Nach der Hektik der Vorweihnachtstage:Auszeit im Januar

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Die Kapuze ins Gesicht gezogen, den Mantel fest geschlossen: Das Einkaufen ist derzeit für viele eine Pflichtübung. (Foto: Wolfgang Maria Weber/Imago)

Es fühlt sich an, als habe das neue Jahr schon nach drei Wochen seine ganze Kraft verbraucht - eine Wolke übelgelaunter Stille liegt über der Stadt.

Glosse von Stephan Handel

Das Jahr, es ist noch gar nicht so alt und hängt doch schon kräftig in den Seilen. Als hätte es in den ersten Wochen zu viel Kraft verbraucht und zu wenig Schlaf bekommen, nimmt es jetzt eine Auszeit, geht runter vom Gas, stellt die Lautstärke leiser und macht das Licht dunkler. Die Menschen verhüllen sich vom Scheitel bis zur Sohle einschließlich des Gesichts, aber nicht wegen des Virus', sondern wegen der Kälte, die in die Haut beißt wie ein tollwütiges Eichhörnchen im Schrebergarten. So wanken sie durch die Fußgängerzone mit ihren Daunenjacken, rundum gepolsterte Michelin-Männchen in Blau, Grün und Beige.

Wer bislang nicht wusste, dass "Schlamm" auch eine Farbe bezeichnet, der wird jetzt von Schneeresten des besseren belehrt. Nur die Wiesen schauen alle aus, als würden sie in Pflegeberufen arbeiten, wie neulich jemand schrieb - das gilt aber nur für Grünflächen ohne Neigung, denn wo immer man einen Schlitten gegen die Gravitation hinaufziehen und mit ihrer Hilfe hinunterfahren kann, haben Eltern die Gelegenheit ergriffen, mit ihren Kindern "an die frische Luft" zu kommen, auch wenn die lieber an ihre Playstation angeschlossen blieben. Die Eltern würden auch lieber Biathlon gucken, aber dann böte man als Couchkartoffel ein schlechtes Beispiel, also nichts wie rein in den Schneeanzug und raus zur Quartiers-Grünanlage, wo alle anderen auch sind, Eltern wie Kinder gleich schlecht gelaunt.

Was war doch noch vor vier Wochen turbulente Hektik! Die Christkindlmärkte überfüllt, der Glühwein überteuert, die Betrunkenen überdreht - weil die Weihnachtseinkäufe heute sowieso beim Versender geordert und nach Hause geliefert werden, blieb umso mehr Zeit, sich gepflegt einen auf die Nase zu gießen. Jetzt schlurfen die, die müssen, von Laden zu Laden, schnell rein ins Warme, schnell wieder nach Hause, es ist kalt, bloß nicht zu lange, mit niemandem reden, kostet nur Zeit. So liegt die Stadt unter einer Wolke übellauniger Stille oder, wie Karl Valentin sagte: Wenn die staade Zeit vorbei ist, wird's auch wieder ruhiger.

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