Süddeutsche Zeitung

Benefizkonzert für den SZ-Adventskalender:Ein Licht im Dunkel

Lesezeit: 4 min

Sir Simon Rattle dirigiert das Adventskalender-Benefizkonzert und erkundet dabei zum ersten Mal mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks die Isarphilharmonie.

Von Egbert Tholl

Man kann sich kaum etwas vorstellen, was dieser Schönheit gleichkäme. Sir Simon Rattle dirigiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO), es spielt zugunsten des Adventskalenders der Süddeutschen Zeitung, und es spielt die neunte Symphonie von Gustav Mahler. Diese endet in einem Adagio von schier unfassbarer, zartester Schönheit, die an diesem Abend in der Isarphilharmonie zu einem philosophischen, transzendentalem Erlebnis wird, das einem versichert, dass es auch in dunkelsten Pademie-Zeiten ein Licht gibt.

Sir Simon Rattle ist ein Dirigent, der wie kaum ein zweiter junge Menschen mit Musik anstecken, für Musik begeistern will und kann

Das passt ja ausgezeichnet zu diesem Benefiz-Konzert, denn der Adventskalender ist dazu da, Menschen eine Freude und eine Hoffnung zu bringen. Hendrik Munsberg, stellvertretender Adventskalendervorstand, erzählt in seiner Begrüßungsrede dann auch, wofür der Erlös des Konzerts unter anderem verwendet werden wird: für zwei Stiftungen, die einerseits freischaffenden Künstlern helfen, die durch die Pandemie in Not geraten sind, andererseits Konzerte an Schulen organisieren. Sir Simon ist ja ein Dirigent, der wie kaum ein zweiter junge Menschen mit Musik anstecken, für Musik begeistern will und kann. Bei einer kurzen Begegnung nach dem Konzert sagt Rattle dann auch, wie sehr er sich über die Anfrage der SZ für das Benefizkonzert, das ja bereits eine Tradition geworden ist, gefreut habe. "Wir machen da weiter. Es ist toll, ein Teil davon sein zu dürfen."

Dabei ist es sehr schade, dass wegen der aktuellen Corona-Lage nur 450 Besucher, ein Viertel der möglichen Anzahl, zugelassen sind. Man kann nur hoffen, dass viele, die das Konzert im Stream verfolgt haben, sich durch dessen fabelhafte Wirkung animiert fühlen, für den Adventskalender zu spenden.

Gleichzeitig hat das Konzert noch eine ganz andere Bedeutung. Ein bisschen auch, weil es dem Andenken an Bernard Haitink gewidmet ist, der im Oktober verstarb und über Jahrzehnte mit dem Orchester immer wieder zusammenarbeitete. Vor allem aber ist es das erste Mal, dass das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter seinem designierten Chef - Rattle wird 2023 Chefdirigent in München - in der Isarphilharmonie spielt.

Auch wenn Hendrik Munsberg in seiner Begrüßung betont, dass das BRSO ja noch auf sein eigenen Saal im Werksviertel wartet, der das erste Konzerthaus fürs digitale Zeitalter werden solle, voller Möglichkeiten des Heranführens junger Menschen an die Musik, so müssen Rattle und sein Orchester doch erst einmal mit der Isarphilharmonie leben, die für die kommenden Jahre neben dem Herkulessaal die Hauptspielstätte sein wird. Sie leben damit offenbar sehr gut, und Rattle nimmt die Aufgabe sehr ernst. Musiker erzählen, wie genau Rattle probte, wie er auch einmal einem Assistenten den Taktstock überließ und den ganzen Saal erkundete, im Parkett herumlief, auf dem Balkon, weil er wissen wollte, wie der Saal klingt.

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Auch wegen der Intensität der Proben war es nicht möglich, Sir Simon Rattle für ein Gespräch zu treffen. Doch man konnte schriftlich Fragen einreichen, die ihm nach zwei Probentagen gestellt wurden. Nach einem Procedere, das der Vorbereitung einer Regierungserklärung gleichkam, was offenbar allerdings kaum an Rattle und seiner ja grundsätzlich eher pragmatischen Art lag, erhielt man dann auch Antworten. Mahlers Neunte ist ein ausgezeichnetes Stück für Akustiktests aller Arten, mal fließt die Musik in größter Besetzung wie ein unermesslich breiter Strom, dann wird sie rhythmisch scharf akzentuiert und immer wieder reduziert Mahler die Besetzung bis zu höchster Intimität, hergestellt von wenigen, teils vollkommen allein erklingenden Instrumenten.

