In dem längst Kult gewordenen Stück „Der Brandner Kaspar und das ewig' Leben“ hat Kurt Wilhelm einem berühmten Wissenschaftler aus dem Freistaat ein ungewöhnliches Denkmal gesetzt: Wenn die Bewohner des bayerischen Himmels einen Blick auf die Erde werfen, schauen sie ganz selbstverständlich durch den „Fraunhofer“. Denn es war der Optiker Joseph von Fraunhofer (1787–1826), der eine neue Generation von Fernrohren schuf, mit denen es im umgekehrten Sinne möglich wurde, immer weiter ins All hineinzuschauen.
Zu seinem 200. Todestag am 7. Juni hat sich das Deutsche Museum in München etwas Besonderes einfallen lassen. Das Haus ist im Besitz vieler kostbarer Objekte des Wissenschaftlers, darunter das Linsenteleskop, genannt Refraktor. Das Gerät revolutionierte die Astronomie durch seine herausragende Bildschärfe und besondere mechanische Montierung. Mit seiner Hilfe wurde später der Planet Neptun entdeckt. Zu den Gerätschaften kommt ein digitalisierter Nachlass hinzu mit Manuskripten, Berechnungen, Zeichnungen und Briefen. Und es gibt eine vollkommen neue Attraktion: „Joseph“, ein Avatar.
Hinter dem digitalen Zwilling steckt die 1949 gegründete Fraunhofer-Gesellschaft. Mithilfe von künstlicher Intelligenz kann „Joseph“ mit Besucherinnen und Besuchern in mehreren Sprachen in den Dialog treten. Detailgenau seien dafür auch die historischen Räume im Kloster Benediktbeuern nachgebildet worden, heißt es. Dort hatte sich der Wissenschaftler nach der Säkularisation zwischen 1807 und 1819 eine Glashütte sowie ein optisches Institut eingerichtet.
In die Wiege gelegt war Fraunhofer diese ganz ohne akademische Ausbildung gestartete wissenschaftliche Karriere nicht. 1787 kam er als elftes Kind eines Glasermeisters im niederbayerischen Straubing zur Welt. Schon früh verlor der Bub seine Eltern und arbeitete später als Glaserlehrling in München. Trotz seines Talents durfte er weder lernen noch zur Schule gehen. Als 1801 das Gebäude seines Lehrmeisters plötzlich einstürzte, überlebte der 14-Jährige wie durch ein Wunder.
Bei seiner Rettung war auch der Staatsbeamte und Fabrikant Joseph von Utzschneider dabei. Utzschneider erkannte die Fähigkeiten des Jugendlichen, förderte diesen und holte ihn schließlich in seine Optik-Werkstätten. Fraunhofer lernte, wie man Fernrohre baute, die ihrer Zeit voraus waren. Sein Chef war begeistert und überließ dem jungen Mann immer mehr Verantwortung. Von 1809 an leitete Fraunhofer fast die gesamte Glashütte.
Als Erster untersuchte Fraunhofer 1814 systematisch das Phänomen der dunklen Linien im Sonnenspektrum. Er vermaß diese und veröffentlichte seine Ergebnisse. Als Fraunhofersche Linien gingen sie in die physikalische Fachsprache ein und trugen wesentlich zur Entwicklung von Spektralanalyse und Astrophysik bei. Bayernkönig Max I. Joseph ehrte ihn für seine Verdienste mit einem „von“ im Namen.

In der Optik-Ausstellung des Deutschen Museums hat Avatar „Joseph“ seinen Platz gleich gegenüber der Großvitrine mit den von Fraunhofer benutzten Instrumenten. Dazu zählt auch der Prismenspektralapparat, mit dem es ihm gelang, jene berühmten Linien zu entdecken.
Als eher unspektakulär, aber dennoch technisch beeindruckend gilt des Weiteren ein Gitterspektrometer. Mit diesem konnte man das Licht noch präziser untersuchen als mit einem herkömmlichen Prisma. In ein Glasplättchen hatte Fraunhofer mit einer selbst entwickelten Präzisionsmaschine und ihrer Diamantspitze teils mehr als 300 Rillen pro Millimeter in genau gleichem Abstand voneinander geritzt – eine laut Museum für die damalige Zeit fast unglaubliche Genauigkeit.

Wie ihm das gelang, blieb Fraunhofers Geheimnis, das er mit ins Grab auf dem Alten Südlichen Friedhof in München nahm. Nur 39 Jahre wurde der Forscher alt. König Ludwig I. ließ auf dessen Grabmal die lateinischen Worte meißeln: „Approximavit sidera“ (Er brachte die Sterne näher). Dieses wurde allerdings im Zweiten Weltkrieg durch einen Bombenangriff zerstört. Den neuen Stein zieren ein Fernrohr und eine Sonne.

