Restaurant Jidai 794Essen, sehen und gesehen werden

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Mit 48 Euro ist Surf ’n’ Turf eines der teuersten Gerichte. Auf dem Teller tummeln sich der senkrecht aufgestellte Kopf einer Wildfang-Riesengarnele, daneben 120 Gramm zartrosa Charolais-Rinderfilet und Süßkartoffel-Curry-Püree mit einer Chimichurri-Soße.
Mit 48 Euro ist Surf ’n’ Turf eines der teuersten Gerichte. Auf dem Teller tummeln sich der senkrecht aufgestellte Kopf einer Wildfang-Riesengarnele, daneben 120 Gramm zartrosa Charolais-Rinderfilet und Süßkartoffel-Curry-Püree mit einer Chimichurri-Soße. Stephan Rumpf

Ein roter Teppich, die richtige Beleuchtung für Influencer und eine ambitionierte Küche: Das neue Restaurant am Lenbachplatz hat alles, was man in München so braucht, um zu schillern.

Von Rosa Marín

Die Zutaten für ein sogenanntes Promi-Lokal stimmen schon mal. Roter Teppich vor dem Eingang, Kordeln an güldenen Ständern geleiten zur matt schimmernden Türe. An der rötlich illuminierten Fassade kreist das Logo „Jidai 794“ so ein bisschen wie ein Suchscheinwerfer in einem Studio nahe Beverly Hills. Unweit des Restaurants parken: ein Aston Martin, ein Lamborghini, ein sehr großer Land Rover Defender, der sich zum Beispiel gut für die holprige Anreise aus Grünwald eignet. Gleich mal reinschauen, wer da ist! Heute kein Fußballer vom FC Bayern wie beim letzten Mal, dafür aber auch viele sehr junge Menschen, die sich offensichtlich Mühe gegeben haben, betucht auszusehen für diesen Abend – und sie sind es ja vielleicht auch.

Das Jidai 794 ist nämlich das, was man instagramable nennt. Ein Hotspot für Influencerinnen und Influencer, warme Beleuchtung, die Reels weichzeichnet, der Hintergrund ist immer ansprechend, wirkt fast mondän. München at it’s best halt. Sehen und gesehen werden. Das geht schon mal sehr gut durch die riesigen Fenster. In der Ferne die Lichter vom Stachus, die majestätische Fassade des Justizpalastes, eine Straßenbahn klingelt vorbei – sehr großstädtisch, fast international wirkt das so.

Ein wirklich geräumigen Lokal: 1500 Quadratmeter ist es groß, 200 Sitzplätze bietet es.
Ein wirklich geräumigen Lokal: 1500 Quadratmeter ist es groß, 200 Sitzplätze bietet es. Stephan Rumpf

Das Jidai 794 ist aber auch ein Hotspot für Menschen, die gerne gut essen und dabei etwas sehen möchten. Die Küche ist ambitioniert, das hat seinen Preis, es stimmt aber sehr viel hier. Dies sei vorausgeschickt, bevor Rosa Marín sich der kleinen Historie dieses wirklich geräumigen Lokals widmet. 1500 Quadratmeter ist es groß, 200 Sitzplätze bietet es. Richtig voll ist es meist nicht. Ende vergangenen Jahres hat es eröffnet in den früheren Räumen des Enter The Dragon. Szene-Gastronom Mathias Scheffel, der unter anderem das Pacha oder das Filmcasino betreibt, sowie seine Partner Giang Ninh und Alexander Rupp hatten hier mit einem Nachtimbiss namens Yakuza Kitchen für Nachtschwärmer begonnen. Dass es etwas größer sein darf, zeigt sich schon bei der Namensgebung des neuen, angeschlossenen Restaurants. Jidai bedeutet auf Japanisch nämlich Epoche. Und 794 ist das Jahr, in dem in Kyoto so etwas wie der Beginn der japanischen Hochkultur verortet wird.

Asian Fusion, Fine Dining oder Pan-Asiatisch, wie immer man das bezeichnen möchte, so nennt sich die Stilrichtung dieses Lokal. Schließlich, so einer der Betreiber, wolle man „der Szene-Asiate Münchens“ werden. Die Aufzeichnungen der Münchner Gesellschaftsschreiber belegen, dass bei ordentlich Trüffelduft eine bunte Gesellschaft das Opening mitgefeiert habe, genannt werden etwa Marcel Reif, Marion Kiechle, David Dietl und ein Ex-Bachelorette-Kandidat.

Diese waren bei Rosa Maríns Testessen nicht anwesend. Dafür ein vielfältiges Publikum, jung, älter, am frühen Abend auch manchmal lässig wirkende Eltern mit Kindern. Die sind dann längst weg, wenn am Wochenende im ehemaligen Clubbereich ab 23 Uhr ein DJ auflegen soll, meist samstags. Vom Dining also direkt in die Disco.  Bislang aber ist dieser Bereich wohl nur für Events vergeben worden.

Das Lokal ist in drei Bereiche unterteilt. In der Mitte das Herzstück, in einem offenen Tresen sind Sushi-Meister zugange.
Das Lokal ist in drei Bereiche unterteilt. In der Mitte das Herzstück, in einem offenen Tresen sind Sushi-Meister zugange. Stephan Rumpf

Toll illuminiert ist das Jidai 794, rote Bodenstrahler bescheinen schwarze Säulen. Das Lokal ist in drei Bereiche unterteilt. In der Mitte das Herzstück, in einem offenen Tresen sind Sushi-Meister zugange, in zwei Getränketheken schillern Flaschen und Gläser. Im Hintergrund laden Sitzbänke im Zebralook an dunkle Holztische ein, eine Armada aus umgedrehten Körben dient zur gedimmten Beleuchtung. In einer angenehmen, unaufdringlichen Lautstärke klingt Post-Café-del-Mar-Sound durch das Lokal. Aus der Türe der offenen Küche dampft es. Der Mann am Empfang und die wirklich vielen Service-Kräfte sind ausgesucht freundlich, umsichtig und professionell. Rosa Marín und ihre Begleitung haben sich gleich wohlgefühlt, als sie umgehend zu einem gemütlichen Ecktischchen eskortiert wurden, nachdem sie sich am ersten zugeteilten Platz nahe der grell beleuchteten Weinkühlung unwohl fühlten.

