Kritik:Mutige Zumutung

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Igor Levit wagt sich an Ronald Stevensons selten gespieltes Monstrum "Passacaglia on DSCH". Dafür muss er das Werk eineinhalb Stunden lang bezwingen.

Von Sarah Maderer, München

So manche Sonntagsmatinee taugt nicht als leichte Vorspeise zum fetten Braten. Vom Aperitif bei Kaiserwetter im Gartensaal des Prinzregententheaters entführt Igor Levit sein Publikum im voll besetzten Konzertsaal in eine Parallelwelt des extremen Klavierspiels. Der knapp 90-minütige, einsätzige Variationszyklus "Passacaglia on DSCH" des schottischen Komponisten Ronald Stevenson ist für Publikum und Künstler mehr Zumutung als Herausforderung. Mehrere hundert Male variiert Stevenson in diesem Werk die Tonfolge D-Es-C-H, eine Hommage an Dmitri Schostakowitsch, der wie Bach die eigenen Initialen in seinen Kompositionen verewigte. Mit dem im Herbst erschienenen Album "On DSCH" (Sony Classical) wagte Igor Levit eine Aufzeichnung dieses selten gespielten Monstrums, das er nun in München live präsentiert.

Levit kommt schnell zur Sache, ohne großen Auftritt und ohne ukrainische Nationalhymne, mit der der politiknahe Pianist vergangene Konzerte eröffnete. Die ersten Töne des Konzerts sind die ersten des Werks: D-Es-C-H, in die Tasten gemeißelt wie ein Denkmal. Was folgt, wäre schwer zu ertragen, würde es nicht gelingen, sich von jeglicher vorherigen Konzerterfahrung zu lösen. Keine Satzpausen, keine Konzertpause, ein Instrument, ein Künstler, eineinhalb Stunden. Zwar liegt dem Werk eine dreiteilige Grobstruktur zugrunde, in die sich knapp 20 Variationssätze einreihen - von Arabeske bis Fandango, von afrikanischer Perkussion bis mittelalterlicher Dies-Irae-Theatralik - doch ist es mit fließenden Übergängen als Ganzes angelegt. Stevenson selbst empfand dieses Werk als "aquatisch", also "fließend", an verschiedenen Szenen vorbeitragend.

Eine solche Reise fordert, kognitiv und körperlich. Levits Spiel lässt wie Stevensons Werk keine Übergänge erkennen, technisch sowieso nicht, aber auch interpretatorisch nicht. Wie ein Schauspieler bewältigt er rapide Szenenwechsel, schlüpft in unzählige Kostüme und füllt diese mit unaufhörlicher Hingabe und facettenreicher Emotion. Die körperlichen Herausforderungen meistert er dabei stoisch, erhebt sich zweimal fast beiläufig von der Sitzbank, um die Saiten mit der Hand anzuschlagen und galoppiert mit nicht nachlassender Aufmerksamkeit durch die Passacaglia wie ein Noten-Dompteur.

Dem Hörer bleibt nichts anderes, als sich auf diesen Sog einzulassen. Erst als Levit langsam den Finger von der Schlusston-Taste nimmt, wird die Spannung von minutenlangem Applausgetöse gebrochen, Standing Ovations bis in die hinterste Reihe. Verdienter Lohn für Levits Mut, ein solch grenzüberschreitendes Werk zu bezwingen und Beweis dafür, dass es keiner gefälligen Klänge bedarf, um zu gefallen.

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