Es sieht auf den ersten Blick harmlos aus, wenn das Isarwasser über das Wehr an der Marienklausenbrücke im Münchner Süden fließt. Wie bei einem kleinen Wasserfall oder einer Kinderrutsche im Schwimmbad. Aber was am Ufer aussieht wie Geplätscher, hat in Wirklichkeit eine immense Kraft.
Denn unter der Wasseroberfläche, direkt unter dem Wehr, bildet sich eine Wasserwalze. Kommt man der zu nahe, kann es gefährlich werden. Im schlimmsten Fall schafft man es ohne Hilfe nicht mehr raus.
Im Ernstfall ist Hilfe zum Glück nicht weit. Direkt neben der Marienklausenbrücke auf der linken Flussseite steht das Häuschen der Wasserwacht München-Mitte. Eine kleine Holzhütte mit grünen Fensterläden und einem roten Kreuz im Dachfirst. Auf dem Balkon stehen während der Badesaison an Wochenenden und Feiertagen die Wasserwachtler und haben die badenden Münchner im Blick.

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Michael Greiner ist einer der Retter. Er erklärt, seine Wasserwacht sei die einzige der neun Münchner Stationen, die an einem Fließgewässer liegt. Das Einsatzgebiet der Einheit München-Mitte oder der Isarrettung, wie sie auch genannt wird, ist der Flussabschnitt von der Marienklausenbrücke bis ungefähr einen Kilometer stadteinwärts zum Flaucher. Seit nunmehr 80 Jahren passen sie dort auf Schwimmer und Nichtschwimmer auf.
1747 erfolgreiche Einsätze haben sie in dieser Zeit absolviert. Ausrüstung und Herangehensweise haben sich dabei im Laufe der Jahrzehnte stark weiterentwickelt.
Begonnen hat alles im Sommer 1945. Wenige Monate nach Kriegsende hatten die Münchner wieder Lust, in der Isar baden zu gehen, aber mit dem Anstieg des Betriebs stieg auch die Zahl der Unfälle. Provisorisch fand sich eine Rettungsgruppe zusammen, die Ertrinkende aus dem Fluss ziehen sollte.

Ohne Hightech-Ausrüstung, mit nichts mehr als einem alten Schlauchboot, einer Klapptrage und ein wenig Sanitätsmaterial wurde Menschen in Not geholfen. Doch die Retter zogen nicht nur Ertrinkende aus der Isar. Auch Munition aus den Kriegsjahren beförderte die Gruppe an die Wasseroberfläche. „Heutzutage müsste man bei so einem Fund wahrscheinlich den halben Stadtteil in Sicherheit bringen“, sagt Michael Greiner lachend.
Die Zeiten, in denen man Personen in Not einfach hinterhersprang, sind vorbei. Wer heute an Einsätzen an der Isar teilnehmen möchte, müsse vorab spezielle Kurse für die Rettung an einem Fließgewässer absolvieren, sagt Greiner. Zudem gibt es Sicherheitskleidung, ohne die man bei Einsätzen nicht ins Wasser darf: Helm, gepolsterte Neoprenanzüge, Schuhe. Alles nach Vorschrift. Geübte Wasserwachtler schafften es so, im Ernstfall in unter einer Minute in voller Montur einsatzbereit zu sein.

Während Greiner erzählt, sitzt er in der Hütte an der Marienklausenbrücke. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt der Wasserwacht Mitte. Hier gibt es einen großen Aufenthaltsraum mit Küchenzeile, eine Umkleide, einen Sanitätsraum und hinter der Hütte einen Container für das Equipment.
Die Hütte steht wie nichts sonst für die Geschichte der Wasserwacht hier an der Isar. Gebaut wurde sie 1953. Zuvor hatten die Retter als Wachposten Zelte am Isarufer aufgestellt. Durch die Hütte bekamen sie die Möglichkeit, Verletzte ordentlich zu versorgen und Material zu verstauen. Seit 1954 hat man vom Balkon aus einen noch besseren Blick über die Isar. Denn nachdem im selben Jahr ein Jahrhunderthochwasser das Häuschen unter Wasser gesetzt hatte, wurde es kurzerhand auf Betonpfeiler gestellt.

Was zum Beobachten der Badenden praktisch war, führte jedoch 1975 zu einem Unglück. Denn durch das Aufbocken bildete sich unter der Hütte ein Hohlraum, in dem, mutmaßlich von Obdachlosen, ein Feuer entfacht wurde. Die Hütte brannte daraufhin bis auf die Betonpfeiler nieder. Bis 1977 wurde sie wieder aufgebaut.

1989 kam eine zweite Hütte am Flaucher, einen Kilometer stadteinwärts, dazu. „Die Isarrettung ist damit die einzige Wasserwacht in München mit zwei Standorten“, sagt Michael Greiner. Aber: „Es ist nicht immer einfach, genügend Leute für beide Wachstationen zu haben.“ Deshalb freue man sich immer über neue Mitglieder. 320 davon gebe es aktuell, so Greiner, davon seien aber nur etwa 60 aktiv.
Für die Mitglieder gibt es einmal im Jahr einen großen Übungstag. An diesem werden Rettungssituationen so real wie möglich simuliert. Mit gekenterten Booten und mit Freiwilligen, die eine Verletzung vortäuschen.
Auch in den Anfangsjahren der Isarrettung hat man sich zum Üben getroffen – allerdings nicht so koordiniert. In den 1960er-Jahren lernten die jungen Mitglieder hauptsächlich aus der Erfahrung der Älteren. Das Wissen ergab sich größtenteils aus dem Erprobten. Erst allmählich gewannen Rettungsabzeichen an Gewicht, und immer mehr Ehrenamtliche nahmen an Erste-Hilfe-Kursen teil.
Parallel zur Ausbildung verbesserte sich auch die Ausrüstung. In den 70er-Jahren bekam die Isarrettung ihre ersten Funkgeräte. In den 90er-Jahren kamen moderne Tauchgeräte, ein neues Schlauchboot und ein neues Einsatzfahrzeug dazu. Kurios: Als sich die Wasserwacht 1993 Fahrräder zulegte, waren die vier Räder tatsächlich die ersten offiziellen Einsatzfahrräder in ganz Bayern.
Zu ihrem 80-jährigen Bestehen hat sich die Isarrettung nun ein brandneues Einsatzfahrzeug zugelegt. Auch die Fahrräder von damals wurden längst durch E-Bikes ersetzt. Die Zahl der Einsätze schwankt stark: Die Isar hatte in den vergangenen beiden Jahren an Badetagen schlichtweg zu wenig Wasser, als dass es über das gefährliche Wehr fließen würde. Die Retter haben deswegen ihre Ausrüstung für die Einsätze zu Wasser in den vergangenen beiden Sommern nur für Übungen gebraucht.
Ein paar Unfälle sind dennoch passiert, meist gekenterte Schlauchboote, aber außerhalb der Wachzeiten der Ehrenamtler. Trotzdem sind sie auch im nächsten Sommer wieder an der Wachstation und bereit, im Ernstfall einzugreifen.

