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Wohnen in München:Katastrophentourismus Münchner Art

Die Mieterinnen und Mieter in der Schönfeldstraße 14 fürchten, dass ihr Haus bald abgerissen wird.

(Foto: Robert Haas)

Eine Alleinerziehende auf der Suche nach einer neuen Bleibe, Mietshaus-Bewohner vor einer ungewissen Zukunft: Auf einer Fahrt zeigt der Mieterverein die Folgen der Profitmaximierung auf dem Immobilienmarkt auf.

Von Bernd Kastner

Gerade haben die Journalisten und Fotografen im kühlen Bus Platz genommen, da sagt Matthias Weinzierl: "Kommen Sie sich nicht vor wie auf einer Kaffeefahrt, wir haben nichts zu verkaufen." In der Tat gehört diese Bustour durch München eher in die Kategorie Katastrophentourismus. Weinzierl koordiniert die Kampagne für einen sechsjährigen Mietenstopp, und der vom Mieterverein gecharterte Reisebus kutschiert die Pressevertreter zu mehreren Objekten, die stellvertretend stehen für das, was viele Menschen als Katastrophe erleben: Wenn das eigene Zuhause bedroht ist, durch Kündigung oder Abriss, oder man in ein Zuhause erst gar nicht reinkommt, weil die Miete so hoch ist.

In der Schönfeldstraße wartet ein kleines Grüppchen von Mietern der Dawonia, um ihre Sorgen vorzutragen. Die Dawonia ist jene Immobilienfirma, die mal GBW hieß und der Landesbank gehörte. Der Freistaat verkaufte 2013 die GBW an ein Investorenkonsortium, und seither reißen die beunruhigenden Nachrichten nicht ab. In der Schönfeldstraße, berichtet Mietersprecher Rudolf Schairer, sei ursprünglich eine Sanierung geplant gewesen, nun aber wolle die Dawonia abreißen.

Schairer spricht auf dem Fußweg, zwischen zwei abgestellten Fahrrädern, alles wirkt improvisiert. Ein paar Nachfragen, schnell Fotos auf der Fahrbahn, dann weiter in die Türkenstraße, wo ein ganzes Areal abgerissen und neu bebaut wird. Anderer Investor, ähnliche Ängste.

Im Bus erklärt Volker Rastätter, der Chef des Mietervereins, dass die Mieter der Dawonia zwar durch eine Sozialcharta geschützt seien, diese sei aber weitgehend bloß eine "Beruhigungspille". Und überhaupt, der GBW-Verkauf zeige, was passiere, wenn Tausende Wohnungen in die Hände von Investoren gelangen. Die Profitmaximierung auf dem Immobilienmarkt ist ein Grund für die Kampagne, die ein Einfrieren der Mieten für sechs Jahre fordert, als Atempause. Die Mietaktivisten wollen die Bundestagswahl nutzen, um Druck auf die Parteien auszuüben.

Das ist noch mühsamer, als mit dem Bus durch den Stau von einem Miet-Hotspot zum nächsten zu kommen. Trotzdem klingt Weinzierl fast euphorisch, als er vom Aktionstag an diesem Samstag berichtet: 127 Initiativen und Organisationen hätten sich der Kampagne angeschlossen. In 87 Städten fänden Aktionen statt, in München ist es eine Fahrraddemo (Infos unter www.ausspekuliert.de). Sie startet am Hans-Mielich-Platz in Untergiesing, um fünf vor zwölf.

"Es reißt einem den Boden unter den Füßen weg"

Das zeigt, im übertragenen Sinn, auch die Uhr bei Susann H. Sie lebt seit etwa zehn Jahren in einer ganz normalen Drei-Zimmer-Wohnung in Berg am Laim für gut 900 Euro warm, hat einen ganz normalen privaten Vermieter, der hat ihr Ende vorigen Jahres eine ganz normale Kündigung geschickt. Eigenbedarf für den studierenden Sohn. "Es reißt einem den Boden unter den Füßen weg", sagt H. Sie ahnte, wie schwer es für eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern werden würde, eine bezahlbare Alternative zu finden, und das bis August.

An die zwei Dutzend Wohnungen habe sie seither angeschaut, einmal hatte sie schon die Zusage, aber die war nur mündlich. Wenig später war sie nichts mehr wert. "Man hat das Gefühl, man ist nicht erwünscht", sagt H. Mehrfach sei sie von Vermietern auf ihr Einkommen angesprochen worden. Sie arbeitet im Einzelhandel, was sie verdient, ist manchem Eigentümer zu wenig. Einer habe gar verlangt, dass ihre Mutter mit in den Vertrag eintritt, als Sicherheit. Was für ein Ansinnen bei einer 34-jährigen Frau.

Es ist ja nicht so, dass es keine Wohnungen gäbe in München, gefühlt wird an jeder zweiten Ecke gebaut. Allein, die meisten der Neubauten sind was für Besserverdiener. Simone Burger vom Vorstand des Mietervereins berichtet von Angeboten auf dem früheren Paulaner-Areal für mehr als 22 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Das seien nicht mal Extrembeispiele, mehr als 30 Euro habe München auch zu bieten. Karin Majewski vom "Bündnis München sozial" erinnert an die fast 900 Haushalte mit Kindern, die wohnungslos im städtischen Notsystem gelandet sind. Viele Kinder leben über Jahre in beengten Verhältnissen, ohne Privatsphäre und oft stigmatisiert in der Schule, allein wegen der Adresse. "Das ist eine Katastrophe." Susann H. hat erneut eine Zusage, wieder bisher nur mündlich. Die Wohnung ist kleiner und teurer als ihre bisherige, aber ja, sie wäre glücklich, sagt H. "Ich brauch halt irgendeine Wohnung."

© SZ vom 19.06.2021/van/lfr
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