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Strafen für Müllsünder:"Ich will, dass es weh tut"

Müll an der Isar

(Foto: Robert Haas)

Seit 2011 engagiert sich Hartmut Keitel mit "Deine Isar" für die Sauberkeit am und im Fluss. Was wäre die Lösung? Der 55-Jährige sagt: Den Müll einfach mal liegen lassen.

Interview von Philipp Crone

Hartmut Keitel steigt ins Gebüsch in der Reifenstuelstraße und stellt den E-Roller wieder auf, den jemand umgeworfen hat. "Wenn es nicht mir gehört, kann ich es kaputt machen", sagt er und geht weiter zu seinem Büro. Ein Satz, der auch seinen Einsatz für die Isar auf den Punkt bringt. Seit 2011 gibt es seinen Verein "Deine Isar", als die Isar zwischen Corneliusbrücke und Flaucher renaturiert war. Mit der Renaturierung kamen die Münchner, mit den Münchnern der Müll. Keitel arbeitet hauptberuflich als Fotograf, dreht nebenher für den Verein Werbespots, lässt Superhelden auftreten, gibt Seminare in Schulklassen. Um den Bewohnern ihrer Stadt zu vermitteln: Es ist eure Verantwortung, nicht die der Stadt. Auch wenn er an die klare Forderungen hat.

SZ: Herr Keitel, wo liegt das Problem? Die Stadt lässt die Ufer jeden Tag reinigen.

Hartmut Keitel: Das Problem ist, dass dabei die gefährlichen Dinge nicht eingesammelt werden. Zigarettenkippen zum Beispiel. Die sind zu klein.

Warum sind die gefährlich?

Weil sie giftige Stoffe enthalten. Eine Kippe vergiftet 40 Liter Wasser.

Was ist die Lösung gegen Kippen?

Taschen-Aschenbecher. Die geben wir aus und sie sind von der Stadt gesponsert. Da muss auch nur die Kippe rein am Ende. Die Asche ist ja organisch, die kann auch ins Wasser oder ans Ufer.

Seit Corona ist die Isar noch belebter. Was hat sich seitdem aus Ihrer Sicht verändert?

Am Verhalten nicht viel. Es sind derzeit einfach mehr Leute dort. Aber ich merke schon, dass sich in den zehn Jahren gerade beim Umgang mit der Isar einiges getan hat.

Hartmut Keitel mit Isar-Plakaten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Was denn?

Als wir anfingen, war die Zielgruppe zwischen 15 und 80 Jahre alt. Schnell war klar: Die Schwierigsten sind zwischen 15 und 40. Aber heute ist es so, dass die Älteren es besser machen. Meine Hauptzielgruppe ist jetzt 15 bis 25 Jahre alt. Und bei denen beobachte ich auch eine generelle Veränderung.

Zu mehr Verantwortung?

Nein. Die werden geprägt durch Handys. Die lernen, dass sie nur einen Knopf drücken müssen und es kommt eine Pizza, oder es kommt ein Taxi. Die glauben, dass man alles mit einem Like oder einer App lösen kann. Aber das geht in dem Fall eben nicht. Verantwortung für die eigene Kippe oder die Bierflasche kann man nicht outsourcen. Die müssen lernen, dass sie sich um ihren Scheiß kümmern müssen.

Wie gehen Sie mit solchen Leuten um?

Zum einen klären wir auf. Eben über die Zigarettenfilter. Wir zählen häufig und da kommt raus, dass auf einem Quadratmeter im Durchschnitt 42 Kippen liegen am Isarufer. Das wären im renaturierten Bereich hochgerechnet 320 000. Die Stadt wertet ja nur den Gesamtmüll aus, der an einem Wochenende an der Isar anfällt, etwa drei Tonnen. Außerdem belohnen wir.

Wie?

Wir fahren mit unserer Rikscha und geben kalte Getränke für Leute aus, die mindestens 30 Kippen oder Kronkorken eingesammelt haben. Das fördert auch ein Bewusstsein für die Umwelt.

Wie treten Sie auf? Als Bittsteller?

Das Problem ist ja, wenn du immer nur lächelst, wirst du irgendwann auch belächelt. Das funktioniert nicht. Aber ich kann ja nur das Zuckerbrot sein, die Stadt muss die Peitsche schwingen.

Wie könnte das aussehen?

Seit Jahren fordere ich, dass die Stadt den Müll einfach mal liegenlässt. Ein Wochenende würde da schon reichen.

Aber?

Das trauen sie sich nicht. Die sagen, wenn jemand dann in eine Glasscherbe tritt, werden wir haftbar gemacht. Aber das ist Quatsch. Glasscherben liegen ja so oder so rum. Und es hieß, dann kämen Ratten und Ungeziefer. Aber so schnell sind die nun auch wieder nicht. Auch einen anderen Vorschlag hat die Stadt halbherzig umgesetzt.

Der da wäre.

Den Müll von einem Wochenende auf einen großen Haufen zu werfen. Das haben sie zwar gemacht, aber der Haufen war nicht prominent. Der Müllhaufen muss direkt an der Reichenbachbrücke liegen, wo alle vorbeikommen. Die haben aber halt Schiss.

Also müssen Sie weiter aufklären und ermuntern.

Ich bin im Sommer fast jeden Tag an und in der Isar. Ich schwimme gerne an der Corneliusbrücke. Mittlerweile habe ich einen guten Blick für Glasscherben. Wobei die ja gar nicht so schlimm sind.

Das sehen die, die reintreten, aber anders.

Ich habe lieber eine Glasflasche in der Isar als eine Plastikflasche. In die eine tritt zweimal jemand rein, der dann sensibilisiert ist, und dann sind die Scherben auch schon bald rundgeschliffen, dann liegt da einfach bunter Quarzsand. Aber die Plastikflasche wird zerrieben und bedroht den Lebensraum Wasser.

Machen Sie das ehrenamtlich?

Nein. Wir haben mit Paulaner glücklicherweise einen Sponsor, der den Verein unterstützt. Ich bekomme vom Verein eine Aufwandsentschädigung.

Was muss passieren für eine saubere Isar?

Ein Müllwochenende. Und drastische Strafen. Die Stadt müsste zweimal im Jahr eine große Feiergruppe am Flaucher so richtig auseinandernehmen. Die mit Nachtsichtgeräten beobachten und dann hart bestrafen. In der Zeitung stünde "Abigruppe eiskalt erwischt". Ich will, dass es wehtut. Eine Strafe von 50 000 Euro pro Person, die dann in 200 Stunden Arbeit für jeden umgewandelt wird. Lex Monaco.

Klingt nicht sehr umsetzbar.

Das würde aber sofort funktionieren. Es muss klar sein: Wer Münchner und damit Teil von München sein will, muss auch einen Teil der Verantwortung für München übernehmen.

© SZ vom 23.09.2020
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