Joseph Vilsmaier:"Was war er? Na, a Hund"

Trauerfeier für Joseph Vilsmaier

Ein großes Schwarz-Weiß-Foto vor den Altarstufen zeigte Vilsmaier mit nachdenklichem Blick, in der Hand eine Zigarre.

(Foto: dpa)

Die Trauerfeier für Regisseur Joseph Vilsmaier passt zum Leben des Verstorbenen: Sie ist voller Emotionen, etwa von Michael Bully Herbig oder Ben Becker, hat aber auch angenehm leichte, fast komische Momente.

Von Philipp Crone

Mehr geht nicht. Das Eingangslied "Komm, o Tod, Du Schlafes Bruder" endet mit einem Finale aus Streichern, Bläsern und Paukenwirbel, die Trauergäste der bis auf den letzten Platz gefüllten Michaelskirche hören wie erstarrt zu. Gerade stand draußen vor der Kirche noch Walter Hutterer, der ein ähnliches Bairisch spricht wie es Joseph Vilsmaier gesprochen hat und sagt über den Regisseur: "Was war er? Na, a Hund." Und mit einem angemessen ohrenbetörenden Fortissimo beginnt dann diese Trauerfeier für den Hund Joseph Vilsmaier.

In den folgenden eineinhalb Stunden versuchen Weggefährten wie Kai Wiesinger, Charlotte Knobloch oder Michael Bully Herbig, den Regisseur zu würdigen und zu beschreiben. Es ist eine denkwürdige und damit angemessene Feier für den bayerischen Regisseur und Filmemacher.

Drei Wochen nach dem Tod des 81-Jährigen am 11. Februar sind die Reihen der Kirche eng besetzt. Neben Vilsmaiers Töchtern Josephina, Theresa und Janina sind vor allem sehr viele Filmgefährten gekommen. Ben Becker und Kai Wiesinger, Darsteller aus Vilsmaiers "Comedian Harmonists", Regie-Kollegen wie Marcus H. Rosenmüller oder Produzent Günther Rohrbach, die Gastronomie ist mit Wiesnwirten vertreten und die Politik neben Ministerpräsident Markus Söder auch durch etwa Oberbürgermeister Dieter Reiter oder Ilse Aigner.

Es geht in der Kirche da weiter, wo draußen Walter Hutterer aufgehört hat: mit dem Erklären und Beschreiben dieses so begnadeten Filmemachers. Und mit Anekdoten, von denen Vilsmaier wahlweise welche selbst lieferte oder erzählen konnte. An diesem Nachmittag teilen die Trauergäste noch einmal all ihre Erinnerungen, um sie anschließend möglichst gut im Gedächtnis zu behalten. Söder ist der erste Redner, er spricht davon, dass ihn kaum jemand so begeistern konnte wie Vilsmaier. Diese Kraft. Keine Würdigung der vergangenen Wochen ohne den Hinweis auf Vilsmaiers schier unerschöpfliche Energie und Begeisterungsfähigkeit, die alle um ihn herum mitnahm. Für den Beruf des Regisseurs ist das eine Gabe. Liebenswürdigkeit habe Vilsmaier selbst im größten Stress ausgezeichnet, sagt Söder. Dabei habe er erst mit 50 mit der Regie angefangen.

Damals war Produzent Rohrbach ganz nah dabei. Der bis dahin als Kameramann arbeitende Vilsmaier kam zu ihm und sagte, er wolle jetzt Regie machen. "Das war mutig, er war ja nicht mehr der Jüngste." Aber er habe die Dinge eben einfach durchgezogen. Wie auch beim Dreh von "Stalingrad", erzählt Rohrbach, da warf Vilsmaier den Produktionsleiter kurzerhand raus. Und auf Rohrbachs Frage, wer das jetzt übernimmt, antwortete Vilsmaier. "Ich." Kabarettist Ottfried Fischer, Schauspielerin Brigitte Hobmeier, alle können sie sofort ein Erlebnis mit Vilsmaier erzählen. In der Predigt sagt Jesuitenpater Karl Kern: "Die Meisterschaft ist es, wenn einer als erwachsener Mann Kind geblieben ist." Und das ist Vilsmaier auf jeden Fall geblieben. Und immer bei der Arbeit.

