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Zum Tod von Joseph Vilsmaier:Der staunende Zirkusdirektor

Oktoberfest 2017 - Auftakt

Der Regisseur Joseph Vilsmaier ist tot. Er starb am 11. Februar 2020 im Alter von 81 Jahren.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Joseph Vilsmaier war für die Münchner Filmszene so wichtig, weil er einer der wenigen war, den alle mochten. Über einen Regisseur, der frei war von den typischen Eitelkeiten der Branche.

Einfach nur entspannt dasitzen kann ziemlich bemerkenswert sein. Es kommt nur auf das Ambiente an. Joseph Vilsmaier saß am Donnerstag vor vier Wochen um kurz nach 21 Uhr im Literaturhaus an einem Tisch unter der Treppe. Der Tisch, der am schwersten zu sehen ist vom Eingang. Der 81-Jährige hockte da, redete und schaute nicht zum Eingang des Restaurants.

Fotografen drängten sich dort durch die dicht stehenden Gäste des Filmempfangs. Sie suchten die bekanntesten Darsteller. Und alle anderen suchten auch. Schauspieler nach Castern, die sie besetzen könnten. Regisseure nach Produzenten. Produzenten nach Geldgebern. Es war also alles wie immer, ein einziges Schaulaufen. Und dann sitzt da Vilsmaier und ratscht einfach nur mit Gernot Roll, von Filmlegende zu Filmlegende, von Kameramann zu Kameramann.

Vilsmaier schien schon immer frei zu sein von den schweren chronischen Krankheiten, die man sich in dieser Branche so schnell holt: Wichtigkeitsempfinden und Selbstinszenierungsdrang. Und gerade deshalb war er auch so ein wichtiger Bestandteil dieser Szene. In einer überdrehten Welt zieht ein bayerisch unterdrehter Mann wie Vilsmaier die Sympathien fast automatisch an.

Wenn Martin Moszkowicz, Chef der Constantin Film, "den Sepp" einen der "wenigen wirklich ernsthaft netten Menschen in dieser Branche" nennt, spricht da ein selbstkritischer Unternehmensboss und der nächste große Vilsmaier-Sympathisant zugleich. Dabei war es nicht so, dass Vilsmaier sich auf den glamourösen Scheinwerfer-Einladungen nicht zeigte, im Gegenteil. Er war oft Gast und hatte gerne auch eine oder gleich alle drei Töchter dabei. So wie auch an diesem Abend im Literaturhaus. Er ratscht also mit Roll vor sich hin, und man könnte meinen, dass diese Vollruhe, die der Mann ausstrahlt, doch sicher von seinen Erfolgen, Auszeichnungen und dem Alter herrühren. Aber laut Moszkowicz war Vilsmaier schon immer so, auch vor 40 Jahren, als die beiden sich kennenlernten. Wahrscheinlich fiel jemand auch zu der Zeit schon auf, wenn er einfach nur so war, wie er war.

Vilsmaier musste nicht viel machen, um jemanden für sich zu gewinnen. Allein seine Sprache war wunderbar, so ein weiches Bairisch, dass man ihm gleich gern zunickte. Dabei hatte er die Mundwinkel mitsamt dem Dreitagebart zu einem leicht schelmischen Lächeln hochgezogen, eine hauchzarte Lausbubenhaftigkeit, die ihn immer umgab. Im Prinzip hatte man bei Vilsmaier dauernd das Gefühl, es mit einem sehr sehr jungen Menschen zu tun zu haben, der auch nach Jahrzehnten in dem Geschäft und all den Erfolgen noch immer in jedem Moment ein bisschen über sich selbst staunt. Dass er einen Film aus dem Hubschrauber drehen kann zum Beispiel, und dann auch noch über seine so innig geliebte Heimat Bayern.

Hans Jürgen Ostler hat ihn damals wochenlang durch Bayern geflogen. Ostler ist Hubschrauberpilot. Einer, der kurz und prägnant spricht, keiner aus der Filmbranche. Ostler sagt: "Joseph war gutmütig und gütig." Wenn er jemanden mochte. Ansonsten konnte er auch "ziemlich grantlig" sein, das schon. "Aber wenn er einen ins Herz geschlossen hatte, gab er das letzte Hemd für dich." Am Beispiel Ostler: Der letzte gemeinsame Flug war vergangenes Jahr, als er Vilsmaier und Hape Kerkeling in Österreich abholte und nach München flog. Sie drehten "Der Boandlkramer und die ewige Liebe". Ostler hat da auch einen Auftritt, als Statist am Stammtisch. Wen er eben einmal ins Herz geschlossen hat.

Vilsmaier hat nicht einfach so mit jemanden gesprochen. Er hat spätestens nach ein paar Sekunden seine Hand auf den Unterarm des Gegenübers gelegt, eine Anekdote erzählt oder von seinem nächsten Projekt geschwärmt. Und zwar auf diese jungenhaft atemlose Art, die einem gleich die Skepsis nimmt, es könne sich um berechnendes Schwärmen handeln, um sich irgendeinen Vorteil zu verschaffen. Natürlich wusste er genau, wie man sich verkauft, aber überlagert wurde das dann doch immer von überbordender Begeisterung. Gespräche mit Vilsmaier hatten deshalb auch immer eine Steigerung. Am Anfang in normalem Ton, am Ende mit Enthusiasmus, über einen Film, über eine Idee, ob seine oder die von jemand anderem.

Als Vilsmaier 2012 mit Ostler beim Dreh im Hubschrauber eine Runde um Neuschwanstein flog, zeigte er immer wieder auf Details. Ein ewig Staunender, Mitgerissener und Mitreißender. Vilsmaier staunte sein Leben lang, und eben gerne auch über sich. Wie er einen Film nach dem anderen hinbrachte. Mit "unheimlicher Sturheit und Besessenheit hat er die Dinge gemacht, bis sie so waren, wie er es wollte", sagt Regisseur Franz Xaver Bogner. Auch er kannte ihn lange, wie so viele in der Filmstadt München. Man konnte sich dem verschmitzten Filmemacher kaum entziehen. Und so wurden im Laufe der Jahre sehr viele in sein Herz geschlossen, weil man diesen notorisch Begeisterten einfach mögen musste. Und sei es nur für seine kindliche Freude am Film, noch mit 81. Da haben sich die Gäste dann auch zu seinem 80. Geburtstag gerne verkleidet, als Vilsmaier zur Kostümparty lud wie in den besten und ausgeflipptesten Münchner Filmzeiten. Und Vilsmaier, der ging als Zirkusdirektor, als Herr über eine zauberhafte Welt.

Zirkusdirektor, diese Rolle wählte er also für sich selbst. Und das passte einfach zu gut. Einer, der Kind geblieben war und es auch unbedingt weiter bleiben wollte. Und der Leute mit seinen Filmen immer wieder zum Staunen bringen konnte, einfach weil er selbst so gerne staunte.

© SZ vom 13.02.2020/kaal
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