Wenn man die unangenehmste Straße der Münchner Innenstadt küren wollte, dann wäre die Schützenstraße im Winter 2026 mit Sicherheit unter den Favoriten. Vor allem abends, wenn es dunkel ist: Leerstehende und verrammelte René-Benko-Gedächtnis-Kaufhäuser, lungernde Gestalten, herumkullernde leere Dosen, ein wahrlich unwirtlicher Ort.
Einen Wirt gibt es dann zum Glück aber doch, ein richtiges Restaurant sogar. Und es ist ganz erstaunlich, wie gut man die hässliche Straße draußen – und eigentlich gleich die ganze Stadt – ausblenden kann, wenn man Geisels Weinbar erst einmal gefunden hat (was nicht ganz leicht ist, darum hier eine Anleitung: rein ins Vier-Sterne-Hotel Excelsior der Familie Geisel, hinter der Rezeption links abbiegen und dann die kleine Tür in der hinteren linken Ecke).
Denn drinnen in der Vinothek by Geisel, wie die Weinbar offiziell heißt, fühlt man sich gleich wie in – ja wie wo eigentlich? Am ehesten vielleicht wie in einer von einer künstlichen Intelligenz generierten Weinstube im Keller einer historistischen Burg. Fast alle Wände sind voll mit Wein- und anderen Flaschen, an der Wand hängt ein riesiges Familienwappen, über dem Gastraum spannt sich eine Kreuzgewölbedecke (natürlich bemalt!) und darunter hängen martialisch aussehende schwarze Kronleuchter, mit denen man bestimmt feindliche Ritter aufspießen könnte, wenn man zum Ritterkampf hier wäre. Dass so ein heimeliger, auch irgendwie kitschiger Ort in so einer hässlichen Straße existiert, ist für Gäste des Lokals oft die erste Überraschung.
Die zweite ist die Qualität der Küche. Denn in Weinbars ist das Essen ja oft eher Nebensache. Nicht so in der Vinothek, schon seit vielen Jahren gilt sie deswegen als „ewiger Geheimtipp“. Und, soviel können wir vorwegschicken, den Titel verdient sie weiterhin, auch seit im Sommer 2024 mit Benedikt Arps ein neuer Küchenchef übernommen hat.

Der noch recht junge Koch serviert mediterran-alpenländische Küche. Wir starten mit einer Brioche mit Apfel, Sellerie und Portwein-Feigen (22,50 Euro). Das Brot ist süß, der Apfel auch – das Ganze würde wohl als Dessert durchgehen, wären da nicht die knackigen Selleriestreifen. Das schmeckt interessant und ist ansprechend angerichtet. Trotzdem: Als Vorspeise hat uns das nicht völlig überzeugt.
Besser gefällt uns der Flammkuchen – eigentlich ein Hauptgericht, aber geteilt durch zwei auch eine gute Vorspeise (21 Euro). Es gibt ihn entweder mit Prosciutto oder Rinder Carpaccio, außerdem ist er mit Rucola, Sellerie und Trüffelcreme belegt. Am Einsatz von Trüffelcreme kann man gut erkennen, ob die Küche weiß, was sie tut: Fast immer ist der Geschmack viel zu intensiv, und oft schmeckt man vor allem Trüffel-Öl und nicht das feine Aroma des Pilzes. Hier aber schmeckt man den Trüffel selbst, und trotzdem auch alles andere, was auf dem Flammkuchen drauf ist – vorzüglich.

Bei unserem ersten Besuch mundete uns auch ein Zweierlei von der Forelle mit einem Zweierlei von der Rote Bete – inzwischen steht das Gericht nicht mehr auf der Karte, was aber schlicht an der Jahreszeit liegen könnte: Im Winter ist Schonzeit für Forellen.
Die Pappardelle mit Kürbis (27,50) überraschen uns insofern, als die Soße zu den genau al dente gekochten Nudeln sehr flüssig ist, fast wie eine Bratensoße. Kürbisstücke sind nicht zu sehen – dafür umso mehr Kerne, fast ein bisschen zu viele.

Dafür haben uns alle Hauptgerichte, die wir gekostet haben, überzeugt. Da wäre zuerst der Heilbutt mit Beurre Blanc (39 Euro). Der Fisch kurz in Butter gebraten, dazu ein Mais-Dreierlei: Maispüree, gegrillter Zuckermais und blanchierte kleine Kölbchen. Schade, dass dem Mais nicht in mehr Restaurants so viel Aufmerksamkeit widerfährt wie hier.
Ganz vorzüglich fanden wir auch einen absoluten Klassiker: Roastbeef mit Bratkartoffeln (24 Euro). Das Fleisch gleichmäßig zart und rosa gegart, überträufelt mit feinem Olivenöl. Die Bratkartoffeln waren so kross, dass sie fast an Kartoffelchips erinnerten, und passten gut zum frischen Feldsalat.
Bei Kalbshaxe ist man ja manchmal schon satt, wenn man zum ersten Mal den Teller sieht. In der Vinothek bekamen wir eine (im besten Sinne) angemessene Portion (42 Euro) butterweiches Fleisch mit intensiv schmeckenden Pastinaken und knackigem Rosenkohl. Auch dieses Gericht ist inzwischen von der Karte verschwunden, sollte es dort noch einmal stehen: Ergreifen Sie die Chance!

Als Nachtisch entschieden wir uns für ein Dreierlei von der Crème brûlée (klassisch, Schokolade, Zitrone, 12,50 Euro), an der nichts auszusetzen war, aber auch nichts besonders hervorzuheben.
Jetzt aber nochmal zurück zum Wein, denn die Vinothek ist ja weiterhin eine Weinbar. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass auf der Karte gut 20 offene Weine stehen, und die Karte für die ganzen Flaschen 43 Seiten hat. Bei unseren Besuchen haben wir allerdings nur einmal einen Tisch gesehen, an dem tatsächlich mehrere Weine verkostet wurden, die meisten Gäste scheinen schlicht zum Essen herzukommen. Dass das überaus freundliche Personal dann immer noch einen wirklich gut passenden Tropfen empfehlen kann, versteht sich von selbst.
Man könnte also auch einfach nur für den Wein herkommen, dazu nur eine Kleinigkeit zu essen bestellen. Ein bisschen San-Daniele-Schinken, oder eben einen Flammkuchen. Aber warum sollte man, wenn die ganze Karte so gut ist?
Vinothek by Geisel, Schützenstraße 11, 80335 München, Telefon: 089/551377140, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 12 bis 0 Uhr (warme Küche von 12 bis 14.30 Uhr und von 17.30 bis 22 Uhr), Samstag 16 bis 0 Uhr (warme Küche von 16.30 bis 22 Uhr).
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

