bedeckt München

Prozess in München:Mit einem Stich die Schlagader durchtrennt

In der Innenstadt von München streiten sich zwei Gruppen, weil jemand der Meinung ist, er sei gegen seinen Willen gefilmt worden. Die Situation eskaliert und auf einen Mann wird eingestochen.

Von Susi Wimmer

"Denk an deine Mutter, du schaffst es, bleib wach!" Das waren die letzten Worte, die Daniel M. noch an seinen Freund Milo P. (Namen der Geschädigten geändert) richten konnte. Zu dem Zeitpunkt war der Blick von Milo P. starr, er sank auf der Herzog-Wilhelm-Straße, mitten in der Innenstadt, am helllichten Tag, in sich zusammen, aus seinen Wunden schoss Blut. Milo P. erlag später trotz Notoperation und intensivmedizinischer Behandlung im Krankenhaus seinen Verletzungen, er wurde gerade einmal 17 Jahre alt. Jetzt steht Amir U. vor der zweiten Strafkammer am Landgericht München I, angeklagt wegen Mordes. Er soll sich in einen Streit eingemischt haben, der aus einer Nichtigkeit heraus an jenem Nachmittag im April 2019 entstanden war.

Man sei gut drauf gewesen, habe im Englischen Garten "ein paar Bier genossen und gegrillt", beginnt Daniel M. seine Erzählung vor Gericht. Es war der Karfreitag 2019, die Geschäfte hatten alle geschlossen und um den leeren Bierkasten zurückzugeben, fuhren Daniel, Milo und drei weitere Freunde mit der U-Bahn zum Stachus, um zur Agip-Tankstelle an der Josephspitalstraße zu gelangen. Auf dem Weg dorthin habe Milo aus seiner guten Laune heraus mit dem Handy gefilmt. Baryalei A., der mit zwei Mädchen ebenfalls auf der Herzog-Wilhelm-Straße unterwegs war, fühlte sich laut Anklageschrift gestört und befürchtete, gefilmt worden zu sein. Zwischen den Gruppen entspann sich ein Streit. "Und der Typ warf eine Getränkedose nach Milo", erzählt Daniel M.. Den Worten sollen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft körperliche Attacken gefolgt sein.

Nach dem Streit habe Milo bemerkt, dass sein Handy, das er in der Hosentasche trug, kaputtgegangen sei. "Wir haben uns in der Gruppe besprochen und wollten dann zu dem Typen hingehen und ihn auf das kaputte Handy ansprechen", erzählt Daniel M.. Da sei aus einem Hausvorsprung Amir U. getreten, laut Anklage der beste Freund von Baryalei A., und habe Milo aufgefordert, das Ganze "zu zweit im Park zu klären". Es sei dann zwischen Milo und den beiden anderen zu einem Gerangel gekommen. "Ich hab kein Messer gesehen", sagt Daniel M.. Aber als Milo sich zu ihm umdrehte, sei er am ganzen Körper und im Gesicht plötzlich blutüberströmt gewesen. Die Staatsanwaltschaft schreibt in ihrer Anklageschrift, dass Amir U. mit einem Messerstich auf Höhe des Schlüsselbeins von Milo P. eine Schlagader durchtrennt hatte, anschließend soll U. noch mehrmals in das Bein des Verletzten gestochen haben.

Daniel M. sagt, dass auch er attackiert wurde und Schläge an seinen Beinen gespürt habe. Dann habe ein Passant geschrien: "Verpisst euch, ich ruf' die Polizei", woraufhin die Angreifer verschwunden wären. Er habe erst da registriert, dass Blut an seinen Beinen rann, und er ebenfalls verletzt sei. Milo und er seien zu Boden gesunken. Ein Freund drückte Milos Wunden mit einem T-Shirt ab. Noch heute, sagt der junge Mann, habe er die Bilder vor Augen; jetzt, zum Prozessbeginn, nahezu stündlich. Bislang habe er geglaubt, er könne es ohne Hilfe schaffen. "Aber ich habe Albträume, Schlafstörungen, ich muss mir Hilfe suchen."

Amir U. will reden. Der 23-Jährige erzählt seine Version der Geschichte. Er behauptet, er habe am Tattag mit seiner Mutter in Afghanistan telefoniert und erfahren, dass sein Vater und sein Bruder vor Monaten ums Leben gekommen seien. Dann habe er sich Drogen und Alkohol besorgt und habe beim Stachus seinen Freund Baryalei getroffen. Der habe von einer Auseinandersetzung wegen eines Videos erzählt. Dann sei er von Milo P. angegangen und von vier Jugendlichen geschlagen worden. Er könne sich nur an einen Messerstich ins Bein erinnern.

Der Vorsitzende Richter Norbert Riedmann hält U. etliche Ungereimtheiten vor, die der Angeklagte auch nicht erklären kann. Nach der Tat, so erzählt Amir U., sei er zum Kricketspielen mit Freunden auf die Theresienwiese gefahren, habe dort seine blutige Kleidung gewechselt. Abends hätten ihm irgendwelche "Jungs" vor seiner Wohnung aufgelauert, deshalb habe er sich nach Frankreich abgesetzt. Drei Wochen nach der Tat wurde U. nahe Paris festgenommen.

Anmerkung der Redaktion

In der Regel berichtet die SZ nicht über ethnische, religiöse oder nationale Zugehörigkeiten mutmaßlicher Straftäter. Wir weichen nur bei begründetem öffentlichen Interesse von dieser im Pressekodex vereinbarten Linie ab. Das kann bei außergewöhnlichen Straftaten wie Terroranschlägen oder Kapitalverbrechen der Fall sein oder bei Straftaten, die aus einer größeren Gruppe heraus begangen werden (wie Silvester 2015 in Köln). Ein öffentliches Interesse besteht auch bei Fahndungsaufrufen oder wenn die Biografie einer verdächtigen Person für die Straftat von Bedeutung ist. Wir entscheiden das im Einzelfall und sind grundsätzlich zurückhaltend, um keine Vorurteile gegenüber Minderheiten zu schüren.

© SZ vom 16.01.2021/van/saul/sim
Zur SZ-Startseite
Das Oberlandesgericht in München verhandelt gegen einen 56-Jährigen wegen schweren sexuellen Missbrauchs - es geht um 761 Fälle

Prozess in München
:Gefängnisstrafe für den Großvater

Mehr als zehn Jahre muss der 56-Jährige in Haft, weil er seine Stiefenkel und deren Freunde jahrelang missbraucht hat. Es geht um 761 Fälle.

Von Andreas Salch

Lesen Sie mehr zum Thema