Sprachwissenschaften Wie italienisch ist München?

Bereits in den Dreißigerjahren bot Gelatiere Giacomo Ciprian in seinem Salon "Gefrorenes" an.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Und wie münchnerisch sind die Italiener der Stadt? Ein Projekt der Ludwig-Maximilians-Universität untersucht die Erfahrungen von Migranten - und Wörter wie "anmeldarsi".

Von Elisa Britzelmeier

Wenn von München als der nördlichsten Stadt Italiens die Rede ist, dann geht es vielleicht um Architektur (Feldherrnhalle, Theatinerkirche), um Kulinarisches (Pizza, Pasta, gelato, caffè), vielleicht auch um ein Lebensgefühl (Vespafahren, Gemütlichkeit). Worum es selten geht: die Italiener.

Dabei leben dem Statistischen Amt München zufolge 27 000 Menschen mit italienischer Staatsangehörigkeit in der Stadt, nach den Türken und Kroaten sind sie die drittgrößte Ausländergruppe. Da ist die Neurobiologin, die vor wenigen Jahren für ihre Promotion in die Stadt kam, oder der Küchenchef, der sich hochgearbeitet hat, oder der Baggerführer, der seit 50 Jahren hier lebt.

"Und außerdem heißt es 'Cappuccini' und nicht 'Cappuccinos', Depp!"

Selbst der Cappucino sollte inzwischen stilvoll und richtig italienisch konsumiert werden - zumindest, wenn man zum kultivierten Teil der Menschheit gehören will. Kolumne von Wolfgang Görl mehr ...

München war seit dem Gastarbeiterabkommen von 1955 der erste Ankunftsort der Züge aus Italien. Damals wurden vor allem junge Männer aus Süditalien gezielt angeworben. Korrekterweise hätte man München deshalb bis vor Kurzem eher "die nördlichste Stadt Süditaliens" nennen müssen, sagt Thomas Krefeld, Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). "Das ändert sich aber zuletzt."

Zwischenzeitlich nahmen die Zahlen ab, seit 2008, mit der Wirtschaftskrise, kommen wieder vermehrt Menschen aus Italien in die Stadt - und zwar aus ganz Italien. Anders als die Gastarbeitergeneration sind viele der aktuellen italienischen Neuankömmlinge gut ausgebildet, in ihrer Heimat finden sie dennoch keine Arbeit. Zu den 27 000 Italienern kommen die Deutschen mit italienischem Migrationshintergrund oder jene, die so kurz da sind, dass sie sich gar nicht anmelden.

Mit diesen alten und neuen Münchner Italienern, damit, wie italienisch München ist, befasst sich nun ein Forschungsprojekt an der LMU. Die Doktorandinnen Sara Ingrosso und Teresa Barberio haben zusammen mit dem Linguistik-Professor Krefeld eine Online-Plattform entwickelt, auf der Münchens Italiener ihre Erfahrung beschreiben können. Unter www.crowding.gwi.uni-muenchen.de sammeln sie Text-, Audio- und Videodateien, in denen italienische Münchner von ihrer Migrationserfahrung erzählen. Die Plattform zum italienischen München, zur "Monaco italiana", ist im Aufbau, weitere Funktionen sollen nach und nach hinzukommen.

Warum sagt jemand in Schwabing "Ciao, bella"?

Was die Sprachwissenschaftler natürlich besonders interessiert: wie sich die Sprache der Neuankömmlinge verändert, wie sie Deutsch und Italienisch mischen. Auffällig ist dabei in den bereits vorliegenden Beispielen, dass es vor allem Wörter aus dem Bereich Arbeit, Schule und Behörden sind, die aus dem Deutschen ins Italienische übernommen werden: "Baustelle" etwa oder "Wasserleitung". Wer sich bei der Stadt anmeldet, spricht dann einfach von "anmeldarsi".

Andersherum gibt es zahlreiche italienische Ausdrücke, die sich ins Deutsche schleichen - das Wort "Amore" in eine Modekollektion etwa oder "Aqua Monaco" als Name eines Getränkeherstellers. Diesen italienischen Einfluss in der Stadt wollen die Wissenschaftler in Fotos sammeln, die ebenfalls auf der Plattform hochgeladen und mit Ortsangaben versehen werden können. Entscheidend dabei ist natürlich, wer spricht und in welchem Kontext. Sprachwissenschaftler Krefeld erklärt es so: "Sagt in Schwabing jemand ,Ciao bella' , weil er Italienisch kann? Oder weil man das in Schwabing so sagt, auch wenn man es gar nicht kann?"

Die Neuankömmlinge selbst übernehmen die Rede von München als der nördlichsten Stadt Italiens übrigens oft bereitwillig. Der Küchenchef etwa, der zwischenzeitlich auch in Düsseldorf gelebt hat und wieder zurück nach München kam. Er findet hier einfach alles viel italienischer.

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