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IAA in München:Rote Karte für die blaue Spur

Eigens für die Internationale Automobil-Austellung reservierte Fahrbahnen erinnern die Linke an eine lange geübte Praxis in Moskau, die "Kremlspuren" für die Mächtigen

Kolumne von Patrik Stäbler

Die Farbe Blau, das wissen Piloten, Strandurlauber und ja, bisweilen auch die Fans des TSV 1860 München, wirkt ungemein beruhigend. So haben Forscher aus England festgestellt, dass Blaulicht den Blutdruck senkt. Und als Stadtplaner im japanischen Nara ganze Straßenzüge mit blauen Lampen versahen, sank die Kriminalitätsrate um neun Prozent. Allein auf politischem Terrain hat eine blaue, noch recht neue Partei, vorsichtig gesagt, nicht eben für mehr Harmonie gesorgt. Im Bezirksausschuss Au/Haidhausen haben sich die Linke, also die Roten, schwarz geärgert über die Blauen, was diesmal aber gar nicht an der selbsternannten Alternative lag.

Ursächlich für die Zornesröte war vielmehr das - aus Sicht vieler Linker - nächstkleinere Übel, nämlich der Großkapitalismus, in diesem Fall die milliardenschweren Autokonzerne und ihr Verband, der VDA. Er will sein zweijährliches Hochamt namens IAA bekanntlich 2021 erstmals in München feiern. Und gehuldigt werden soll dem Auto nicht nur in den Messehallen und der Innenstadt, sondern auch auf der Strecke dazwischen - auf einer sogenannten Blue Lane, also einer blauen Spur. Dazu will die Stadt entlang von A 94 und Prinzregentenstraße je einen Fahrstreifen pro Richtung für die Automobil-Ausstellung reservieren. Bei diesen Plänen sehen nicht nur die Roten in der Au und Haidhausen rot.

So hat sich der Bezirksausschuss unisono einem Antrag der Linken angeschlossen, wonach er die Blue Lane ablehnt. Diese würde "massiv zusätzlichen Verkehr nach Haidhausen lenken", begründet die Fraktion ihre rote Karte für die IAA-Pläne. Besonders erzürnt die Linke, dass sogar Otto-Normal-U-Bahn-Fahrgast beim Blick auf die blaue Spur grün vor Neid werden könnte. Denn: Laut Antrag soll die Autofahrt von der Messe zum Königsplatz auf der Blue Lane bloß zwölf Minuten dauern - während die U-Bahn für die gleiche Strecke 23 Minuten brauche. "Das wäre das falsche Signal für die dringend erforderliche Verkehrswende", klagt die Linke, die die Blaupause für die Blue Lane im roten Russland wähnt: "In früheren Zeiten hießen solch privilegierte Fahrspuren für die 'Reichen und Mächtigen' auch 'Kremlspuren' - nach einer lange geübten Praxis in Moskau", heißt es im Antrag. "Will sich die IAA wirklich in diese Tradition stellen?"

© SZ vom 08.07.2020
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