Am 3. Februar noch saß er im Schneideraum und arbeitete am gerade abgedrehten Film "Der Boandlkramer und die ewige Liebe", eine Woche später war er tot. Der Boandlkramer, wo bringt der Vilsmaier nun hin? Pater Kern zitiert aus dem letzten Film des Regisseurs eine Definition des Paradieses: "Das Paradies ist immer da, wo einer aufpasst, dass kein Depp reinkommt." Einige in der Kirche lachen. Ein Vilsmaier-Satz: bayerisch trocken, klar, hart und liebevoll zugleich.

Zwischen den musikalischen Einlagen des Filmfoniker-Orchesters herrscht oft lange Ruhe. Dann schaut Vilsmaier still von einem plakatgroßen Schwarz-Weiß-Foto in die Kirche. Unter einer Schirmmütze, ernst, die qualmende Zigarre zwischen den Fingern. Aber selbst wenn er ernst schaut, ist da etwas Witz, eine feine komische Glut in seinem Blick. A Hund halt.

"Digga! - mach's gut"

Kai Wiesinger geht langsam nach vorne und spricht schnell. Erzählt, wie Vilsmaier seine Darsteller beim Dreh von "Comedian Harmonists" mühelos unter den Tisch getrunken habe und am nächsten Tag ebenso mühelos drehen konnte, im Gegensatz zu seinen Schauspielern. "Wie eine Maschine war der." Oder wie Vilsmaier bei einer Audienz bei der Queen kurz vor dem Zusammentreffen merkte, dass seine Schuhsohle abging, dann einfach so tat, als sei er ein Kriegsversehrter und so ging, dass man die lose Schuhsohle nicht bemerkte. "Ich habe oft Tränen gelacht", sagt Wiesinger. Am Montag sind es Tränen der Trauer. Er muss kurz innehalten, dann kommt der Bremer Ben Becker, der erst gar nicht versucht, gefasst zu bleiben. Unter Tränen beschreibt er Vilsmaier als "einen Verarbeiter", der sich verarbeitet habe, für die Kunst, die Familie, der sich aber eben auch aufgearbeitet hat. "Digga! - mach's gut."

Bevor Vilsmaiers Töchter am Ende dieser Trauerfeier nach vorne kommen, die Urne mit der Asche ihres Vaters nehmen und langsam aus der Kirche gehen, singt erst noch Musiker Hubert von Goisern, mit dem Vilsmaier oft zusammengearbeitet hat, seinen Song "Heast as nit", diese Hymne auf den Gang der Zeit. Es ist der traurigste Moment an diesem Mittag in der Michaelskirche.

Und dann kommt Herbig und erzählt, wie er sich vorstellte, mit Vilsmaier am Tag zuvor zusammenzusitzen und zu fragen, was er denn jetzt sagen soll. "Dir fällt schon was ein", habe Vilsmaier gesagt. Das sei Vilsmaiers "gnadenloser Optimismus". Immer, wenn es bei einem Dreh mal so richtig aussichtslos war, sei er aufgeblüht. Er habe immer eine Lösung gehabt, dabei oft mit dem Satz: "Den kenni do, den ruafi glei o." Viele lachen, auch Herbig lächelt kurz, bevor er erzählt, wie er sich den Weg von Vilsmaier in den Himmel vorstellt. Der Regisseur sitzt auf der Kutsche neben dem Boandlkramer und sagt zu ihm: Fahr nur weiter, bis ganz hoch. Denn da oben, "da kenni oan." A Hund halt.

© SZ vom 03.03.2020/kbl
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