Die Münchner Innenstadt wird häufiger besucht denn je – gleichzeitig aber kritischer beurteilt. Das zeigt eine neue Befragung zur Attraktivität der City, deren Ergebnisse am Dienstag vorgestellt wurden. Initiatoren der Studie sind der Handelsverband Bayern, die Günther Rid Stiftung und Citypartner München. Durchgeführt wurde die Umfrage von der BBE Handelsberatung, die insgesamt 1016 Innenstadtbesucher sowie 84 Händler befragte. Die Stadt München förderte die Untersuchung mit 10 000 Euro.
83 Prozent der Besucherinnen und Besucher waren mit ihrem letzten Aufenthalt in die Innenstadt „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“. Damit liegt der Wert jedoch deutlich unter dem Ergebnis von 2022, als noch 89 Prozent Zufriedenheit gemessen wurde. Besonders auffällig ist die wachsende Lücke zwischen Erwartungen und Realität. In allen abgefragten Bereichen – vom sauberen Stadtbild über Grünflächen bis zu Sitzgelegenheiten und öffentlichen Toiletten – klafft die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander.
„Die Konsumenten sind anspruchsvoller und zugleich kritischer geworden“, sagt Johannes Berentzen, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung. Sein Team befragte sowohl Besucher als auch den stationären Einzelhandel. Sein Befund: Die Innenstadt wird weiterhin intensiv genutzt. 57 Prozent der Befragten kommen mindestens einmal pro Woche. Shopping ist mit 55 Prozent der wichtigste Grund, gefolgt von Treffen mit Freunden (41 Prozent) und Gastronomiebesuchen (37 Prozent).
Besonders erfreulich für den Handel: Junge Menschen kehren zurück. 58 Prozent der unter 24-Jährigen fahren heute häufiger in die Innenstadt als noch vor fünf Jahren – ein deutlicher Anstieg gegenüber der vergangenen Befragung. Gleichzeitig wächst jedoch die Gruppe, die seltener kommt. 40 Prozent besuchen die Innenstadt weniger häufig als vor fünf Jahren. Hauptgründe sind eine als sinkend empfundene Attraktivität (58 Prozent), zunehmender Onlinehandel (48 Prozent) und veränderte Arbeitsgewohnheiten durch Home-Office (21 Prozent).
Jeder Kunde, der mit dem Pkw kommt, lässt im Schnitt mehr Geld da.Wirtschaftsreferent Christian Scharpf
Als besonders störend empfinden Besucher große Menschenmassen, mangelnde Sauberkeit, Bettler und Obdachlose sowie die hohen Preise in München. Brisant für den Einzelhandel: Jeder zweite Befragte aus dem Umland kommt heute seltener in die City. Noch kritischer fällt das Urteil der Händler aus. Zwar sind 65 Prozent mit ihrem Standort insgesamt zufrieden, doch auch dieser Wert ist rückläufig. 65 Prozent bewerten die Entwicklung ihres Standortumfelds als „weniger gut“ oder „schlecht“. Als größte Probleme nennen sie Baustellen und Sperrungen, die Parkplatzsituation, Obdachlose und Bettler sowie ein unattraktives Straßenbild.
Wirtschaftsreferent Christian Scharpf spricht von einem „klaren Arbeitsauftrag“. München verfüge weiterhin über hohe Passantenfrequenzen, internationale Strahlkraft und einen vielfältigen Einzelhandel. Doch die Belastungen nähmen zu. In den vergangenen 25 Jahren sei München um rund 400 000 Einwohner gewachsen, gleichzeitig erreiche der Tourismus Rekordwerte. „Am Samstag wird es sehr kuschelig in der Altstadt“, sagte Scharpf.
Großbaustellen wie der Hauptbahnhof oder die zweite S-Bahn-Stammstrecke seien notwendig, dauerten aber zu lange. Die Stadt habe reagiert, unter anderem mit strengeren Regeln für Baustelleneinrichtungen. Auch bei Sauberkeit und Sicherheit müsse weiter nachgeschärft werden. Positiv bewertete Scharpf, dass Händler den Kontakt mit der Stadtverwaltung heute als deutlich lösungsorientierter wahrnehmen als noch vor einigen Jahren.
Beim Thema Erreichbarkeit setzte Scharpf auf Pragmatismus. Der öffentliche Verkehr sei gut – „wenn die S-Bahn fährt“. Zugleich müsse die Innenstadt auch für Autofahrer erreichbar bleiben. „Jeder Kunde, der mit dem Pkw kommt, lässt im Schnitt mehr Geld da“, sagte er. Oberirdisches Parken werde dennoch zurückgehen – zugunsten von Aufenthaltsqualität, Lieferzonen und Tiefgaragen.
Die Botschaft der Zahlen ist eindeutig: Münchens Innenstadt bleibt Bayerns wichtigstes Einkaufszentrum. Doch Selbstzufriedenheit wäre fehl am Platz.

