Proben für IAA-Proteste:"Es ist Aktionskonsens, dass von uns keine Eskalation ausgeht"

IAA Training. Foto: Friedrich Bungert

Sieht aus wie das Fangspiel von Kindern, hat aber einen ernsten Hintergrund: Durch ein Aktionstraining werden die Teilnehmer auf die für diesen Freitag geplanten Blockaden der IAA vorbereitet.

(Foto: Friedrich Bungert)

Auf der Theresienwiese bereiten sich IAA-Gegner auf den wohl unvermeidlichen Kontakt mit der Polizei vor. Ihre Taktik für die Proteste an den kommenden Tagen halten sie für "fast idiotensicher".

Von Joachim Mölter

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man glatt glauben, da spielen gerade ein paar Jugendliche in ihrem Zeltlager zum Zeitvertreib ein wenig Fangen auf der Wiese. Auf der einen Seite steht die eine, die kleinere Mannschaft, von der anderen Seite nähert sich die größere Gruppe. Deren Mitglieder fangen auf einmal an zu rennen, sie versuchen, durch die gegnerische Reihe zu schlüpfen - und die wiederum versucht, die Rennenden aufzuhalten und einzufangen. Was wie ein Kinderspiel aussieht, hat allerdings einen ernsthaften Hintergrund.

Das Aktionsbündnis "Sand im Getriebe" veranstaltete am Donnerstagnachmittag ein Aktionstraining im Mobilitätswende-Camp auf der Theresienwiese: Damit sollen die Teilnehmer an den für diesen Freitag geplanten Blockaden der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) vorbereitet werden auf den wohl unvermeidlichen Kontakt mit der Polizei. Neben Kurzkursen zu Sanitätsdienst und Rechtsfragen gehörte auch das Fangenspiel dazu. "Fünf-Finger-Taktik" nennt es der promovierte Politologe und Klimaschutzaktivist Tadzio Müller.

Um die Taktik zu erklären, greift der 45-Jährige erst einmal zurück in die Vergangenheit, in die gewalttätigen Konfrontationen der Achtzigerjahre zwischen linksautonomen schwarzen Blocks und Polizeieinheiten. Müller ballt dazu zwei Fäuste, die aufeinanderprallen. "Damals gab es immer viele Verletzte, und kein Ziel war damit erreicht", sagt er. Dann bewegt er seine Fäuste erneut aufeinander zu, diesmal öffnet er die eine Faust, deren fünf Finger umfließen die zweite Faust und kommen dahinter. "Es ist eine extrem effektive Taktik, fast unschlagbar", findet Müller, einst Mitbegründer von "Ende Gelände", einer vor allem durch den Kampf gegen den Kohleabbau bekannt gewordenen Bewegung, die Berlins Verfassungsschutz noch in seinem Bericht 2020 dem linksextremistischen Spektrum zuordnet. Bei "Ende Gelände" habe es jedenfalls keine Aktion gegeben, wo die Aktivisten mit dieser Taktik nicht an ihr Ziel gelangt seien, sagt Müller. "Es geht ja nicht darum, sich mit der Polizei auseinanderzusetzen", erklärt er.

Auch die Mitglieder von "Sand im Getriebe" suchen keine Konfrontation mit der Polizei, zumindest keine gewaltsame. Schon als das aus diversen klimapolitischen, antikapitalistischen sowie verkehrs- und globalisierungskritischen Gruppen zusammengesetzt Bündnis am Montag seine Ziele bei einer Pressekonferenz vorstellte, versicherte Lou Schmitz, die Sprecherin von "No Future for IAA": "Es ist Aktionskonsens, dass von uns keine Eskalation ausgeht." Diese Einstellung bekräftigten die Aktivisten am Donnerstag erneut bei einer Einladung an Medien, sich das Aktionstraining einmal anzuschauen.

So oft das Fangenspiel auch wiederholt wurde an diesem Donnerstagnachmittag: Es gelang der zahlenmäßig unterlegenen Mannschaft der Polizisten-Darsteller nie, alle ihre Gegenspieler aufzuhalten. Ein paar kamen immer durch, "und wenn zwei Leute hinter der Kette sind, hat die Polizei schon verloren", erläutert Müller: Um nicht zwischen zwei Fronten zu geraten, müssten sich die Beamten stets zurückziehen. "Die Taktik ist fast idiotensicher", ist Müller überzeugt, nur einen Haken habe sie: "Man braucht Platz dafür. In kleinen, engen Straßen funktioniert sie nicht."

Nebenan auf der dürren Wiese haben die Polizei-Schauspieler gerade wieder ein paar Demonstranten-Darsteller entwischen lassen, da verweist Müller noch darauf, dass die Übungsteilnehmer natürlich nicht so fest zupacken wie die echten Polizisten. Das sorgt die IAA-Gegner ein wenig. "Die Erfahrung zeigt, dass die Gewalt vor allem von der Polizei ausgeht", findet Ralf Scheuer von der lokalen Gruppe "No IAA": "Wir hoffen, dass es nicht so kommt." Vor zwei Jahren, bei der letzten Automobilschau in Frankfurt, sei es gelungen, mit 300 Leuten die Polizeiketten weitgehend friedlich zu überwinden und den Eingang zur Messe zu blockieren, sagt Müller. "Aber von der bayerischen Polizei heißt es, sie sei etwas härter als die hessische."

Wovor sich die Vertreter von "Sand im Getriebe" tatsächlich fürchten, sind der Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray durch die Polizisten. Sie sind deshalb sichtlich bemüht, den Sicherheitskräften bei ihren geplanten Aktionen keine Angriffsfläche zu bieten. Sie wollen offen und transparent für ihre Sache werben - eine radikale Wende in der Verkehrs- und Klimapolitik. Und sie werben auch um Verständnis für den Weg, den sie wählen - mit Aktionen des zivilen Ungehorsams eben. Eine der Übungsteilnehmerinnen sagt, sie sei bis vor kurzem in einer Partei aktiv gewesen: "Aber ich habe gemerkt, dass man da nichts erreichen kann." Lou Winters, die Sprecherin des Aktionsbündnisses, findet, in Sachen Klimaschutz "hat die Politik seit Jahren alles verschlafen. Wir müssen das jetzt selbst in die Hand nehmen". Und Anna Meyer vom Bündnis "Smash IAA" erklärte: "Wir glauben nicht, dass wir mit Appellen eine Verkehrswende erreichen."

Tadzio Müller, der langgediente Aktivist, versichert: "Wir sind keine geheimhaltenden, linken Chaoten, die in dunklen Kellern sitzen und Mollis basteln", also Molotowcocktails, wie die Benzinbomben genannt werden, die oft bei Krawallen eingesetzt wurden. Aber genau das wollen die Aktivisten im Mobilitätswende-Camp auf der Theresienwiese nicht. "Krawall ist anstrengend für die Leute", hat Müller im Lauf seiner Aktivisten-Laufbahn gelernt. Er propagiert deshalb einen anderen Ansatz bei den Protestaktionen. "Die Praxis mag spielerisch aussehen", erklärte er, "aber sie macht tatsächlich auch Spaß." Zumindest solange die gegnerischen Reihen friedlich mitspielen.

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