bedeckt München -2°

Johnny Logan:"Der mog oide Leit"

"Der mog oide Leit", sagt Lydia Staltner (Vierte v. r.) über Jonny Logan. Sie hat den Sänger überzeugt, für ihren Verein ein Lied zu schreiben.

(Foto: Lichtblick Seniorenhilfe)

In seiner Heimat Irland ist der dreifache Grand-Prix-Sieger ein Volksheld. In seinem Zweitwohnsitz in München kümmert er sich um ältere Mitbürger - und hat für einen Seniorenverein sogar einen Song aufgenommen.

Von Michael Zirnstein

Wie befreundet man sich mit einem Popstar? Dazu muss man erst einmal einen treffen, am besten mehrmals. Das war für Lydia Staltner vom Münchner Seniorenhilfe-Verein Lichtblick durchaus möglich im Fall von Seán Patrick Michael Sherrard O'Hagan. Der Ire wohnt nämlich unter anderem in Hofolding. Seine Lebensgefährtin und Managerin Tanja Surmann kennt Lydia Staltner schon länger und brachte den Sänger zu Veranstaltungen der Rentnerretter mit. Und er begleitete sie nicht einmal mürrisch und stellte sich sogar gerne für Senioren-Selfies bereit, glaubt Stalter und erklärt es auf bayerisch: "Der mog oide Leit."

Stellt sich die Frage: Mögen alte Leute auch Sean O'Hagan? Ja kennen sie ihn überhaupt? Ganz bestimmt unter seinem Künstlernamen Johnny Logan. In einer Zeit, als der Grand Prix de la Chanson eines der größten Fernsehereignisse der Eurovisions-Nationen war, gewann er das Ereignis zwei Mal als Interpret: Als 24-jähriger Jüngling sang er sich vor vierzig Jahren im weißen Anzug, mit wohl dosierten Gesten und sehnsuchtsvollem Blick gen Himmel in Den Haag mit "What's another year" zum Sieg, 1987 immer noch in Weiß, aber mit kürzeren Haaren dann mit "Hold me now" in Brüssel. Daran erinnert sich Fernseh-Deutschland gewiss, weniger vielleicht an 1992, als Linda Martin mit seinem Stück "Why me?" siegte. In Irland, wo Logan 1980 von Tausenden am Flughafen empfangen wurde und dann mit Polizei-Eskorte zu seinem Heimatort Ashbourne zog, ist er ein Volksheld.

Hat er auch Verehrerinnen im Lichtblick-Ladenbüro am Mariahilfplatz? "Mich dürften Sie da eigentlich nicht fragen, ich bin Udo-Jürgens-Fan", sagt Lydia Staltner.

Aber ja, er habe eine schöne Stimme, sagt sie, wenn er singt, und wenn er redet. Dass er auch zuhören kann, erlebte sie, als Johnny Logan ihre Zentrale in München besuchte, "sich alle Zeit der Welt" dafür nahm und sich für alles interessierte, die Patenschaften für Altersarme, die Lebensmittelgutscheine, die Aktenschränke, die Soforthilfe für Medikamente. "Dort unterstützen sie 16 000 Rentner", sagt Logan am Telefon, "die machen eine enorm tolle Arbeit." Er traf sich mit einer 90-Jährigen, "einer Junggebliebenen", wie er sagt, sie zeigte ihm Bilder ihrer Familie. Zu Hause blätterte er auch alte Fotos seiner verstorbenen Eltern durch, auch auf seiner Internetseite ist er immer wieder mit seinem Vater, dem irischen Startenor Patrick O'Hagan zu sehen, der in seinen letzten Jahren im Rollstuhl saß. Und er erinnerte sich daran, wie wichtig seine Grand-Prix-Siege für den Zusammenhalt waren: "Ich konnte meinen Eltern dadurch helfen, in Sicherheit alt zu werden."

Nach den Besuchen bei Lichtblick und einigen Auftritten für den Verein wie an Weihnachten 2019, wuchs in ihm der Wunsch, noch mehr zu tun. "Ich spürte da einen Ruf."

Instinktiv muss Lydia Staltner ihn gehört haben. Schon länger wünschte sie sich eine Hymne für die Altenhilfe. "Ich spinn' da gerne herum." Und mit Logan hatte sie einen Profi gefunden, den sie darum bitten konnte: "Jetzt mach doch mal ein Lied für uns!" Sie sei da "eh hemmungslos", sagt sie, "fragen kostet nichts". Und wie alte Leute eine Aufgabe bräuchten, brauchte ja auch vielleicht der nun 66-jährige Logan eine, "um etwas Gutes zu tun".

Tatsächlich war der Ire zu der Zeit darum bemüht, "sich beschäftigt zu halten". Auch ihn legte Corona lahm. "Ich bin Ire, wir lieben es, uns zu treffen, zu feiern, einen zu trinken und zu singen", sagt er. Die Vereinsamung in Hofolding machte ihm zu schaffen. Eigentlich hatte er sein 40-Jähriges vom ersten ESC-Sieg auf Tour feiern wollen, er hatte einige Termine mit dem schwedischen Show-Star Robert Wells. Immerhin hatte er ein charmantes, witziges, stimmgewaltiges Stream-Konzert für den SWR, das ihm vor allem wegen seiner zwei jungen "unglaublichen" Begleitmusiker gefiel, Nick Flate am Pianio und dem Münchner "The Voice of Germany"-Band-Gitarristen Ferdi Kirner. Diese Woche geht es weiter nach Kopenhagen, wo er am 17. Dezember ein Online-Konzert spielt und statt eines "Meet & Greet" zuvor mit den Fans chatten will.

