IAA-Protest in München:"War's schlimm?" - "Eigentlich nicht"

Lesezeit: 4 min

IAA Protest

Der Demonstrationszug der Gruppe "Smash IAA" kehrt zur Abschlusskundgebung auf die Theresienwiese zurück.

(Foto: Florian Peljak)

Tausende Menschen demonstrieren in München gegen die Automesse IAA. Es kommt Pfefferspray zum Einsatz und eine Rauchbombe. Autofahrer schimpfen. Der Rest: überraschend kooperativ.

Von Thomas Anlauf, Catherine Hoffmann und Joachim Mölter

Das ganz große Verkehrschaos ist ausgeblieben, das für diesen Samstag in München befürchtet worden war. Wegen zweier Großdemonstrationen, die sich beide gegen die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) richteten, hatte die Polizei vor erheblichen Verkehrsbehinderungen gewarnt. Wie oft bei Demonstrationen gehen die Angaben zur Teilnehmerzahl auseinander. Während die Veranstalter der Radsternfahrt, die auf 16 Routen in die Stadt führte, von 25 000 Teilnehmern sprachen und die Organisatoren einer Fußgänger-Demo von 5000, schätzte die Polizei die Zahl der Radfahrer eher auf 10 000 und die der Fußgänger auf 3500. Gerechnet hatten die Sicherheitskräfte mit bis zu 40 000 beziehungsweise bis zu 10 000, die am Ende zu einer gemeinsamen Kundgebung auf der Theresienwiese zusammentreffen sollten.

Polizeisprecher Andreas Franken zog am Abend dann auch ein überwiegend positives Fazit des Tages, an dem insgesamt 4500 Beamte im Einsatz waren. Die einzige nennenswerte Störung habe es nahe des Königsplatzes in der Luisenstraße gegeben. Dort hatten zwei Aktivisten des gegen die IAA gerichteten Aktionsbündnisses "Sand im Getriebe" zwei Bäume besetzt.

Als der Demonstrationszug vorbeikam und stoppte, sei zunächst eine unübersichtliche Situation entstanden, sagte Franken. Deshalb hätten die Einsatzkräfte zweimal Pfefferspray eingesetzt, davon war offensichtlich auch ein Foto-Journalist betroffen, der sich unter den Demonstranten befunden hatte. Auch Schlagstöcke wurden von den Polizisten verwendet, um sich Platz zu verschaffen und die Demonstranten zurückzudrängen. Als sich nach einigen Minuten klärte, dass die Kletterer nur ein Banner zwischen den Bäumen aufspannen wollten, habe sich die Polizei zurückgezogen und die Aktivisten gewähren lassen, sagte Franken: "Hätten wir von Anfang an gewusst, was die Demonstranten vorhaben, hätten wir sie gewähren lassen."

"Wir waren überrascht, wie kooperativ das verlief", sagte eine Robin-Wood-Vertreterin

Das hatte die Polizei am Vormittag tatsächlich getan, als Aktivisten der Umweltschutzorganisation Robin Wood auf dem Wittelsbacher Platz, hinter dem IAA-Stand von Porsche, auf zwei Laternenmasten kletterten und dazwischen ein Transparent aufspannten: "Mit Vollgas in die Klimakrise? CARpitalismus abwracken". Nach anderthalb Stunden nahmen sie das Transparent wieder ab und kletterten runter; die Aktion war beendet, ohne dass die Polizei eingegriffen hätte.

"Wir waren überrascht, wie kooperativ das verlief", sagte eine Robin-Wood-Vertreterin. Nach den Ereignissen vom Freitag hätten sie mit Schlimmerem gerechnet, fügte eine Sprecherin hinzu. Tags zuvor war es in der Stadt zu größeren Konfrontationen zwischen Polizei und IAA-Gegnern gekommen; dabei hatte es insgesamt 16 Festnahmen gegeben. Am Samstag war bis zum Abend keine bekannt geworden.

