Süddeutsche Zeitung

Olympische Spiele 1972:Wie München das Olympia-Jubiläum feiert

Lesezeit: 5 min

Die Feierlichkeiten starten mit der offiziellen Enthüllung der Ringe. Warum die nicht in den bekannten Farben erstrahlen dürfen - und was es jetzt Neues zu entdecken gibt in der Stadt.

Von Joachim Mölter

Im Olympiapark nieselt es an diesem Freitagnachmittag. Das hält ein paar Freizeitsportler aber nicht davon ab, auf den Beachvolleyball-Feldern im Sand zu wühlen. Die Gäste, die zur Einweihung der olympischen Ringe auf dem Dach der Kleinen Olympiahalle gekommen sind, bleiben lieber im Trockenen. Erst nach diversen Reden schreiten die Honoratioren ins Freie zur Enthüllung, allen voran Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Mit diesem Akt nehmen die Feierlichkeiten zum Jubiläum der Olympischen Spiele von München 1972 Fahrt auf.

IOC-Chef Bach schwärmt zwar von der Symbolkraft der Ringe, verschweigt aber vorsichtshalber, warum sie in München nicht in den bekannten Farben strahlen, sondern nur in einer Edelstahlversion. Neben Blau, Grün und Gelb gehören zu den fünf Ringen ja auch Schwarz und Rot - die beiden Farben, die der selige Otl Aicher, Gestaltungschef der 72er-Spiele, seinerzeit von allen Olympiastätten ausgeschlossen hatte. Schwarz und Rot waren die dominierenden Farben bei den Nazi-Spielen 1936 gewesen, und von denen wollte sich München 1972 ja ganz bewusst abgrenzen. Und die Verbannung dieser beiden Farben aus dem Olympiapark gilt bis heute.

Es ist eine komplizierte Sache mit den Farben und den Münchner Spielen. Auf der einen Seite wacht der Denkmalschutz darüber, dass in dem seit 1998 ensemblegeschützten Olympiapark alles so bleibt, wie es der Chefdesigner Aicher einst erdacht hat. Auf der anderen Seite beansprucht das IOC die Rechte an den von Aicher entwickelten Farben für sich und seine Vermarktungszwecke. Gerade im Jubiläumsjahr ist das eine Herausforderung für jede Erinnerungsarbeit, wie auch die Kuratoren der Ausstellung "München 72 - Olympische Spurensuche" gelernt haben, die seit Freitag und bis zum 31. Dezember auf öffentlichen Plätzen der Stadt zu sehen ist.

An 24 ausgewählten Orten erinnert das federführende Stadtmuseum an Geschehen und Ereignisse, die mit Olympia zu tun haben. Die Geschichten werden auf Stelen beschrieben, und die Lackierung dieser Stelen weckt auf Anhieb Assoziationen an Aichers Farbschema für Olympia, an das Hellblau, Gelb, Orange der 72er-Spiele. Die Farben der Stelen sind jedoch "nur angelehnt an Aicher", erklärt der Kurator Henning Rader, "es sind nicht die originalen". Die bewahrt das IOC sorgfältig in seinem Tresor auf und rückt sie nur gegen einen Obolus raus.

In der Innenstadt und natürlich im Olympiapark, aber auch im Englischen Garten und am Nymphenburger Schloss, auf der Theresienhöhe und im Kapuzinerhölzl sind nun Spuren der Spiele zu entdecken. "Wir wollten nicht nur an bekannte Orte gehen", sagt die Co-Kuratorin Antonia Voit, "sondern auch unbekannte oder vergessene Orte in Erinnerung rufen." Zum Beispiel die Alte Münze in der Pfisterstraße, in der einst die Medaillen geprägt wurden, die dann den drei Erstplatzierten umgehängt wurden.

"Die Spiele haben die Stadt maßgeblich verändert, sie waren eine Zäsur", sagt Frauke von der Haar, die Direktorin des Stadtmuseums. "Sie waren weit mehr als sportliche Spitzenleistungen", fügt Rader hinzu. Und Voit ergänzt: "Sie waren auch in ideeller und gesellschaftlicher Hinsicht ein Einschnitt." Sie beförderten Zukunftsideen und beschleunigten die Modernisierung Münchens. "Eine Modernisierung im Zeitraffer", wie Rader findet.

Wenn die Menschen nicht ins Museum gehen können, kommt das Museum eben zu ihnen

Dementsprechend haben sich die Mitarbeiter des Stadtmuseums eine moderne Präsentationsform für das Olympia-Jubiläum ausgedacht - eine "dezentrale Sonderausstellung", wie Frauke von der Haar diese Premiere für ihr Haus nennt. Weil das Museum ursprünglich zu dieser Zeit geschlossen sein sollte wegen der geplanten Generalsanierung, mussten sie sich etwas anderes einfallen lassen, um den Münchnerinnen und Münchnern nahezubringen, wie weitreichend der Einfluss jener Spiele gewesen ist. Die Grundidee dabei: Wenn die Menschen nicht ins Museum gehen können, kommt das Museum eben zu ihnen auf die Straße. Zwischenzeitlich ist die Generalsanierung verschoben worden, das Ausstellungskonzept aber geblieben. "Wir wollten den Versuch, in den Stadtraum zu gehen, unbedingt umsetzen", sagt Frauke von der Haar. Die Kuratoren sind nun neugierig, wie ihre Idee ankommt; sie wollen "evaluieren, wie das Angebot genutzt wird", sagt Henning Rader.

