Von Südindien aus sieht man die Isar. Also fast. Die Städtische Meisterschule für das Schreinerhandwerk verstellt den Blick, aber einen Straßenzug weiter rauscht tatsächlich der Fluss, der München durchzieht. Ansonsten aber erinnert einen an diesem Ort nicht sehr viel daran, dass man im Lehel sitzt.
Es riecht? Nach exotischen Gewürzen. Die meisten Gäste? International. Beim Bestellen wechselt man am besten selbst ins Englische. Der Service ist ausgesprochen fix und freundlich. Und so kommen die Botschaften auch sicher an.
Das Anjappar Chettinad Restaurant tritt mit einem Versprechen an: Es will die Küche der Chettiars bekannt machen. Die „Chettis“ sind eine Händler- und Bankiers-Kaste aus dem südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, insbesondere aus der Region Chettinad. Die Küche gilt als besonders würzig. Als Gewürzhändler saßen die Chettiars quasi an der Quelle.
Anjappar ist ein Eigenname. Mr. Anjappan gründete 1964 das erste Restaurant mit seinem Namen. In Chennai, der Hauptstadt des Bundesstaates Tamil Nadu, offerierte er traditionelle Gerichte der Region, die sich vor allem durch viele frisch gemahlene Gewürze auszeichnen. Die Idee kam an. Er expandierte, zuerst in Indien, dann auch in weitere Länder. Inzwischen ist eine internationale Kette aus der Idee geworden.
Deren Wachstum ist so dynamisch, dass es gewagt ist, exakte Zahlen zu nennen, in wie vielen Ländern es inzwischen wie viele Standorte gibt. Selbst die offiziellen Anjappar-Seiten nennen unterschiedliche Zahlen, es sind aktuell wohl mehr als 95 in rund 25 Ländern. Was sich aber sicher sagen lässt: In München hat die Kette im Oktober 2025 ihren ersten Ableger eröffnet. Und der macht auch gar keinen Hehl daraus, dass er zu etwas Größerem gehört: Vor der Eingangstür wird die Firmenhistorie auf einem Aufsteller auf Deutsch im Comic-Stil erklärt.
Einige Tische laden im Sommer zum draußen sitzen ein, wobei die Aussicht keine ist, die das Indien-Feeling steigert: Neben dem historisch massiven Gebäude der Meisterschule für das Schreinerhandwerk erhebt sich das ebenfalls historische, aber noch massivere Gebäude der Städtischen Berufsschule für Holztechnik und Innenausbau. Weniger indisch geht es kaum.
Also hinein. „Beim Betreten des Restaurants werden Sie von warmen, erdigen Farben und traditionellen Chettinad-Motiven begrüßt, die eine einladende und gemütliche Atmosphäre schaffen“, hat die Homepage versprochen: „Die harmonische Mischung aus Tradition und Moderne macht jeden Besuch bei Anjappar zu einem besonderen Erlebnis, bei dem man sich sofort wohl und willkommen fühlt.“

Soweit die Dichtung. In der Wirklichkeit kann es einem passieren, dass nicht alle Tische von den Hinterlassenschaften der Vorbesucher befreit sind und einen eine Tütenparade begrüßt: in großer Menge bereitgestellte Fracht für Lieferdienstfahrer. Dass sich der vordere Teil des Restaurants schlauchartig der Liebherrstraße entlangzieht, verleiht dem hier platzierten Tresen eine gewisse Wucht, dass die Wände aus freigelegten Ziegelsteinen bestehen, der Anmutung eine gewisse Rustikalität.
Über die Zahl der angebotenen Speisen lässt sich auf den ersten Blick eines sagen: Sie ist gewaltig. Mehr als 130 Gerichte stehen auf der Speisekarte, was, wenn man nicht schon weiß, was man will, die Auswahl zu einer gewissen Herausforderung macht – die aber zu meistern ist: Das Servicepersonal erklärt gerne und gut.
Beim Ausmaß der Auswahl können Tests nur Stichproben bleiben. Damit die Ergebnisse bringen, die verlässlich in Richtungen weisen, wurden zwei Prinzipien verfolgt: Klassiker und Gerichte, die das Chetti-Versprechen der Kette im Namen führen.
Der Klassiker der Klassiker der – allerdings nordindischen – Küche ist das Tandoori Chicken (als Vorspeise für 17,50 Euro): im heißen Lehmofen Tandoor gegarte Hühnerstücke. Innen saftig, außen kross und würzig – so sollen sie sein. Und so waren sie auch. Zudem wohlwollend heiß. Ein gelungener Start, wobei ein Flop beim Klassiker der Klassiker auch schon eine arge Enttäuschung gewesen wäre.


Ähnlich überzeugen konnte auch das Lamb Nalli Masala (23,90 Euro). Die gereichte Lammhaxe (Nalli) trug eine beachtliche Fleischmenge, die sich, wie es nach der längeren Garzeit sein sollte, butterweich vom Knochen lösen ließ, und die sämige Soße (Masala) war auffallend aber nicht übertrieben würzig. Im Prinzip ließ sich das über alle Fleischgerichte sagen, die bestellt wurden.
Spannender wurde es bei den vegetarischen Varianten, von denen hier zwei exemplarisch erwähnt seien: die South Indian Vegetarian Meals (19,50 Euro) und das Chettinad Vegetable Kuruma (14,50 Euro). Die Vielfalt und Farbenfreude, die auf den weißen Tischdecken Einzug hält, wenn man sich für das Veggie-Potpourri entscheidet, ist eine Freude.
Der Inhalt einiger der silbernen Schälchen führt zusammen mit dem Gemüsecurry aber vor, dass aus würzig auch schnell scharf werden kann. Manchmal sogar zu scharf, wenn der Gaumen nicht gewöhnt oder gewarnt ist. Vor allem mit Kindern kann der Restaurant-Besuch dann zur Herausforderung werden.


Was den Besuch hier aber in jedem Fall zu einem Ereignis macht: Dass das Anjappar Chettinad doch ein besonderes Lokal ist. Die Zahl der indischen Gäste ist auffallend hoch. Die Zahl der Gäste, die ihre Bestellungen abholen, ebenfalls. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen und Parkplatzsuchen.
Ein Besuch ersetzt keine Reise nach Südindien. Aber er gewährt einen Einblick in eine sehr spezielle Sparte des kulinarischen Angebots dieser Stadt. Die meisten, die sich Mr. Anjappar zuwenden, dürften wissen, was sie wollen – und dass sie es hier bekommen.
Weil die Abholvariante offenkundig beliebt ist, wurde sie auch getestet. Gewissenhaft verpackt und verschweißt kam alles heil und noch warm an. Die Erkenntnis, dass das Fleisch stets butterzart ist, vieles aber eher Kindern von Gewürzhändlern mundet, bestätigte sich. Der Vorteil: Was von den großen Portionen übrig bleibt, lässt sich auf diesem Weg leicht für die nächsten Tage aufbewahren. Und als Würze auch anderem untermischen. Südindien bietet durchaus einiges.
Anjappar Chettinad Restaurant, Thierschstraße 14, 80538 München, Telefon: 0176/60867324, Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 11.30 bis 22 Uhr, Freitag bis Sonntag 11 bis 23 Uhr
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit vielen Jahren auch online. Mehr als ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

