Wie wird er es gestalten, das hohe C der Kavatine „Salut, demeure chaste et pure“? Wird er aufdrehen, lässig den Heldentenor auspacken? Die Silbe „en“ im Wort „présence“ bis ins Unendliche dehnen? Auftrumpfen, denn darauf wartet ja das Publikum in dieser Bravour-Arie? Oder wird Jonathan Tetelman seinen Faust, der an dieser Stelle in Gounods Oper erstmals die armselige Kammer von Marquerite (Olga Kulchynska) betritt, einen zart lyrischen Ton anschlagen?
Am 8. Februar, im Münchner Nationaltheater, wissen wir mehr, wenn diese nach Georges Bizets „Carmen“ erfolgreichste französische Oper dort Premiere hat. Dabei war Johann Wolfgang von Goethe einst ziemlich pessimistisch, was die Vertonung seines „Faust“ angeht. In den „Gesprächen mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“, die Johann Peter Eckermann aufzeichnete, heißt es am 5. Dezember 1829: „Es ist ganz unmöglich“, sagte Goethe. „Das Abstoßende, Widerwärtige, Furchtbare, was sie stellenweise enthalten müsste, ist der Zeit zuwider. Die Musik müsste im Charakter des ‚Don Juan‘ sein; Mozart hätte den ‚Faust‘ komponieren müssen. Meyerbeer wäre vielleicht dazu fähig, allein der wird sich auf so etwas nicht einlassen; er ist zu sehr mit italienischen Theatern verflochten.“

Mozart war da auf den Tag genau schon 38 Jahre tot. Am Ende haben weder er noch Giacomo Meyerbeer die berühmteste Opern-Version des „Faust“ erschaffen, sondern der Franzose Gounod. Uraufführung war 1859, die Neufassung durch den Komponisten selbst kam im März 1869 an der Pariser Oper erstmals auf die Bühne.
Diese Version ist nun an der Bayerischen Staatsoper zu erleben. Lotte de Beer, Chefin der Volksoper Wien, inszeniert, am Pult des Staatsorchesters steht erstmals Nathalie Stutzmann. Die Dirigentin könnte den Part der Marthe sogar selbst singen, hat sie doch eine der vollendetsten Altstimmen unserer Zeit. Doch in der Rolle ist Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser zu hören, den Méphistophélès singt Kyle Ketelsen. (Weitere Vorstellungen gibt es am 13., 16., 19., 22. und 27. Februar und zu den Opernfestspielen.)

Doppeljubiläum beim Mozartfest Salzburg:Wie Rolando Villazón Mozarts Geburtstag feiert
Man kann sich über Mozart-Serien im Fernsehen ärgern, oder aber den wahren Wolfgang Amadeus entdecken: zum Beispiel bei der Mozartwoche in Salzburg. Festivalchef Rolando Villazón hat sich zum 270. Geburtstag seines Idols so einiges ausgedacht.
Russisches Repertoire präsentiert am 14. Februar das Gärtnerplatztheater mit Alexander Borodins Fürst Igor. Der russische Komponist war qua Geburt selbst ein Fürst, nun ja, zumindest der uneheliche Spross eines solchen. Doch der georgische Fürst Luka Gedewanischwili bekannte sich erst kurz vor seinem Tod zu Alexander, den er mit seiner Mätresse Awdotja Antonowa gezeugt hatte. Den Namen Bordin bekam das Kind vom Leibdiener des hohen Herrn.
Alexander wuchs bei seiner Mutter in St. Petersburg auf und stellte sich als vielseitig talentiert heraus, schon als 14-Jähriger versuchte er sich an ersten Kompositionen. Und doch schlug Alexander Borodin die Karriere eines Naturwissenschaftlers ein. Als Arzt und angesehener Chemieprofessor komponierte er quasi nach Dienstschluss.
Ob das der Grund war, warum er lange 28 Jahre an „Fürst Igor“ arbeitete und doch die Oper nicht vollenden konnte? Nach seinem Tod 1887 beugten sich seine Freunde Nikolai Rimski-Korsakow und Alexander Glasunow über Borodins Entwürfe und Libretto-Notizen und führten die Orchestrierung zu Ende, viele Umarbeitungen sollten folgen.
Dem Publikum wohl am ehesten im Ohr sind die berühmten, melancholischen „Polowetzer Tänze“. Weniger die schwergewichtige, altrussiche Geschichte vom Fürsten Igor und seinem gescheiterten Feldzug gegen einfallende Stämme. Wenn sich Regisseur Roland Schwab, gerade in diesen Zeiten, diese auch musikalisch opulente Schlachtplatte vornimmt, dann gewiss nicht, ohne das Werk gründlich zu hinterfragen. Rubén Dubrovsky dirigiert, Matija Meić singt die Titelrolle. (Weitere Vorstellungen am 20., 22., 26. und 28. Februar und im März.)

Unvollendet hinterließ auch Giacomo Puccini seine letzte Oper Turandot. Noch vor den beiden Münchner Häusern geht das Staatstheater Nürnberg im neuen Jahr mit dieser Premiere an den Start: Am 24. Januar präsentiert dort Regisseurin Kateryna Sokolova ihre Version der Geschichte um die unnahbare Prinzessin, die sie ins 19. Jahrhundert verlegt. Eine junge Frau steht vor ihrer Heirat. Aus Angst vor diesem Schritt, der für eine Frau immer auch die Aufgabe ihrer Rechte bedeutete, bricht sie zusammen und halluziniert sich in verschiedene Frauenfiguren hinein: in Medusa, Judith oder Queen Elizabeth I. Sie wird erwachen, aber wofür wird sie sich entscheiden? (Weitere Vorstellungen im Januar, Februar und März.)

