„Einen Moment, wo ist noch gleich dieser Ordner?“ Durchs Telefon hört man – klick, klick – die Tippgeräusche einer Computertastatur. Dana von Suffrin sucht nach einer „Wunschliste“ mit Namen von Menschen, die die Münchner Schriftstellerin und der Historiker Philipp Lenhard gerne in ihren neuen Jüdischen Buchklub im Münchner Literaturhaus einladen würden.
Ah, gefunden. Suffrin zählt auf: Da wären die Sängerin Blümchen, der Moderator, Schauspieler und Musiker Hugo Egon Balder, seine ehemalige „Tutti Frutti“-Kollegin Hella von Sinnen, Travestie-Star Lilo Wanders, Christian Ude, die Künstlerin Hito Steyerl, der Pianist Igor Levit oder die ehemalige Erotikfilm-Darstellerin Dolly Buster.

Alles Prominente, die man auf den ersten Blick nicht mit dem Literatur-Betrieb in Verbindung bringen würde. Keine Schriftsteller oder professionelle Kritiker. „Sondern Menschen, bei denen wir uns vorstellen können, dass es sie interessiert, wenn ein wenig anders über Bücher gesprochen wird“, sagt Dana von Suffrin. Über Bücher zu jüdischer Geschichte und Kultur, von jüdischen Autorinnen und Autoren.
Ein Konzept, das bereits bestens funktioniert hat: In den ersten beiden Folgen dieser neuen Veranstaltungsreihe waren die TV-Moderatorin Ruth Moschner und die Sängerin und Schauspielerin Lina Larissa Strahl zu Gast.
Ruth Moschner, Jahrgang 1976, hat jüdische Wurzeln. Der Großteil ihrer Vorfahren, so schrieb sie 2021 auf Instagram, sei während des Zweiten Weltkriegs nach Israel geflüchtet, später in die USA gegangen. Die wenigen, die die Shoah überlebt hätten und in Deutschland blieben, seien „zum Schutz“ vor antisemitischen Übergriffen christlich getauft worden. Wie sie selbst.

Moschner hatte zur Premiere des Jüdischen Buchklubs im Mai 2025 Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ mit aufs Podium gebracht, jenen Klassiker, der erst nach Zweigs Selbstmord im Februar 1942 im brasilianischen Exil erschien. Komplett überrascht waren Suffrin und Lenhard von Lina Larissa Strahls Buchauswahl. Wie kommt eine 28-Jährige, ein Popstar, eine erfolgreiche Podcasterin, eine Vertreterin der Gen Z, ausgerechnet auf Isaac B. Singers „Feinde, die Geschichte einer Liebe“? Der Roman des Literatur-Nobelpreisträgers, eine Dreiecksgeschichte über Shoah-Überlebende in Brooklyn, war ursprünglich in Singers jiddischer Herkunftssprache erschienen, 1978 erstmals auch auf Deutsch.
Für Lina Larissa Strahl ist es eines dieser Bücher, „von dem man nicht will, dass es aufhört“, wie sie beim zweiten Buchklub-Abend Mitte November sagte. Ein Freund habe es ihr empfohlen. Und sie habe sich bei einer ICE-Fahrt darin so festgelesen, dass sie es noch beim Aussteigen aus dem Zug in der Hand hatte. „Ich habe dadurch meine Liebe zu Büchern wiederentdeckt.“
Wohl genau das, was Klub-Gründerin Dana von Suffrin sehr gerne hört. Und auch bestätigt in ihrer Überzeugung: „Ein gutes Buch verliert nicht über die Zeit an Wert. Es gibt keine zu schwierigen Bücher, für niemanden.“ Jeder wolle doch etwas lernen und bereichert werden. Das Lesepublikum zu unterfordern, diese Strategie, so die Autorin, werde sich zumindest langfristig für die Verlage nicht auszahlen.
Die Münchnerin, Jahrgang 1985, wurde für ihre beiden Romane „Otto“ (2019) und „Nochmal von vorne“ (2024) mehrfach ausgezeichnet. Inspiriert von ihrer eigenen deutsch-jüdischen Familiengeschichte, rekonstruiert Dana von Suffrin darin, wie ein Jahrhundert voller Gewalt und Vertreibung nachwirkt.

Suffrin hat unter anderem am 1997 gegründeten Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der LMU studiert, der schon einmal das Münchner Literaturleben bereicherte. Lehrstuhlleiter Michael Brenner hatte damals gemeinsam mit Rachel Salamander in deren Literaturhandlung den „Jüdischen Bücherschrank“ etabliert. Diesen Faden nun wieder aufzunehmen, diese Idee hatte Philipp Lenhard, Jahrgang 1980, der Brenners Lehrstuhl gerade interimsmäßig leitet.
Sicher gibt es einfachere Zeiten, einen Jüdischen Buchklub zu gründen. Auf der anderen Seite: „Vielleicht haben gerade jetzt die Menschen ein verstärktes Interesse an jüdischer Kultur jenseits von Klischees und Vorurteilen“, sagt Dana von Suffrin. Literaturhausleiterin Tanja Graf und ihr Team hätten auf die Idee jedenfalls sehr positiv reagiert.
Und auch das Publikum. Die Abende waren ausgesprochen gut besucht. Und zum Klubcharakter der Reihe gehört unbedingt auch der Austausch. Im Saal des Literaturhauses ist eine Bar aufgebaut, an der alle nach der Veranstaltung noch zusammenkommen. Um über die Bücher zu reden, sich Titel zu empfehlen oder einfach nur zu ratschen. Und wer weiß, vielleicht trifft man dort dann im Jüdischen Buchklub 2026 auch den ein oder die anderen Prominenten von der Wunschliste auf ein Glas.

