Stadtpolitik:"Ratet, wer frisch gewählte IT-Referentin und CDO der Stadt München ist?!"

Lesezeit: 3 min

Die neue IT-Referentin Laura Dornheim arbeitete als Unternehmensberaterin auch schon mal 100 Stunden pro Woche. (Foto: Catherina Hess)

Laura Dornheim macht sich nach einer emotionalen Debatte via Twitter selbst als neue Stadtministerin bekannt.

Von Sebastian Krass

Es dauert eine ganze Weile, bis Laura Dornheim selbst etwas über sich sagen kann. Erst einmal reden in dieser Vollversammlung des Stadtrats die anderen über sie: Grünen-Stadtrat Florian Roth erklärt, warum seine Fraktion die Start-up-Managerin aus Berlin für die Wahl zur neuen IT-Referentin der Stadt vorgeschlagen hat. Am Ende, das sei vorweggenommen, bringt die grün-rote Koalition Dornheim auch auf den Posten, als Nachfolgerin von Thomas Bönig, der zur Stadt Stuttgart gewechselt ist. Sie stehe für Gleichstellung, digitale Teilhabe und bringe Innovationsfähigkeit mit, sagt Roth.

Dann legt Leo Agerer von der CSU dar, dass es bessere Bewerber gegeben habe. "Sie haben noch nie eine IT-Einheit geführt, Sie haben keine Verwaltungserfahrung", sagt er an Dornheim gerichtet. Es habe sich um eine "Scheinausschreibung" gehandelt, da die Grünen ihre Kandidatin vorher schon gecastet hätten. "Es ist unanständig, so mit Schmutz zu werfen", erwidert Dominik Krause (Grüne).

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Dann ist Laura Dornheim, 38, dran und zeigt, dass sie sich offenbar nicht so schnell beirren lässt. Sie beginnt ihre Rede mit einer Prise Sarkasmus: "Selbstverständlich stehe ich heute hier nur als Quotenfrau und grünes Parteimitglied, und meine Rede haben mir die Kolleg:innen aus der Fraktion geschrieben." Sie schildert dann, dass es ihr darum gehe, alle Münchnerinnen und Münchner bei der Digitalisierung mitzunehmen. "Es muss auch jemand der Oma zur Seite stehen, wenn sie erstmals am digitalen Kiosk einen neuen Ausweis bestellt."

Grün-Rot steht geschlossen hinter der Kandidatin

Sabine Bär (CSU) kommt in der Fragerunde auf Dornheims Lebenslauf zu sprechen und will wissen, "in welchen Jahren Sie Vollzeit gearbeitet haben", was Stefan Jagel (Linke) auf die Palme bringt. Seine Fraktion habe Kritik an Dornheim wie auch am Kandidaten der CSU, dem langjährigen Siemens-IT-Manager Harald Hoefler. "Aber es hat niemand verdient, so fertig gemacht zu werden. Ich schäme mich, dass ich mit euch in der Opposition bin." Auf die Vollzeit-Frage antwortet Dornheim, sie habe von 2008 an als Unternehmensberaterin "in den ersten zwei Jahren 60, 80 und einmal auch 100 Stunden pro Woche gearbeitet, ich weiß nicht, ob das als doppelte Vollzeit zählt".

Bei der Wahl ist die grün-rote Koalition, die mit OB Dieter Reiter (SPD) 44 Stimmen hat, geschlossen. Von 81 Stimmen sind 79 gültig. 46 Stimmen entfallen auf Dornheim, 32 auf Hoefler, eine auf die Linken-Stadträtin Brigitte Wolf, die zwar Informatikerin ist, aber gar nicht angetreten war. Kurz danach postet Dornheim auf Twitter ein Foto, mit einem Münchner Kindl über sich und einem Strauß Sonnenblumen in der Hand, und dem Text: "Ratet, wer frisch gewählte IT-Referentin und CDO der Stadt München ist?!" Die Abkürzung steht für Chief Digital Officer. Nach diesem Tag ist zu ahnen, dass die Münchner IT-Politik künftig öfter Thema in der Öffentlichkeit werden könnte.

Die neue Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer war bis 2020 in ähnlicher Position in Bremerhaven tätig. (Foto: Catherina Hess)

Möglicherweise gilt das auch für das Baureferat. Denn auch diese Behörde, die für die Umsetzung städtischer Bauvorhaben sowie für den Unterhalt und die Gestaltung von Grünflächen und Straßen zuständig ist, bekommt an diesem Mittwoch gegen den Widerstand der Fraktion von CSU/Freien Wählern (FW) eine neue Leitung. Die bisherige Referentin Rosemarie Hingerl ist in den Ruhestand gegangen. Die ebenfalls von Grünen/Rosa Liste vorgeschlagene Jeanne-Marie Ehbauer erhält 47 von 78 gültigen Stimmen. Die Kandidatin von CSU/FW, Angelika Malinowski, bekommt 26 Stimmen. Auf Grünen-Stadträtin Anna Hanusch, die den Posten ursprünglich übernehmen sollte, aber einen Rückzieher machte, nachdem die Regierung von Oberbayern auf eine Ausschreibung gepocht hatte, entfallen vier Stimmen.

Mona Fuchs (Grüne) hat zuvor die Qualifikation der Architektin Ehbauer aus ihrem Lebenslauf abgeleitet. Sie habe 1995 eine Promotion zu freilebender Fauna in der Stadt begonnen, "als das noch kein so virulentes Thema war". Ehbauer selbst erklärt, sie wolle "München weiterentwickeln als zukunftsorientierte und ökologische Stadt". Sie wolle Flächen entsiegeln, Bäche freilegen und monotone Rasenflächen an Straßen "in artenreiche Wildblumenwiesen verändern".

Blumenwiesen gut und schön, erwidert Veronika Mirlach (CSU), "aber uns würde interessieren, was Sie für Erfahrung mit großen Bauprojekten mitbringen". Ehbauer war bis 2020 in ähnlicher Position in Bremerhaven tätig, was CSU/FW für zu dünn halten. Schließlich gehe es in München um die Dimension U-Bahn-Bau. Ihre Kandidatin Malinowski hat lang im Baureferat gearbeitet. Ehbauer gibt zurück, offenbar sei "der Eindruck entstanden, in Bremerhaven sei nicht gebaut worden. Aber in meiner Zeit wurde etwa der Hafentunnel für 170 Millionen Euro weiterentwickelt". Auch Schulen und Kitas seien entstanden.

Die Amtszeiten beider Referentinnen beginnen voraussichtlich am 1. September.

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