Die Sonne geht gleich unter, es wird Zeit, dass pünktlich auf die Minute alle auf ihren Plätzen sitzen. Der Muezzin wartet nicht mit seinem Gebet, um am Sankt-Jakobs-Platz, wo das jüdische Herz Münchens schlägt, das Fastenbrechen an diesem Ramadan-Abend zu eröffnen. Er steht am Tresen des ehemaligen Stadtcafés, das inzwischen „Nash“ heißt, was nach „Naschen“ klingt und der jiddische Begriff für Snack ist. Draußen auf der anderen Seite der großen Fensterscheibe sind gerade die Lichter vor der Ohel-Jakob-Synagoge angegangen.
Drinnen, mit dem Rücken zur lang geschwungenen Theke, hebt jetzt der Muezzin zum feierlichen Gesang an. Um ihn herum an eingedeckten langen und auch Stadtcafé-kurzen Tafeln, lauscht ihm der ganze vollbesetzte Laden. Die einen richten ihren Blick nach innen. Andere mustern den Vorbetenden mit konzentriertem Interesse nach Art von Bildungs-Touristen, um dann immer wieder die Augen in die Reihen der Gäste wandern zu lassen, die handverlesen eingeladen sind, um, man muss den überstrapazierten Begriff in diesem Fall bemühen: ihre Komfortzone zu verlassen.

Eingeladen zu diesem jüdisch-muslimischen Iftar haben der jüdische Nash-Chef Daniel Gitbud und das Kultur-Kollektiv „Ausarten“, das sich seit vielen Jahren dem Perspektivwechsel durch Kunst verschrieben hat. Mit Ausstellungen, Lesungen, Konzerten und Diskussionsforen will die Gruppe den Weg bereiten für ein wertschätzendes und selbstverständliches Miteinander der Münchnerinnen und Münchner – die alles austauschen sollen, was sie an Herkunftserfahrung mitbringen. Das Ausarten-Team mit seinen muslimischen und jüdischen Akteurinnen ist im liberalen Münchner Forum für Islam angesiedelt und vielfach ausgezeichnet. Erkan Inan ist einer der Gründer.
„Einer der ersten Anrufe, nachdem ich den Mietvertrag fürs Nash unterschrieben habe, ging an Erkan. Ich hab ihm gesagt, ich will dort Iftar feiern, um zu zeigen, dass wir Freunde sind. Es ist ganz banal, als Jude einen Moslem zum Freund zu haben und umgekehrt.“ Gitbud erzählt das in seinem Café ein paar Tage vor der Veranstaltung, er ist auch Vorsitzender der jüdischen Wohltätigkeitsorganisation B’nai B’rith. Mit am Tisch sitzen Erkan Inan und vom Ausarten-Team Sapir von Abel, gebürtige Israelin und Kulturvermittlerin im Jüdischen Museum, außerdem Kornelio Papić, ein junger Mann mit serbokroatischen Wurzeln. Das Vorgespräch ist notwendig, weil der Abend eine Premiere wird, bei der ganz eigene Regeln gelten.
Es soll ein Abend für eine geschlossene Gesellschaft sein, damit die Teilnehmenden sich untereinander ohne Angst, irgendwie missverstanden und abgeurteilt zu werden, begegnen können. Jeder Gast bekommt ein Schild aufs Revers geklebt, auf dem nur dessen Vorname steht. Keine Funktion, nichts. „Wir setzen die Gäste durcheinander“, sagt Erkan Inan. Auch, um zu verhindern, dass sie in ihrer „Bubble“ bleiben. Kein VIP-Tisch, keine Reden, keine Hierarchien. Der Raum soll geschützt sein. Deshalb wollten sie erst auch niemanden von der Presse dabei haben – um sich dann doch noch umzuentscheiden: Es soll ja auch jemand erzählen, was hier passiert. Auflage: Keine spontanen Interviews mit vorgehaltenem Mikro oder Block unter der Nase. Wenn sich im Laufe eines Gesprächs bei Tisch zeigt, jemand ist doch bereit, den Abend öffentlich zu kommentieren, „dann okay“.
