut fürs Selbstbewusstsein."

Zeyneb Cakicioglu trägt schwarz, Leggings, Boxhose, T-Shirt, ist sorgfältig geschminkt und guckt ernst. An diesem Mittwoch in den Osterferien trainiert sie zum ersten Mal mit Kindern und Jugendlichen im Hirschgarten. Am frühen Nachmittag hat sie mit Sozialpädagogin Verena Süß - blonder Zopf, breites Grinsen, runde Sonnenbrille - und ihrem Chef Clemens Bartmann, der als einziger Polohemd statt Sportshirt trägt, ein schwarzes Transparent aufgehängt: "Hood Training München" steht in weißen Buchstaben drauf.

Das Projekt kommt aus Bremen, Sport statt Drogen, das war die Idee von Daniel Magel, der das Hood Training 2010 gegründet hat. Selbstbewusstsein aufbauen, über den Sport die eigenen Stärken kennenlernen. Werte wie Respekt und Fairness erfahren. Das sind die großen Ziele.

Und nun soll das Hood Training auch die Münchner Kinder und Jugendlichen erreichen. Soll die ansprechen, die anecken, die Probleme machen, die keinen Bock auf Freizeitheim und andere Einrichtungen haben, so wünscht sich das Clemens Bartmann. Er ist Geschäftsführer der Arbeitsgruppe Buhlstraße, die unter anderem den Freizeittreff Mosaik in Nymphenburg betreibt, und hat das Hood Training nach München geholt.

Möchte das Hood Training an mehreren Orten in München etablieren: Mitorganisator Clemens Bartmann.

Möchte das Hood Training an mehreren Orten in München etablieren: Mitorganisator Clemens Bartmann.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sie starten in Nymphenburg, aber wenn es nach Bartmann geht, gibt es das Hood Training bald an mehreren Orten in der Stadt. Bartmann nennt München eine "vermeintlich saubere Stadt". "Aber hier gibt es auch Jugendliche, die Schwierigkeiten haben, sich an Regeln zu halten", sagt er. "Sie brauchen einen Ort, wo sie sein können, wie Kinder und Jugendliche eben sind." Wenn es funktioniert, sagt er, finden sie mit dem Hood Training diesen Ort. Und vielleicht sogar den Sinn in ihrem Leben. "Das sollte das Ziel sein."

An diesem Nachmittag ist das Ziel aber erst einmal, dass überhaupt ein paar Kinder und Jugendliche mitmachen. Die Sonne scheint, es ist warm, es ist der Tag, an dem die Inzidenz in München über 100 rutscht; aber heute trainieren sie noch. Nach und nach sind ein paar Mädchen gekommen, sie haben sich aufgewärmt, haben ihre Arme durch die Luft kreisen lassen und sind Seil gesprungen, und nun stehen sie in einer Reihe vor dem Betonrund der Skateanlage und boxen in die Luft, die Wangen röten sich, aus dem Lautsprecher gibt der Hip Hop den Takt vor, "noch zehn Sekunden", ruft Zeyneb Cakicioglu.

Neben Aliye stehen die elfjährige Selma und ihre Schwester Sevde, acht Jahre alt, die zehnjährige Johanna und Natalie, 18 Jahre alt. Sie tänzeln von einem Fuß auf den anderen, eine Hand am Kinn, die andere bewegen sie vor und zurück. Die Mädchen gucken ernst, kneifen die Augen zusammen, sie reden nicht, sie trainieren. Auf einer ganz geraden Linie sollen sie boxen, hat ihre Trainerin gesagt. Und die Beinstellung nicht vergessen.

Seil springen, Boxen, Planks machen - Unterarmstütz könnte man auch sagen, nur würde Unterarmstütz-Challenge irgendwie komisch klingen, und genau zu so einer fordert Sozialpädagogin und Hood-Trainings-Koordinatorin Verena Süß die vier Jungs heraus, die mit ihren Rädern so lässig zehn Meter entfernt stehen und das Training beobachten. "Heute nicht", sagt der eine, "heute bin ich k.o". Sein Kumpel grinst, boxt ihn in die Seite. "Mach du doch", gibt er zurück. Zeyneb Cakicioglu kommt rüber. "Die sind schüchtern", sagt Verena Süß zu ihr und deutet auf die Jungs.

Das Boxtraining im Hirschgarten wird von den Teilnehmerinnen gut angenommen.

