München In den Topf statt in die Tonne

Der Verein Aschenbrösel lädt regelmäßig zum Kochen und Essen in den Sendlinger Nachbarschaftstreff. Bei den kulinarischen Treffen werden Lebensmittel "gerettet": Alle Zutaten wären ansonsten im Müll gelandet

Von Renate Winkler-Schlang

Hedwig Streifeneder packt Kisten mit Rüben, kleinen reifen Tomaten, Riesenkohlrabi, Salat, Lauch sowie mit dunklen Bananen und etwas angeschlagenen Äpfeln aus ihrem Kofferraum - und der Nachbarschaftstreff Danklsalon der Genossenschaft Wogeno bekommt in Nullkommanichts den Charme eines mediterranen Gemüseladens irgendwo in Griechenland. Als Deko pinnt sie liebevoll Bilder von Kartoffeln, Paprikaschoten, Zitronen an die Wand. Dann kommt noch der Aufsteller mit ihrer Gemüsefoto-Collage und der Einladung zum gemeinsamen Kochen und Essen ins Schaufenster. Dritter Freitag im Monat: Es ist wieder einmal Aschenbrösel-Freitag.

"Dinner for ... only one?" so nennt die Seniorenbeirätin Streifeneder diese Nachmittage und beantwortet die rhetorische Frage gleich selbst: Nein, nur gemeinsam zu essen macht glücklich. So schaffe sie es, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Alles, was hier zur Verfügung steht, wäre weggeworfen worden. Sie kann also "Essen retten", wie sie sagt, und zugleich die großstädtische Vereinzelung bekämpfen.

Eva, Irene, Leonhard, Jutta und die kleine Fini trudeln ein. Sie stellen Kaffeetassen auf den Tisch und beratschlagen in aller Ruhe den Speiseplan. Es gibt im Kühlschrank noch einige Packungen Räucherlachs, einen Eimer Quark, Milch. Die Vorschläge sprudeln: Lachsdip und Kartoffeln. Auch Kohlrabisticks eignen sich zum Dippen. Aus dem Quark kann man Pflanzerl machen, schlägt Jutta vor. Gemüsesuppe vorneweg. Bananenquark als Nachtisch? Die Milch zu Kochkäse verarbeiten.

Leonhard weiß schon, dass Schneidebretter und Messer hier manchmal knapp werden, er hat eigene Utensilien mitgebracht, macht sich schon ans Schälen. Jutta sitzt ihm gegenüber, begutachtet die Pastinaken. Oder sind es Petersilienwurzeln? Die Köche kennen sich noch nicht, haben aber sofort eine gemeinsame Wellenlänge.

Hedwig Streifeneder gibt der kleinen Fini Geld, damit sie noch Zitronen dazukaufen kann und Dill, sie schüttet Milch in einen großen Topf, sucht eine Schüssel, hat aber dennoch Zeit, zu erzählen, wie es zu ihrem Verein Aschenbrösel kam. Begonnen habe alles mit ihrer eigenen Ernährungsumstellung, so die Heilpraktikerin, Krankenpflegerin und Krankenpflege-Ausbilderin. Sie wollte auf Weizen verzichten, ihren Vorrat aber nicht einfach wegschmeißen. So bekam sie Kontakt zu Foodsharing, einer in Berlin gegründeten Organisation, die seit einiger Zeit auch in München Lebensmittel vor der Mülltonne bewahrt, teilweise von Verbraucher zu Verbraucher über eine Onlineplattform oder auch durch öffentlich zugängliche Verteilerstationen wie dem Kühlschrank im Eine-Welt-Haus an der Schwanthalerstraße 80. Anders als etwa bei der Tafel steht nicht die Versorgung Bedürftiger im Vordergrund, die Maxime lautet: Hauptsache retten.