Die Untersuchung der Nutzung lässt sich tatsächlich bewerkstelligen, denn neben einem kurzen Text ist an allen Stelen auch ein QR-Code angebracht, der sich mit dem Smartphone einscannen lässt und zu weiteren Informationen führt. Wer will, kann "tiefer in die damalige Zeit eintauchen", sagt Antonia Voit. In den Tiefen des digitalen Ausstellungsteils ist jede Menge Bild- und Videomaterial zu finden, darunter Interviews mit Zeitzeugen in unterschiedlichen Funktionen. Man kann aber auch erforschen, wie das Oberwiesenfeld einst aussah und wie es sich dann zum Olympiapark entwickelt hat.

Für diejenigen, die sich länger an einer der 24 Stationen informieren wollen, sind die Stelen als Sitzmöbel konstruiert, auf denen man sich ein paar Minuten niederlassen kann. Henning Rader glaubt, dass die Verweildauer an den einzelnen Objekten "wohl wie im Museum auch" sein wird: "Manchen sind die Erklärungen neben den Kunstwerken zu lang, die gehen gleich wieder weiter. Aber manchen sind sie auch zu kurz." Die wolle man mit den zusätzlichen Informationen versorgen. "Für die, die nicht so digital unterwegs sind", sagt Frauke von der Haar, "gibt's ab 9. Juli auch ein Booklet kostenlos an der Kasse des Stadtmuseums."

Aus der thematischen Grundordnung dieses Booklets ergab sich auch die Nummerierung der einzelnen Stationen. "Das ist keine Chronologie, die man abarbeiten muss", sagt Rader. Der Rundgang muss auch nicht an einem Tag abgeschritten werden wie einem Museum, in dem man Eintritt zahlt. Durch die Ausstellung im öffentlichen Raum lässt sich die Spurensuche jederzeit unterbrechen und wieder fortsetzen.

Das Programm des Festivals des Spiels, des Sports und der Kunst im Olympiapark:

Eröffnungsprogramm

2. Juli, ab 10.30 Uhr: Große Parade von der Alten Pinakothek im Kunstareal durch die Stadt in den Olympiapark. Streckenverlauf: Kunstareal - Gabelsbergerstraße - Schleißheimer Straße - Elisabethstraße - Schwere-Reiter-Straße - Olympiapark - Coubertinplatz/Olympiasee.

12 bis 18 Uhr: Buntes Programm auf der Olympiasee-Bühne, u.a. mit der Riesengebirgstrachtengruppe München, dem GMN Dance Club, Moriskentänzern des TU-Hochsschulsports, The Culture Artists, Emerals Dancers und Sinfonischem Blasorchester.

Münchner Sportspiele 22

In sechs olympischen Sportarten und an diversen Schauplätzen werden die besten Münchnerinnen und Münchner ermittelt - beim Tauziehen, Schwimmen, Tennis, Beachvolleyball, Skateboard und Drei-gegen-drei-Basketball.

Wettkampfprogramm

2. Juli, 10 bis 18 Uhr: Vorwettkämpfe.

14 Uhr: Finals im Schwimmen.

3. Juli, 10 bis 18 Uhr: Wettkämpfe

14 Uhr: Deutsche Meisterschaften im Tauziehen

15 Uhr: Best Trick Skateboard

Kostenloses Mitmachprogramm

2. und 3. Juli, jeweils von 10 bis 18 Uhr: ZHS-Tennisanlage, Dach der Kleinen Olympiahalle, Willi-Daume-Platz (Sea Life), Halbinsel, Willi-Gebhardt-Ufer

Künstlerisches Programm

2. Juli, 21 Uhr: Richard Siegal/Ballet of Difference (Tanz-Spektakel)

3. Juli, 16.30 Uhr: Olympia-Drums (Konzert)

4. Juli, 18 Uhr: Tam Tam (Spaziergang und Performance)

5./6./7. Juli, 17 Uhr: Club der Jubilare (Drei Utopien, anschl. Konzert- und DJ-Programm)

8. Juli, 16 Uhr: Inside the 1972 Boxing Ring (Tanz-Performance)

9. Juli, 17 Uhr: Setting Dystopia (Bühnenprogramm mit Videoshow und Musik).

Weitere Informationen: www.muenchen1972-2022.de/festival-spiel-sport-kunst

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5613539
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/tbs
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.