München in den 70er-Jahren:Als die Nacht noch sündig war

München in den 70er-Jahren: Geblieben sind heute die Fotos in Herbs Archiv, die er jetzt wieder herausgeholt und publiziert hat. Das Ergebnis ist einer der faszinierendsten München-Bildbände, die in jüngerer Zeit erschienen sind. Und so heute noch zu sehen, wie die Stripperin Magda Meyer auf dem Plüschschwan im Moulin Rouge voll im Einsatz ist.
Alle Fotos: Al Herb

Geblieben sind heute die Fotos in Herbs Archiv, die er jetzt wieder herausgeholt und publiziert hat. Das Ergebnis ist einer der faszinierendsten München-Bildbände, die in jüngerer Zeit erschienen sind. Und so heute noch zu sehen, wie die Stripperin Magda Meyer auf dem Plüschschwan im Moulin Rouge voll im Einsatz ist.

Alle Fotos: Al Herb

Es hat sich einiges verändert beim Ausgehen in München, gerade die Siebziger aber waren aufregend - auch wenn die einschlägigen Szenen lieber unter sich blieben.

Von Karl Forster

"In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine", sang einst Marikka Röck. Der Satz gilt bis heute. Nur haben sich mit den Zeitläuften auch die Örtlichkeiten und Methoden, dem nächtlichen Alleinsein zu entgehen, etwas geändert. Wenn nun schon zurückgeblickt werden soll auf die jüngere Vergangenheit, so bieten sich die Siebziger als Epoche zwischen Revolution und Resignation gerade zu an.

Noch hallte der Spruch nach "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" als Credo der Kommunen-Machos, und vom HI-Virus war noch keine Rede. Eine erste wissenschaftliche Erwähnung der später als Aids weltweit die Gesellschaft verändernden Krankheit datiert von 1981. Es war die Dekade des fröhlichen Hedonismus, an der vielleicht sogar Marikka Röck noch ihre Freude hatte. Sie wurde schließlich 91 Jahre alt.

Für die letzte Chance gab es den Sliwowitz-Keller

Es gab Diskotheken, Kneipen, Bars, Cafés in der Stadt, in denen es sich herrlich anbandeln ließ. In den einschlägigen Szenen aber blieb man eher unter sich. Promis im Adamis, Weintrinker in der Residenz, Frühschoppen- und Dixiefans im Allotria, Spätschoppenschafkopfer im Fraunhofer. Und für die letzte Chance gab es den Sliwowitz-Keller in der Thierschstraße, wo man sich mit dem Namensgeber alles und jede Königin der Nacht so lange schöntrinken konnte, bis der Morgen graute.

Das heutige Theater der Jugend hieß damals "Blow Up" und war ein wirklich scharfer Tanzschuppen mit den besten Live-Acts. Dort sang Julie Driscoll, begleitet an der Hammond von Brian Auger, "This Wheels On Fire" und "Season Of The Witch". Im Schwabinger Bräu träumte Rio Reiser mit seinen Scherben vom "König von Deutschland", die B-52's brachten den Rigan Club zum Platzen; im Circus Krone beteten singend 2000 gute Menschen mit Joan Baez "Kumbaya My Lord" und hielten sich an den Händen. Und es konnte passieren, dass einer die Hand der anderen festhielt über die Nacht und sie noch einmal "Kumbaya" sangen.

Aber es konnte dann eben auch passieren, dass er, wollte er ein paar Tage später das Kumbaya-Spielchen wiederholen, an die Tür der anderen Hand klopfte und es erschien ein großer Mensch maskulinen Geschlechts mit fragendem Blick. Liebe war leicht in diesen Zeiten, aber auch leichtlebig.

Echte Haie im Aquarium

Wie gesagt, man blieb eher unter sich. Student suchte Studentin in der Oly-Disco des Olympischen Dorfes oder in der Penthouse-Bar im Blauen Haus der Studentenstadt. Ebersberger suchte Dachauerin im Yellow Submarine im Schwabylon, wo echte Haie im Aquarium schwammen. Und waren die Rolling Stones oder Freddie Mercury samt seinen Queens in München zugange, so traf man sich im Sugar Shack in der Herzogspitalstraße, dem Tanzschuppen mit nie mehr erreichter Promi-Dichte.

Apropos Freddie Mercury: Der warf dann schon mal nahe dem St.-Jakobs-Platz Rosen ins offene Fenster im ersten Stock jenes Hauses, in dem ein enger Freund von ihm wohnte. Der durfte das. Doch war die gleichgeschlechtliche Liebe damals (und blieb lange noch) im Glockenbachviertel eingesperrt. Von gesellschaftlicher Anerkennung noch weit entfernt, aber auch noch nicht als Schuldige an der "Schwulenseuche HIV" gebrandmarkt, lebte und liebte man je nach Neigung in der New York Disco, im Spike, in Fred's Pub oder in Caesar's Sauna. Und wer Leder mochte und Hetero war, ging in in die Rocker-Disco Crash, das heutige Strom.

Der legendäre "Randstein"

Doch auch die Tanzfaulen kamen zum Zug. Das Fraunhofer war ja schon da, mit seinem berühmt berüchtigten Frühschoppen, das St. Barbara in der Neuhausener Albrechtstraße war mit seinem gedimmten Licht ausgesprochen schmusefreundlich, der Alte Ofen, er glimmt ja immer noch, war nicht nur für seine Fleischpfanzerl berühmt, sondern auch für gepflegten Jazz aus der edlen Sammlung des Barkeepers, der seine Vinylschätze mit Spülmittel reinigte, damit sie nicht kratzen. Auch in diesem Haus lebte ein schönes Kumbaya-Mädchen.

Legendär aber war "Der Randstein", nicht nur, weil dort damals ein gewisser Stefan Gabányi, ja, der von der Bar, manchmal mit Freunden vierhändig Blues und Boogie am Klavier spielte. Nicht nur, weil man dort beim Chicago-Würfeln Hinterbimser, Vorderbimser oder Edelbimser gewinnen konnte (was in der Summe saumäßig besoffen machte). Nein, wer beispielsweise in Griechenland einem gestrandeten Münchner Hippie einen Hunderter lieh, sagte zu ihm: "Gib ihn im Randstein ab, und schreib meinen Namen drauf." Monate später hieß es am Randstein-Tresen: "Du, da hat jemand einen Hunderter und eine Flasche Metaxa für dich abgegeben." Sieben-Stern-Metaxa, wer soll das denn trinken? Das ist ja ein Mädchengetränk! Es hat sich dann aber sicher eines gefunden, damals in München.

© SZ vom 31.12.2015/sim
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