Und Hedwig Streifeneder rettete. Regelmäßig jeden Freitag fuhr sie einige Läden und eine Firma in der Großmarkthalle an, denn die müssen sich darauf verlassen können, dass die "Foodretter" ihre "Entsorgung" sicherstellen. Sie verteilte Obst und Gemüse im eigenen Wohnblock. Bald aber kam ihr die Idee, die "soziale Schiene" mit einzubeziehen. Sie wusste, dass viele Ältere, die vielleicht nur wenig über dem Hartz-IV-Satz liegen, sich freuen über kostenlose Zutaten - und es erbaulich finden, nicht immer für sich allein zu dinieren. Den Namen Aschenbrösel hatte sie schnell gefunden, Mitstreiter zur Vereinsgründung ebenso wie jemanden, der das Vereinslogo bastelte, das nun auf den weißen Schürzen prangt, die sie verteilt: Hedwig Streifeneders Enthusiasmus für ihr Herzensprojekt ist ansteckend. Bald hat sie auch die Homepage fertig.

Irene muss schon gehen. "Nimm was mit", ruft Hedwig ihr nach. "Es gibt doch Bedürftigere", sagt diese. "Du weißt doch, du nimmst niemandem was weg, du rettest Essen." Für alle hier ist unvorstellbar, dass all diese guten Gaben umsonst gewachsen sein sollen. Dann schon lieber was Leckeres kochen. Irgendein Talent hat jeder, der eine kann fein schneiden, die andere kennt gute Rezepte. "In der Umgebung macht sogar Spülen oder Müllraustragen Spaß", sagt die Initiatorin Streifeneder. Jutta wartet schon auf den Suppentopf, in dem gerade noch der Käse geronnen ist und jetzt abgetropft in einer Stoffwindel ruht. Nächstes Mal wollen sie unbedingt auch die dünne weiße Flüssigkeit auffangen: "Man kann auch in Molke baden." Die Frauen lachen zusammen.

Finis Mutter Tatjana kommt und verschwindet gleich wieder, sie holt eine Zitronenpresse. Tina, Tatjana, Mila binden sich Schürzen um, fachsimpeln über Knoblauchpaste. Manche von ihnen helfen auch bei der Tafel oder arbeiten ehrenamtlich für Foodsharing, manche hat Hedwig Streifeneder einfach angesprochen während des Ausladens. Warum sich so wenig Männer hierher verirren? "Kann gut sein, dass sie sich nicht trauen", sagt eine. Sie lachen, Leonhard lacht mit. Er findet gut, dass die Nachmittage hier "inklusiv" sind, keiner Bedürftigkeit nachweisen muss, jeder einfach mitmachen darf.

Hedwig Streifeneder werkelt wie ein Wirbelwind. Unregelmäßig bietet sie solche Nachmittage seit Kurzem auch im Alten- und Servicezentrum (ASZ) Sendling an. Sie hat auch schon Filmcrews der Hochschule für Fernsehen und Film mit "geretteten" Lebensmitteln versorgt. Am liebsten wäre ihr, wenn Aschenbrösel wachsen könnte, wenn andere Stadtviertel dem Beispiel folgen und Gelegenheit für diese Art von kulinarischen Treffen bieten. Tipps gibt sie per Mail an aschenbroesel-muenchen@gmx.net.

Langsam kocht das Gemüse, draußen ist es dunkel geworden, eine probiert schon mal den Dip: "Nimm eine frische Gabel." Sie stellen Blumen hin, decken den langen Tisch, Alte und Junge, lauter fröhliche Gleichgesinnte. Bald sind alle statt, aber es ist immer noch so viel da, Gekochtes und Rohes. Jeder nimmt etwas mit heim. Aber auch die letzten Reste werden ausgenutzt: Streifeneder hat die Dinner-Tage nicht umsonst immer auf den Tag vor den sogenannten Repairsalon gelegt: Wenn der dann samstags schließt, ist in der Regel wirklich alles Obst und Gemüse gerettet, bis zur letzten Banane.