Rattle, Hüter des "heimatlosen Orchesters", schreibt, dass es noch viel auszuprobieren gebe in der Isarphilharmonie. "Wenn man eine neue Geige bekommt, muss man lernen, wie man sie spielt." Mit der Wärme des von ihm sehr geschätzten Herkulessaals ist er ja bestens vertraut, nun hat er einen Saal als Instrument, der zwar eine geringere Herausforderung als die Elbphilharmonie in Hamburg darstelle - er bezeichnet sie als "hochauflösende Fotografie" -, aber doch wegen seiner viel trockeneren Akustik seine Ansprüche habe. "Wir sind mit dem Repertoire noch in der Findungsphase, aber sehr dankbar, dass wir einen Ort wie diesen haben." Er sei gespannt, wie viel "Big Sound" der Saal vertrage, und tatsächlich kann man im Konzert an manchen Stellen erleben, wie bei Maximalbesetzung sich die Akustik ein wenig verschließt, als läge ein Deckel auf dem Podium. Aber wenn sich dieser Deckel öffnet, wird man überströmt von perfektem Wohlklang.

Die Musikerinnen und Musiker müssen sich ja ebenso erst einmal an die Isarphilharmonie gewöhnen. Zwar, das sagt Rattle auch, hören sie sich auf dem Podium gegenseitig sehr gut, besser als in jedem anderen Saal dieser Stadt, gleichzeitig, so berichten einige, haben sie aber (noch) keine richtige Vorstellungen davon, wie die Musik bei den Zuhörern ankommt. Nun, man kann ihnen versichern, was ankommt, ist umwerfend.

Insgesamt lobt Rattle die Isarphilharmonie als wirklich gut funktionierendes Auditorium. "Aber niemand würde einen Konzertsaal wie diesen bauen, wenn man weiß, welche Erwartungen man an einen vollwertigen Konzertsaal des 21. Jahrhunderts hat, an eine Institution, die fast jedes Konzert im Radio oder per Stream überträgt. Aber es ist wirklich gut zu wissen, dass so etwas überhaupt möglich ist! Der Traum von einem Ort, ein Leuchtturmprojekt für Musik und Kunst, mit wichtigen pädagogischen Komponenten, mit Musikvermittlungsangeboten, mit den digitalen Möglichkeiten des 21. Jahrhundert, ist hier im Interim nicht realisiert. Wenn man ein Orchester weiterentwickeln will, und wenn man die kulturelle Kapazität einer Gesellschaft durch ein Orchester vorantreiben will, muss es einen verlässlichen Ort geben. Für das BRSO klingt das alles noch wie Science Fiction."

Sir Simon Rattle viel Freiheit, lässt die Musik leben

Ganz und gar nicht Zukunft, sondern konkrete Realität ist die Zusammenarbeit von Rattle und dem BRSO. Bei diesem denkwürdigen Konzert hat man den Eindruck, es herrsche allergrößtes Vertrauen zwischen ihm und den Musikerinnen und Musikern.

Rattle gibt viel Freiheit, lässt die Musik leben. 90 Minuten Musik, und keine Sekunde ist Zufall. Mit dem Beginn hört man das Ende schon mit, und am Ende hallt der Anfang nach. Nach Wehmut, Melancholie, nach der musikalischen Schilderung prallen Lebens und der Erinnerung daran bleibt dieses zarte, tröstliche Licht. Es ist auch ein tönendes Sinnbild dafür, dass sich ein Dirigent und ein Orchester gefunden haben.

Dankbar applaudieren, wenn alles vorbei ist, nicht nur die erst einmal vor Fassungslosigkeit erstarrt verharrenden Zuhörer, sondern auch die Musikerinnen und Musiker ihrem künftigen Chef. Rattle nimmt diese Dankbarkeit auf, gibt sie an sein Orchester zurück. Gerührt steht er zwischen den Musikerinnen und Musikern, die Augen feucht. Es wirkt, als hätten sie alle einander gerade ihre Liebe gestanden.

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