Die Idee, sagt Erkan Inan: „Wir wollen einen Moment schaffen, in dem Menschen einander als Menschen begegnen, jenseits ihrer politischen Stellung, jenseits von Polarisierung, sonst sprechen wieder nur ihre Positionen, sie aber nicht als Menschen untereinander. Wir wollen die Leute entrüsten und nicht ausrüsten.“ Es ist der Versuch, den öffentlich schwer angeschlagenen jüdisch-muslimischen Dialog neu in Gang zu bringen, mit einem uralten Mittel: dem freien und ehrlich interessierten Austausch zwischen zwei Personen. Inan spricht vom Prinzip Hinterzimmergespräche wie bei der Münchner Sicherheitskonferenz: „Da öffnet sich auch ein dritter Raum, in dem sich Parteien begegnen, die normalerweise nicht miteinander am Tisch sitzen.“
Beim Iftar im Nash, den sie für den Abend auch als „Kulturempfang“ ausflaggen, sitzen viele neben vermeintlich Fremden. Gut, den einen oder die andere kennt man von den aktuellen Wahlplakaten. „Clemens“, (Nachname Baumgärtner, OB-Kandidat der CSU) kommt mit Leuten aus der „Gastarbeitergeneration“ (O-Ton Inan) ins Gespräch. „Verena“ (Dietl, Bürgermeisterin), die von ihrem jüngsten Sohn nur halb freiwillig begleitet wird, mit dem Imam. Erstmal, sagt „Verena“ sei es komisch gewesen, Leute nur mit Vornamen anzureden. „Aber es verändert die Gesprächsführung, man ist sich dadurch automatisch näher.“
Die Selbstverständlichkeit des propagierten Austausches muss sich bei der ein oder anderen am Abend erst noch einstellen. Einige, die sich mit dem frisch angepappten eigenen Vornamensschild kurz, bevor’s losgeht, auf die Suche nach dem vorbestimmten Platz machen, schicken den Blick erstmal auf Wanderschaft: Zu wem setzen die mich denn? Kenn’ ich hier überhaupt wen? Andere sind kaum über der Schwelle und fallen sich schon mit großem Hallo in die Arme: ewig nicht gesehen. Klassentreffen-Atmo und blindes Vertrauen, dass man an diesem Abend zwischen Hummus, Labaneh und Baba Ganoush schon noch zusammenkommen würde.

„Dominik“ (Krause, Bürgermeister, Grüne) haben sie neben die Ausarten-Mitbegründerin und gefragte Kulturwissenschaftlerin „Hannan“ (Salamat) platziert. Kaum ist er da, verdrücken sich die beiden zum Rauchen und Reden vor die Tür.
Leute aus den Theatern der Stadt sind da, viele Kulturmenschen mit Wurzeln in der Welt, „Mirjam Z.“ (Z wie Zadoff, Chefin der NS-Doku-Zentrums), „Jutta“ Fleckenstein vom Jüdischen Museum, muslimische Studierende, Handwerker. „Ich finde das sehr wertvoll hier“, sagt Asmir Šabić, Kunstschaffender und Vorstandsmitglied vom Verein balkaNet. „Wir denken immer wieder, wir sind alle allein in unseren Kämpfen, aber das hier hat so eine menschliche Ebene, die zeigt, dass wir alle unsere Erinnerungen, Kulturen und Identitäten haben und das zusammentragen können.“
„Solyman“, Medizinstudent an der LMU, hat eben versucht, einen Landtagsabgeordneten neben sich für ein studentisches Projekt zu gewinnen, genetzwerkt wird an diesem Abend ebenfalls auf Hochtouren. „Es ist hier ein bisschen wie in der Grundschule, wenn du Freunde machen möchtest“, sagt der 22-Jährige, dessen Familie aus Syrien stammt.
Neben seinem Tisch steht eine Plastikbox, voll mit Gebetsteppichen. Immer wieder nimmt sich jemand einen raus und verschwindet durch die Hintertür. Auf dem Flur vor den Toiletten, erzählt Inan Erkan später, hätten gleichzeitig 15 Jugendliche ihren Teppich zum Beten ausgebreitet, „die Securitys waren etwas irritiert“.
Es ist inzwischen ordentlich laut im Nash, Plauder-Gewitter, einige sind nach dem Essen und der süßen Baklava ein paar Stühle weitergerückt. Eine Muslima und eine Jüdin, die sich bis gerade eben noch nicht kannten, sprechen erst über die Feiertage und dann über Beschneidungen. „Für alle Mütter ähnlich problematisch“, sagt die 77-jährige Jüdin, „interessante Gespräche.“
„Anita“ (Kaminski) vom Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde sitzt neben ihr. Vor etlichen Jahren hat sie mit Inan Erkan den muslimisch-jüdischen Stammtisch gegründet. Viel ist seither passiert. Erst der Terrorangriff der radikalislamischen Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, der Gaza-Krieg und jetzt der Angriff der USA und Israels auf Iran. An die politischen Themen, so ihre Beobachtung, gehe an dem Abend niemand so recht ran. „Aus Angst, dass sich dann die Fronten verhärten, möglicherweise.“
„Clemens“ (Baumgärtner) hat eben noch mit Angehörigen der Opfer des rechtsradikalen OEZ-Anschlags im Jahr 2016 gesprochen. Die blaue Brille, Markenzeichen seines Wahlkampfs, liegt neben ihm auf dem Tisch: „Ich glaube, das Besondere dieses Abends ist, das scheinbar Unversöhnliche in einem Raum passieren zu lassen, dass ein muslimisches Gebet in einer doch sehr jüdisch geprägten Umgebung stattfindet, dass wir einen Muezzin Allahu Akbar-Ruf direkt gegenüber der Synagoge haben – und es interessiert keinen besonders. Das Entscheidende ist ein total lockeres Miteinander.“
Ob etwas folgt im Handeln nach diesem Abend? Unklar.
„Wenn ich diese Räume nicht aufmache, wo man überhaupt mal miteinander ins Gespräch kommt, kann ich auch Ressentiments nicht abbauen“, sagt Erkan Inan. Jetzt heiße es erst einmal, anderen Münchner Initiativen Mut zu machen, sich auf solche Formate einzulassen.