Das Boxtraining im Hirschgarten wird von den Teilnehmerinnen gut angenommen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sie reden eine Weile, bis die achtjährige Sevde mit einem umgeschnallten Boxhandschuh an der einen und dem zweiten Boxhandschuh in der anderen Hand ankommt. "Machst du mir den ran?", fragt sie die Trainerin. Die nickt und geht mit ihr zurück zu den anderen. Am Ende macht Verena Süß die Plank Challenge mit ihrem Chef Clemens Bartmann, die Jungs gucken immer noch zu. Und witzeln, wie lange die beiden es im Stütz wohl aushalten. Rausgehen, sich bewegen, Sport machen, den eigenen Körper spüren. Das ist wichtig, gerade in dieser Corona-Zeit, trotz dieser Corona-Zeit. Doch auch für Zeyneb Cakicioglu, ihre Trainerkollegen und das Hood Training heißt es bei einer Inzidenz von 100 erst einmal wieder: Pause.

Jugendarbeit: Wer kann den Unterarmstütz am längsten halten? Darum geht es bei der Plank Challenge.

Wer kann den Unterarmstütz am längsten halten? Darum geht es bei der Plank Challenge.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Jugendlichen in München haben zu wenig Freiräume. Zu wenig Orte, an denen sie sich aufhalten können, das wissen eigentlich alle. Nur: Das zu ändern braucht Zeit. Und Corona macht alles noch schwieriger. "Es ist verdammt wenig möglich in dieser Zeit", sagt Sozialpädagogin Mara Bertling. Sie hat 2014 "Dein München" gegründet, einen Träger der freien Jugendhilfe. Mit ihren Mitarbeitern betreut sie vor allem Mittelschüler. Sie hilft ihnen, mit Projekten herauszufinden, wo ihre Stärken liegen, vermittelt Praktika und unterstützt sie unter anderem mit Kontakten zu Unternehmen beim Berufseinstieg. Die Jugendlichen, mit denen sie arbeite, lebten oft auf begrenztem Wohnraum, sagt Mara Bertling, eine Familie zu viert oder zu fünft in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, ohne Rückzugsorte. "Wenn dann noch der Papa seine Arbeit verloren hat, ist die Lage sehr angespannt."

Was den Jugendlichen im Moment fehlt? Mara Bertling überlegt. "Die Leichtigkeit der Jugend. Etwas auszuprobieren, Spaß zu haben, etwas Neues kennenzulernen. Im Moment ist alles wahnsinnig eingeschränkt."

An der Skateanlage im Hirschgarten stehen am frühen Abend sieben Jungs an der einen und drei junge Frauen an der anderen Ecke und gucken Aliye und den anderen Mädchen beim Boxen zu. Sie kommen nicht näher, aber sie gehen auch nicht weg. "Mit Sport erreicht man Jugendliche, die man sonst nicht erreicht", sagt Verena Süß. Und das ist genau das, was sie sich vom Hood Training erhofft: Beziehungen aufbauen zu den Jugendlichen, die nicht oder nicht mehr in den Freizeittreff um die Ecke kommen. Die Jugendlichen auf ihren Rädern, die waren kurz davor mitzumachen, sagt sie. Nächstes Mal sind sie dabei. Vielleicht.

Und der Sinn von alldem? "Wir versuchen, die Jugendlichen davon abzuhalten, irgendwelche Scheiße zu bauen", sagt Verena Süß. Da ist sie wieder, die Idee aus Bremen: Klimmzüge statt Drogen. Boxen, statt andere abzuzocken. "Von diesen Jugendlichen gibt es genug", sagt Verena Süß. "Das wird in München immer unter den Teppich gekehrt."

Auch Seilspringen wird beim Hood Training angeboten.

Auch Seilspringen wird beim Hood Training angeboten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Zeyneb Cakicioglu und Verena Süß wollen zusammen mit den anderen beiden Trainern, die Fußball, Calisthenics und Fitnesstraining anbieten, regelmäßig im Hirschgarten sein. Wollen für die Jugendlichen da sein, Vertrauen aufbauen. Drei Jungs haben Verena Süß versprochen, beim nächsten Mal mitzumachen. Der Anfang ist nie leicht, das wissen Verena Süß und Clemens Bartmann.

Für heute ist das Training vorbei, Zeyneb Cakicioglu hat geklatscht, hat die Mädchen gelobt und Aliye gefragt, ob sie ihr auf Türkisch ein Geburtstagslied singen soll. Sie hat sich die schwarzen Bandagen von den Handgelenken gewickelt und erzählt, dass sie seit drei Jahren boxt. Dass sie früher oft aggressiv war und dass ihr das Boxen geholfen hat, mit ihrer Wut umzugehen. Dass Boxen jedem guttut. "Ich freu mich, wenn Mädchen sich für so einen Sport begeistern, der oft männerdominiert ist", sagt sie. Jetzt räumt sie die Boxhandschuhe zurück in die Sporttasche, guckt auf ihr Handy. Natalie setzt ihre Brille wieder auf, Aliye hebt ihren Gürtel auf, den sie auf die Wiese gelegt hatte, und schnallt ihn um ihre Taille, nimmt ihre Handtasche, winkt. Sie wird auf jeden Fall wiederkommen.

© SZ vom 07.04.2021/wean
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