Außerdem nutzte er die Pandemiepause, um zu schreiben. Mit dem programmatischen Song "Stay at home, stay alive" landete er auf Platz 1 der britischen Country-Charts; dazu kamen sieben neue Stücke in unterschiedlichster Spielart "von Googoo Dolls bis Van Morrisson bis Kings Of Leon", die er 2021 herausbringen will, um wieder einmal zu zeigen, dass er mehr ist als der Schlagersänger, als der er hierzulande gilt. So produktiv er auch war, "die Pandemie drückt dir aufs Gemüt", sagt er, "es fiel mir nicht leicht, etwas in positiver Stimmung zu schreiben". In dem Fall war Lichtblick also ein Lichtblick auch für ihn.

Er dachte wieder an die Senioren, denen die Vereinsamung besonders zusetzte, "die Einsamkeit ist unheimlich hart", sagt er, "von niemandem Besuch zu bekommen, sich von keinem verstorbenen Freund verabschieden zu dürfen am Grab, auch das kann ja heilsam sein." Und deswegen bittet er: "Helft ihnen! Und wenn es nur kleine Dinge sind, wie im Supermarkt einzukaufen. Viele sind zu stolz, jemanden zu bitten." Er half mit dem Song, bat aber seinerseits um Hilfe: Das Lichtblick-Team sollte ihm aufschreiben, was in dem Stück vorkommen müsse. "Es sind zwei Seiten geworden"; sagt Lydia Staltner, "mei, wir sind halt zehn Frauen hier."

Er lief mit der Liste durch den Englischen Garten, die Ideen sprudelten wie der Eisbach. "Dann wusste er, was er mitteilen will: "We're invincible", also zusammen ist man stark. Der Song soll ein Zeichen der Solidarität in schweren Zeiten sein. Und er soll alle daran erinnern, respektvoll mit Senioren umzugehen: "Ältere sind nur älter, sie sind nicht tot! Sie sind wundervoll", sagt er und erinnert sich an seine Eltern, "sie hatten ein Leben." Sein Vater, den er bewunderte, der nach mehreren Schlaganfällen schon mit 69 Jahren starb; seine Mutter, die sich bis ins hohe Alter wie ein Mädchen fühlte, sogar ein Doppelleben führte und als leidenschaftliche Zockerin im Casino daheim als Miss Molly bekannt war; sie starb mit 87. Der Tod kam in den vergangenen Jahren näher. Logans Schwester erkrankte an Bauchspeicheldrüsenkrebs, sein älterer Bruder hatte es schwer am Herzen, sein jüngerer Bruder starb an einem Herzinfarkt. "Man denkt ja, dass das eigene Leben nie endet, aber wenn, dann möchte ich auf See bestattet werden, wie mein Bruder nahe eines Fischerdorfs."

Er nahm das Lied in Kopenhagen mit Spitzenmusikern wie dem Pink Floyd Percussionisten Gary Wallis auf. Im Video dazu sieht man Logan - zwischen etwas kitschigen Bildern von Kerzen und Händen - mit schulterlangem, weißen Haar in Alltagskleidung lässig vor dem Studiomikrofon. "We are beautiful and we are proud / We have the courage to shout out loud / We are mothers, we are daughters / We are fathers, we are sons / We are invincible when we are one." Eigentlich wollte Logan nach Benefiz-Popsong-Schema mehrere Kollegen singen lassen. "Aber dieses Stück hat nur seine Stimme so echt klingen lassen können", sagte Lydia Staltner und überzeugte Logan, es alleine einzusingen. "Jetzt klingt es halt wie eine typische Powerballade von dem Typen, der ,Hold Me Now' gesungen hat", scherzt Logan.

In dem Lied singt er auch von den "Engeln" da draußen, die ihre Liebe mit uns teilen und uns helfend die Hand reichen - unschwer erkennbar, dass damit auch die Auftraggeberin gemeint ist. Auf jeden Fall sei das Ergebnis "der Wahnsinn", sagt Staltner, "ich bin so glücklich". Auch, weil die Zusammenarbeit letztlich zu einer Freundschaft mit dem "King of Eurovision" geführt hat. "Ja, das hat sich intensiviert", sagt sie, aber das passiere nicht einfach so. "Man braucht ein Erlebnis. Erst, wenn man etwas miteinander gemacht hat, kann man das Herz von jemandem spüren."

© SZ vom 17.12.2020/vewo
Zur SZ-Startseite
Kaiser_Teaserbild_Desk

SZ PlusCorona-Krise
:Der gestrandete Wanderzirkus

Seit zehn Monaten sitzt der Zirkus Baldoni Kaiser in München fest. 55 Tiere, elf Menschen und eine verdammte Wiese. Über ein Jahr des Wartens und des Hoffens.

Lesen Sie mehr zum Thema