bedeckt München

Kunstsupermarkt:5000 Gemälde auf 400 Quadratmetern

Trotz Corona darf der Kunstsupermarkt heuer zum dritten Mal in München eröffnen - eine Kulturinsel in der Fußgängerzone.

Von Joachim Nicolodi

Ein leicht chemischer, aber irgendwie trotzdem angenehmer Duft liegt in der Luft. Ist es Lack, Leim oder vielleicht Terpentin? Auch sonst erinnert der Raum ein wenig an eine Werkstatt: Ein paar Spanplatten liegen herum, daneben Werkzeugkisten und Abdeckplanen. Das alles liefert einen starken Kontrast zu den atemberaubenden Gemälden, die an den Wänden hängen oder in verschiedenen Ablagen im Raum verteilt sind. "Leider sind noch nicht alle Arbeiten ganz abgeschlossen", sagt Yo Franklin, selber Künstlerin und diesjährige Organisatorin des Kunstsupermarktes München. "Wir haben noch ein paar Arbeiter hier, die für den Brandschutz sorgen müssen", fügt sie an und zeigt auf die Planen im hinteren Teil der Galerie. Daran, dass sich der Raum trotzdem irgendwie heimelig anfühlt, ändert das auf jeden Fall nichts.

Seit dem 2. November hat der Kunstsupermarkt in der Neuhauser Straße geöffnet, mitten in der Fußgängerzone der Münchner Altstadt. Bis zum 9. Januar haben Besucher Zeit, die Werke internationaler Künstler mit sich nach Hause zu nehmen. 5000 davon sind auf 400 Quadratmetern zu sehen - alles Originale. Ob es denn schwer sei, sich von den eigenen Werken zu trennen? "Ganz im Gegenteil: Es ist immer wieder sehr erfüllend, wenn sich Menschen für die eigene Kunst interessieren und das eine oder andere Werk sogar bei sich zu Hause aufhängen", sagt Franklin. Als Innenarchitektin gehe sie auch manchmal zu den Kunden nach Hause und helfe dabei, die Gemälde aufzuhängen und den Raum zu gestalten.

Kunst und Supermarkt, passt das überhaupt zusammen? Als Ausverkauf der Kunst sehe Franklin den Markt auf keinen Fall. "Ich male meine Werke ja in erster Linie, um sie zu verkaufen. Dabei geht es nicht hauptsächlich ums Geld, sondern ganz einfach darum, anderen Menschen eine Freude zu bereiten." Bewerben kann sich für den Kunstsupermarkt jeder, sowohl unbekannte Künstler als auch Profis. "Das Portfolio wird nach Marburg geschickt, zum Gründer des Kunstsupermarktes Mario Terés. Dann werden die Künstler für die jeweilige Ausstellung ausgesucht", sagt Franklin. Es werden Künstler bevorzugt, die schon früher hier ausgestellt haben, man achte aber auch immer darauf, möglichst viele Stile abzudecken. In Marburg öffnete 1998 der erste Supermarkt dieser Art, heute gibt es Standorte in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In München jährt sich die Öffnung des Supermarktes in diesem Herbst erst zum dritten Mal. "Ich habe schon im letzten Jahr mitgeholfen und da ich in der Münchner Kunstszene relativ gut vernetzt bin, habe ich heuer dann die Organisation übernommen", sagt Franklin. "Besonders ist vor allem die große Bandbreite an Originalen, die hier zu sehen ist."

Die meisten Kunstwerke kosten zwischen 69 und 359 Euro

Und tatsächlich. Geht man den Raum in Ruhe ab wird einem erst der ganze Umfang des Kunstsupermarktes bewusst: von detailreichen Naturbildern bis zu abstrakten Werken, von Gemälden, die kaum größer sind als eine Postkarte, bis hin zu solchen, die eine ganze Wand füllen könnten. Irgendwo dazwischen liegen die Werke der katalanischen Künstlerin Lourdes Ral, die einen fast schon melancholisch stimmen. Mit kräftigen Farben malt sie vor allem belebte Straßen, Kneipen und Cafés - so eindrucksvoll, dass man die Szenen förmlich hören kann. Stimmt, das gab's ja damals. Der italienische Künstler Giancarlo Manneschi widmet sich dagegen vor allem Motiven aus der Natur, wie etwa Pflanzen oder Sonnenuntergängen.

Mindestens genauso vielfältig wie die Werke sind auch die Besucher, die in diesen etwas anderen Supermarkt strömen. Von jungen Paaren, die spontan noch ein paar Bilder für das eigene Zuhause suchen, bis hin zu kunstaffineren Menschen, die in diesen Zeiten noch nach einem Ort suchen, um Kunst genießen zu können. "Es ist schön, dass die Veranstalter die Möglichkeit haben, den Kunstsupermarkt heuer stattfinden zu lassen", sagt Susanne Kiermayr, die früher selbst Aquarelle malte. Sonst gäbe es in München kaum noch kulturelle Angebote.

Auch Yo Franklin ist erleichtert, dass so ein Projekt in diesen Zeiten möglich ist. "Wir bekamen in den vergangenen Wochen viele Anrufe, ob der Kunstsupermarkt überhaupt stattfinden könne", sagt sie, "da wir ein Einzelhandelsgeschäft sind, dürfen wir auch während der Corona-Zeit geöffnet haben". Den Leuten scheint es zu gefallen. "Es ist einfach für jeden Geldbeutel etwas zu haben", sagt Anneliese Lugert, die auch spontan in den Supermarkt gekommen ist. Die meisten Gemälde sind zwischen 69 und 359 Euro zu haben, Ausnahmen können aber auch stolze 3000 Euro kosten. Leider geht nicht alles vom Erlös an die Künstler, viel müsse auch in die Organisation gesteckt werden, sagt Franklin - ohne Details zu nennen. "Das geht gar nicht anders beim riesigen Aufwand, der dahintersteckt. Denkt man nur daran, wie viel allein dieser Raum in der Altstadt kostet."

Trotzdem bietet der Supermarkt vielen Künstlern eine Chance. Das sieht auch Frau Lugert so: "Es ist spannend, dass man noch gar nicht weiß, wer von den Künstlern vielleicht einmal weltberühmt wird." Ein Werk, das jetzt noch als Schnäppchen zu haben ist, könne in einigen Jahren ein Vielfaches vom Einkaufspreis wert sein. Auch ohne diese Hintergedanken werden Besucher sich über den Markt freuen. "Kunst macht glücklich" ist das Motto des Kunstsupermarktes. Dass dem so ist wird den Menschen wohl vor allem jetzt deutlich, da es so wenig davon zu sehen gibt. Umso wichtiger, dass man deshalb hier noch die Möglichkeit hat, sich mit anderen Leuten über Kunst zu unterhalten und das eine oder andere Werk auch mit sich nach Hause zu nehmen.

© SZ vom 30.11.2020/van/vewo
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