Es ist angerichtet: (von links im Uhrzeigersinn) Butter Softshell Crab, Edamame, Jungle Ribs und Hotate Trüffle.
Es ist angerichtet: (von links im Uhrzeigersinn) Butter Softshell Crab, Edamame, Jungle Ribs und Hotate Trüffle. Stephan Rumpf

Die Speisekarte bietet nicht zu viel – und nicht zu wenig. Man begann mit Edame Flame (7,90 Euro), ein hübsches Schälchen voller japanischer Sojabohnen mit Chiliflocken und Salz, das laut Karte aus dem Himalaya stammen sollte. In zarter Anmutung wurde Sunny Crab (25,50) aufgetragen, ein Mango-Softshell-Salat mit einer angemessenen Portion roter Zwiebeln und fein abgeschmeckter Koriander-Chili-Soße. Von Letzterer hätte es etwas mehr sein dürfen. Der Name Hotate Trüffle (18,90) machte neugierig. Es waren in netten Schüsselchen drei einzeln angerichtete Jakobsmuscheln, jede riesig groß, aber das muss hier wohl so sein. Sie schmeckten ein bisschen lasch und weichlich, bei der Trüffelsoße kam auch zu wenig die Essenz durch.

Nichts zu mäkeln gab es bei den Crispy Calamari (14,90), Tempura mit Limettenblatt, knusprig wie sie sein sollen. Auch Siam Coconut Soul (13,50), eine klassische Suppe mit Kokosmilch, reichlich klein geschnittenem Hühnchen und Austernpilzen war richtig fein, die Limette schmeckte zart hervor.

Richtig voll ist es hier meist nicht. Ende Dezember vergangenen Jahres hat das Jidai 794 eröffnet in den früheren Räumen des Enter The Dragon.
Richtig voll ist es hier meist nicht. Ende Dezember vergangenen Jahres hat das Jidai 794 eröffnet in den früheren Räumen des Enter The Dragon. Stephan Rumpf

Die Premium Oysters (Stück 5,50), das Tuna Tataki (23,90) und hausgemachte Dumplings wie Chicken Teriyaki (13,50) übersprang die Kostproben-Runde, um sich einem der teuersten Gerichte zu widmen. Surf ’n’ Turf (48 Euro). Die Größe der Portion war dem Preis mindestens angemessen. Auf ausgesuchter Keramik tummelten sich der senkrecht aufgestellte Kopf einer Wildfang-Riesengarnele samt deren auf den Punkt gebrachtes Fleisch, daneben 120 Gramm zartrosa Carolas-Rinderfilet, und dazu wirklich zu lobendes Süßkartoffel-Curry-Püree mit einer Chimichurri-Sauce, die perfekt war samt frischester Kräuter. Ein Genuss. Am Nachbartisch wurden derweil die Ocean Emperor Noodles aufgetragen (69,90). Was das ist? Ein ganzer gegrillter Hummer in Korianderöl mit Eiernudeln, gebraten, samt Brokkoli und Zucchini.  Wenn mal wieder ein Millionen-Fußballer vorbeikommt, braucht der schließlich Proteine - und ein paar Kohlenhydrate.

Sushi Experience – von Classic Maki bis 794 Signature Roll.
Sushi Experience – von Classic Maki bis 794 Signature Roll. Stephan Rumpf

Eine Geschichte beziehungsweise Karte für sich ist das Sushi-Angebot. Das isst man wirklich selten so gut in München wie hier. Die 794 Signature Ebi Roll (28,90): Ebi Tempura, mit Avocado, Trüffelcreme, Teriyaki-Soße, innen crunchy, leicht säuerlich, ein wunderbarer Genuss. Und natürlich, wir sind ja im Szene-Asiaten, großzügig Trüffelhobel darüber dekoriert. Die Sushi-Meister hier wissen wirklich, was sie tun. Ebenso bei der Vegan Crunchy Green Roll (19,90), einer frittierten Tempura Futo Sushi Rolle, in der sich Ruccola, Avocado und Mango vereinen.

Zum Schluss eine Matcha Crème brûlée für 12 Euro.
Zum Schluss eine Matcha Crème brûlée für 12 Euro. Stephan Rumpf

Serviert mit Duftreis in großen Töpfen werden aus dem Wok auch Prawns mit Ananas, Honigtomaten, Kaiserbohnen in Tamarindensoße (39,90) oder Pad Thai Tofu (20,90), bevor es zur Nachspeise geht: Rosa Marín und Mitstreiter gönnten sich eine Mango Pannacotta (10,50) mit wirklich frischen Früchten – und weil in diesem Influencer-Ambiente auch angesagtes Matcha sein muss, noch eine sehr genießbare Matcha Crème brûlée (12) samt Schokoladen Sorbet, bevor die Kostproben-Tester nach draußen entschwanden. Über den roten Teppich in die Lichter der Großstadt.

Jidai 794, Lenbachplatz 1, 80333 München, Telefon: 089/37049894, Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag, 12–14 Uhr und 18–1 Uhr, Freitag 12–14 Uhr und 18–3 Uhr, Samstag, 18–3 Uhr, Sonntag geschlossen

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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