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Inklusion:Liegerad und Rollstuhl zugleich

Emil Wörgötter mit der Konstruktionszeichnung des BikAble.

So könnte es gehen: Emil Wörgötter mit der Konstruktionszeichnung des BikAble.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Münchner Ingenieur Emil Wörgötter entwickelt ein hybrides Sportgerät für Querschnittsgelähmte. Paralympic-Siegerin Anna Schaffelhuber unterstützt ihn.

Von Andreas Schubert

Bei manchen Erfindungen stellt sich die Frage, warum es sie nicht schon längst gibt. Zum Beispiel ein Sport-Fahrrad für Menschen mit Gehbehinderung, das sich mit wenigen Handgriffen in einen Rollstuhl umwandeln lässt. Ein eben solches hat der Münchner Ingenieur Emil Wörgötter entwickelt und hofft, dass bald der erste Prototyp gebaut wird.

Wörgötter, 26, hat an der Fakultät für Maschinenwesen der Technischen Universität München studiert. Das hybride Handbike, das den Namen "BikAble" bekommen hat, hat er binnen eines halben Jahres für seine Masterarbeit ausgetüftelt. Ein herkömmliches Handbike wird mit den Armen angetrieben und ist ein beliebtes Sportgerät für Querschnittsgelähmte. Doch es hat einen entscheidenden Nachteil: Alleine aussteigen ist nicht möglich. Wer auf Tour ist, hat den Rollstuhl nicht dabei und ist daher auf fremde Hilfe angewiesen, wenn er oder sie Pause machen und auf die Toilette gehen oder eine Erfrischung kaufen will. Zwar gibt es bereits Handbikes, die sich vorne an normale Rollstühle anklemmen lassen, doch die sind eher etwas für den Stadtverkehr. Für sportliche Aktivitäten, etwa Bergfahrten und unebene Strecken sind sie kaum geeignet.

Wörgötter hat sich für die Konstruktion prominente Unterstützung geholt, und zwar von Anna Schaffelhuber, die er während eines anderen Projekts kennengelernt hatte. Die ehemalige Monoski-Rennfahrerin, siebenmalige Paralympic-Siegerin und Para-Sportlerin des Jahrzehnts, hat 2017 zusammen mit dem früheren Langläufer Peter Schlickenrieder die Alpen in einem Handbike überquert. Vier Tage lang waren sie unterwegs. Und bei Touren mit dem Rad hat Schaffelhuber, die von Geburt an querschnittsgelähmt ist, stets dasselbe Problem. "Man kann nicht alleine in einer Hütte einkehren oder auf die Toilette gehen", sagt sie. "Da muss dich dann jemand tragen." Bergtouren sind mit einem Rollstuhl, an den ein handgetriebenes Rad angeklemmt ist, deshalb nicht möglich, weil der Schwerpunkt zu weit hinten liegt, auf den Rädern des Handbikes zu wenig Gewicht und somit keine Traktion mehr gegeben ist. Im schlimmsten Falle könnte der Rollstuhl bei zu starker Steigung sogar nach hinten kippen. Schaffelhuber gab auch Tipps für die geeignete Übersetzung des von Wörgötter entwickelten Rads.

Beim Umbau des "BikAble" in einen Rollstuhl wäre die Nutzerin oder der Nutzer auf keinerlei Hilfe einer anderen Person angewiesen. Im Sitzen kann ein stützendes Drittrad, das sich vor den beiden Hinterrädern des Handbikes befindet, ausgeklappt werden. Anschließend lässt sich das Vorderrad mit der Antriebskurbel abkoppeln und mit Hilfe einer Gasdruckfeder der Sitz in die aufrechte Alltagsposition hochfahren. Mit dem dreirädrigen Rollstuhl kann sich die Fahrerin dann autonom bewegen. Ist die Pause beendet, lässt sich das Vorderteil wieder mit der Rollstuhlkonstruktion verbinden, das Stützrad fährt ein, der Sitz klappt zurück in die liegende Position, und das Rad ist wieder fahrbereit.

"Entscheidend für das Design waren ergonomische Überlegungen", sagt Wörgötter. Die Positionen von Sitz, Lehne und Fußrasten können an die Proportionen angepasst werden. Auch die Gasdruckfedern sind, je nach Körpergewicht, individuell einstellbar. Gleichzeitig ist die Konstruktion sehr stabil und flexibel: Ein tiefer Schwerpunkt soll ein Umkippen verhindern - sei es beim Fahren über eine Bordsteinkante oder im steilen, unwegsamen Gelände. Auch der Einbau eines unterstützenden Elektromotors ist möglich. "E-Mobilität vergrößert nicht nur die Reichweite, sondern erleichtert auch die Inklusion", sagt Wörgötter. Fortbewegung nur mit Armkraft sei enorm anstrengend. Wenn ein Handbike-Fahrer mit Freunden unterwegs sein wolle, die auf normalen Fahrrädern fahren, sei ein Motor enorm hilfreich. Die Kosten schätzt der Konstrukteur auf 5000 bis 15 000 Euro, fünfstellig wird der Preis voraussichtlich für ein Handbike mit E-Motor werden.

Doch zunächst sind erst das Konzept und das computergestützte Design für das "BikAble" abgeschlossen. Für den Bau des Prototypen führt Wörgötter Gespräche mit verschiedenen Herstellern. Warum es ein derartiges Rad bisher noch nicht gibt? Veit Senner, Professor für Sportgeräte und Materialien, der Wörgötters Masterarbeit betreut hat, meint, es liege seiner Ansicht nach daran, dass die Sportgeräteentwicklung für Körperbehinderte lange vernachlässigt worden sei. "Da haben wir immer noch einen enormen Nachholbedarf", sagt Senner. Das sieht auch Anna Schaffelhuber so: "Ich hoffe, dass es kommt", sagt sie. "Ich wäre die erste, die es kauft."

© SZ vom 10.04.2021/syn
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