In der Paul-Heyse-Straße etwa zündeten Aktivisten offenbar eine Rauchbombe

Für die Teilnehmer an der Rad-Sternfahrt hatte der Tag früh begonnen, die erste Gruppe startete schon um acht Uhr morgens in Augsburg. Sie hatte mit 74 Kilometern den längsten Anfahrtsweg. Andere Radler kamen aus Rosenheim, Weilheim, Freising und Grafing dazu. Entlang der Strecken wurden die Demonstranten von der Polizei begleitet, mitunter kam es dabei zu Unmutsäußerungen und Hupkonzerten von ausgebremsten Autofahrern. In München schwoll der Strom der Radler dann immer mehr an, so kam es zum Beispiel auf der Landsberger Straße stadtauswärts zu einem Stau, weil kein Fahrzeug wegen der Radler links abbiegen konnte. Der Tross brauchte etwa zehn Minuten, um die Kreuzungen zu passieren. Während viele Passanten winkten, hupten und schimpften einige Autofahrer.

Während sich die Radfahrer noch auf München zubewegten, begann auf der Theresienwiese bereits die Auftaktkundgebung der Fußgänger-Demo. Als erste Rednerin forderte dabei Kerstin Haarmann vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) einen massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, eine sozial gestaltete Mobilität und die Rückeroberung der Straße für die Menschen. Anschließend warf Barbara Metz von der Deutschen Umwelthilfe den deutschen Autoherstellern eine Mitschuld am Klimawandel vor: SUVs seien jedenfalls keine Antwort auf die Klimakrise. Auch Marion Tiemann von Greenpeace kritisierte: "Die IAA ist eine grüne Lüge." Christoph Bautz von der Bürgerbewegung "Campact" monierte schließlich: "Die Autohersteller haben nicht verstanden, dass die Antwort auf die Klimakrise nicht die Antriebswende ist."

Gegen 13.30 Uhr machte sich die Demonstration dann auf den Weg durch München. Gruppen wie die von Fridays for Future nutzten die Veranstaltung, um gleich auf den nächsten Termin hinzuweisen: den großen Klimaprotest am 24. September am Königsplatz. An anderen Stellen ging es rauer zu. In der Paul-Heyse-Straße etwa zündeten Aktivisten offenbar eine Rauchbombe, wie auf Bildern von Twitter-Nutzern zu sehen ist. Nachdem die Anti-IAA-Demo eine ganze Weile friedlich verlaufen war, kam es am Ende doch noch zu Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Einsatzkräften - jener Situation, die Polizeisprecher Franken beschrieb.

Der hintere Teil der Demos war wegen des Stopps noch unterwegs, als auf der Theresienwiese die gemeinsame Abschlusskundgebung der beiden Veranstaltungen begann. Richard Mergner, Vorsitzender des BUND Naturschutz, forderte dabei "eine andere Mobilitätspolitik. Wir müssen den Straßenraum menschlicher verteilen. Schauen wir nicht nur nach Kopenhagen, Münster oder Paris. Wir haben in 14 Tagen die Chance, diese miserable Verkehrspolitik abzuwählen." Uwe Hiksch vom Verein "Naturfreunde" sagte: "Wir wollen, dass die Autos aus den urbanen Großstädten endlich verbannt werden. Wir werden so lange auf die Straße gehen, bis die IAA aus der Stadt verschwunden ist."

Dazu passte es, dass die letzten Demonstranten, die von der Polizei eskortiert auf die Theresienwiese zogen, skandierten: "Das war die letzte IAA!" Aber im Grunde ist die Stimmung friedlicher als erwartet. "War's schlimm", fragen zwei Zuschauer die Polizisten, die am nahen Esperantoplatz bereitstehen und warten. "Nö", antwortet einer von ihnen: "Eigentlich nicht."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungProteste bei der IAA
:So läufts in Bayern? Nein, so läuft's nicht

Klimaschützer protestieren in München gegen die Internationale Automobil-Ausstellung, die Polizei geht hart gegen sie vor. Von der so nötigen Verkehrswende hingegen ist auf der IAA kaum etwas zu sehen. Über eine Messe, die nicht hält, was sie verspricht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB