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München:Jagd nach Kunst

Suchbilder: Noch wissen Organisator Fabian Gatermann (rechts) und Mitstreiter Eliot the Super (von hinten) nicht, wo sie und die anderen Künstler die insgesamt 200 Werke in der Stadt verstecken. Doch wird es jeden Tag Hinweise auf Facebook und auf Instagram unter @artschnitzel7 geben.

(Foto: Catherina Hess)

Start für die Aktion Artschnitzel

Von Franziska Gerlach

Das Mädchen auf dem Fahrrad trägt einen Kapuzenpullover, 17 oder 18 Jahre ist sie alt, vielleicht ein wenig älter. Unter ihrem Arm klemmt ein Bild, auf dem Neonfarben ineinander laufen. Sie lächelt, in ihren Augen glitzert noch die Aufregung der Jagd. "Beim dritten Versuch hat sie endlich ein Gemälde geschnitzelt", sagt Fabian Gatermann in seinem Atelier an der Schwere-Reiter-Straße und schließt per Mausklick das Foto. Den Schnappschuss dieses selig lächelnden Mädchens, das so eindrücklich die Zielgruppe der Kunstschnitzeljagd Artschnitzel verkörpert, die vom 20. bis 26. Juli zum zweiten Mal stattfindet.

Das Foto ist im vergangenen Jahr entstanden, bei der ersten Artschnitzel. Die vom städtischen Kulturreferat geförderte Aktion will den Einstieg in die Kunst erleichtern. Hürden abbauen, die die Verantwortlichen in Museen und Galerien nach Ansicht der Initiatoren der Kunstschnitzeljagd oftmals selbst errichtet haben mit ihren Dresscodes, Türstehern und überzogenen Anforderungen an die Bildung. Und deshalb müssen die Münchner bei der Artschnitzel nichts weiter tun, als Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen aufzuspüren, die die Künstler der jeweiligen Werke zuvor überall in der Stadt versteckt haben.

Mauern sind beliebte Orte, auch Bauzäune haben sich bewährt, erläutert Gatermann, der die Aktion organisiert. Im Vergleich zu 2019 hat sich die Zahl der Kunstwerke verzehnfacht: Mehr als 200 Arbeiten haben die zehn teilnehmenden Künstler, die sich als "selected artists" bezeichnen, diesmal eingebracht - neben Gatermann, der Plexiglasskulpturen in Kreuzform verstecken wird, machen zum Beispiel der bekannte Münchner Graffiti-Künstler Loomit oder die Lichtinstallationskünstlerin Betty Mü mit, der Pop-Art-Künstler Eliot the Super ist dabei und Peintre X, der schon früher Aquarelle an Brückenpfeilern angebracht hat. Bei der Artschnitzel gilt: Wer ein Kunstwerk findet, kann es mitnehmen, gratis. Allerdings freue man sich über eine Spende an eine soziale Einrichtung, so Gatermann.

Um die Suche zu vereinfachen, posten die Künstler zudem jeden Tag auf Facebook und auf Instagram unter @artschnitzel7 Fotos von den versteckten Werken, auf denen im Hintergrund immer ein bisschen München zu sehen sein wird. Ein charakteristisches Stück Mauer, eine auffällige Hauswand. "Oft sind die Sachen innerhalb einer Stunde weg", sagt der Künstler. Da müsse man schnell sein, sehr schnell sogar.

Doch die Präsentation von Kunst um die temporeiche Komponente einer Schnitzeljagd anzureichern, ist ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts, das Gatermann mit Rene Rothmann und Markus Henning entwickelt hat. Die drei befreundeten Künstler störten sich daran, dass bildende Kunst so oft einem gediegenen, akademisch geprägten Kreis vorbehalten sei. "Viele Leute werden gar nicht erreicht", sagt Gatermann. Junge Leute etwa, die weder in der Schule noch im Elternhaus mitbekommen, welche Ausstellungen gerade laufen. Oder Leute, die sich in Galerien gar nicht erst hineintrauen, weil sie schon ahnen: Dort können sie sich ohnehin nichts leisten.

Obendrein passt eine Kunstaktion, die sich vornehmlich draußen abspielt, natürlich in eine Zeit, in der viele Menschen aus Angst vor Ansteckung mit dem Coronavirus Ausstellungen in geschlossenen Räumen meiden. Die Krise hat den Kreativen zugesetzt, und bis sich die Szene wieder einigermaßen erholt haben wird, vergehen vermutlich noch Monate. Insofern wolle man mit der Aktion auch zeigen, wie relevant bildende Kunst sei.

Als Absage an ihren Wert, der sich selbstverständlich über den Preis ausdrücken darf, will die Artschnitzel nicht verstanden werden, auch wenn hier Kunst verschenkt wird. Aber wer weiß: Vielleicht ist ja jenes junge Mädchen auf dem Fahrrad in zehn Jahren eine solvente Kunstliebhaberin, die ihr Geld bereitwillig und großzügig in Zeitgenössisches investiert. "Wenn sonst niemand Nachwuchsarbeit betreibt, müssen wir uns eben selbst darum kümmern", sagt Fabian Gatermann.

© SZ vom 18.07.2020

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