Süddeutsche Zeitung

Jüdisches Leben in Pasing:Verdrängte Nachbarschaft

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Obwohl im Münchner Westen viele Juden lebten und als Unternehmer, Ärzte, Anwälte oder Beamte arbeiteten, wussten viele Pasinger angeblich lange nichts von ihnen. Eine Ausstellung spürt nun den Schicksalen nach.

Von Ellen Draxel

Das imposante Gebäude am Pasinger Bahnhofsplatz 2 kennt jeder, der schon einmal in Pasing aus dem Zug gestiegen ist. Mit seinen Turmerkern und den arkadenartigen Fenstern im Erdgeschoss steht es an prominenter Stelle mitten im Herzen des Viertels, an der Ecke zur Gleichmannstraße. Früher, Anfang des 20. Jahrhunderts, war dieses architektonische Schmuckstück einmal ein Kaufhaus. Der Eigentümer: Emil Neuburger, ein bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in der damaligen Stadt Pasing hoch angesehener, sozial engagierter jüdischer Politiker und Unternehmer.

Einer, der sich als Magistrat und Arbeiterrat für das Gemeinwohl engagierte, sich für den genossenschaftlichen Wohnungsbau einsetzte, Suppenküchen und Haushaltshilfen ins Leben rief und für Geringverdiener Schnäppchenangebote in seinem Kaufhaus anbot. Als Neuburger schließlich 1938 starb, fand sich nicht einmal mehr eine Todesanzeige in den Pasinger Zeitungen. Seine Frau Emilie war gezwungen, ihren Besitz weit unter Wert zu verkaufen, bevor sie nach New York emigrierte.

Ein zweites Anwesen, das bis heute Zeugnis davon ablegt, wie sehr jüdische Mitbürger bis zum Beginn des Dritten Reiches in der Gesellschaft gewirkt und ins damalige Leben integriert waren, ist die Pasinger Fabrik. Die vor mehr als hundert Jahren von August Exter erbaute Anlage gehörte dem Schuhfabrikanten David Heymann und bestand aus einem Wohnhaus und einem Unternehmen, das Lederschuhe herstellte.

Gemeinsam mit Neuburger beteiligte sich Heymann auch an Volkszählungen. 1941 wurden der Pasinger Fabrikant, seine Tochter Eugenie und sein Sohn Heinrich samt dessen Familie mit dem ersten "Judentransport" nach Kaunas in Litauen deportiert und dort fünf Tage später ermordet.

Juden sollen nicht nur als Opfer, sondern als Teil der Gesellschaft gezeigt werden

Nur zwei von 14 Biographien jüdischer Familien und Personen aus Pasing und Obermenzing, welche eine Ausstellung dokumentiert, die bis Ende Januar im Haus der Münchner Volkshochschule an der Bäckerstraße 14 zu sehen ist. Unter dem Titel "Ins Licht gerückt - Jüdische Lebenswege in Pasing und Obermenzing" zeigen die großformatigen Plakate neben alten Fotos und einem informativen Text auch Bilder, Skizzen, Katasterpläne und historische Belege. "Unser Ziel war es, Juden als Teil der Gesellschaft darzustellen, als Bürger wie alle anderen auch - und nicht nur diffamierend als Opfer", sagt Doris Barth.

Die ehemalige Geschichtslehrerin am Pasinger Max-Planck-Gymnasium war 2005 Teil eines 13-köpfigen Teams einer Geschichtswerkstatt, das es sich anlässlich der hundertjährigen Stadterhebung Pasings zur Aufgabe gemacht hatte, dem jüdischen Leben im Westen nachzuspüren. Drei Jahre nahm sich die Gruppe Zeit, stöberte in Archiven und interviewte Nachfahren. Die jetzt präsentierten Formate sind die Quintessenz dieser Spurensuche. "Wir haben damals natürlich auch die Pasinger gefragt", erinnert sich Barth. Das Ergebnis sei zugleich ernüchternd wie bezeichnend gewesen. In Pasing, bekam das Recherche-Team nicht nur einmal zu hören, hätten nie Juden gelebt.

"Dabei", erzählt die gebürtige Hamburgerin, die seit 1957 in München weilt, "wohnten im Westen der Stadt von 1890 an viele Menschen jüdischer Herkunft". Sie arbeiteten als Künstler, Unternehmer, Beamte, Ärzte, Rechtsanwälte, Trödler - es existierte ein breites Spektrum an Berufen. Wegen der nahen Würm siedelten sich zahlreiche Fabriken an: traditionelle, die Schuhe oder Textilien herstellten und mit Holz handelten, aber auch moderne wie eine Glühfadenfabrik und eine für Autozubehör. Sie gehe, sagt Barth, "jetzt immer durch Pasing, als hätte alles einen doppelten Boden".

Wenige kehrten nach dem Holocaust zurück

Viele jüdische Bürger lebten in Mischehen: Ernst Kritzer beispielsweise war Mitglied der SS und mit einer Jüdin verheiratet. Das schützte Johanna Kritzer und ihre Kinder zunächst vor der zunehmenden Rechtlosigkeit, allerdings nicht dauerhaft. Als ihr Mann bei einem Bombenangriff im Januar 1945 ums Leben kam, sollte seine Frau wenig später deportiert werden. Dank der Intervention ihrer Nachbarn blieb sie verschont. Ihre Tochter lebt noch heute, sie ist 88.

Die Ausstellung im Gebäude der Volkshochschule kann nur einen Teil der jüdischen Bevölkerung aus dieser Zeit porträtieren. Etwa die erste Ärztin Pasings, Käthe Silbersohn, die für die Menschen auch sonntags praktizierte. Oder Harry Marcus, Professor für Anatomie an der Universität München und Lazarettarzt im Ersten Weltkrieg, der 1919 zum evangelischen Glauben konvertierte, später nach Warnungen aus dem Freundeskreis nach Südamerika emigrierte und 1954 als einer der ganz wenigen wieder nach München zurückkehrte. Sie dokumentiert die Vita des Stadtfotografen Albert Lehmann, dessen Dachatelier hoch über Pasinger Marienplatz im Kringshaus thronte. Viele der bekannten historischen Ansichten Pasings stammen von ihm.

Auch das Leben des Friseurs Josef Hönig, dessen Salon-Ladentür am 1. April 1933, dem Tag des "Judenboykotts", mit der Aufschrift "Jude" überklebt und von SA-Leuten umstellt wurde, ist in der Ausstellung nachzulesen. Ebenso wie die Geschichte der Fabrikantenfamilie Regensteiner, das Schicksal des Händlers Bernhard Haas, der im KZ Dachau starb, oder die Biographie der Eva Mathes, die wie viele nach Theresienstadt deportiert wurde und dort die Toten auf die Bahre legen musste, überlebte und 93-jährig in Pasing starb. Letztere sei "eine sehr versöhnliche Geschichte", wie Doris Barth findet. Vor zehn Jahren konnten sich die Nachbarn sogar noch an die Zeitzeugin erinnern.

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