Die Aktion auf der Autobahn ist aufwendig geplant. Um 7.40 Uhr am Donnerstag lehnt jemand eine ausziehbare Leiter an einen Mast, der zu einer Schilderbrücke gehört. Sie überspannt auf Höhe der Fröttmaninger Arena die A9 in Richtung Innenstadt. Drei Personen steigen über die Leiter auf den Steg der Schilderbrücke, unter ihnen der Verkehr. Sie haben ein blaues Transparent dabei. „IAA-Klimahölle“, steht da weiß auf blau, gemeint ist die aktuell laufende Autoausstellung. Und: „Gutes Leben für alle = Mobilitätswende.“ Es beginnt die wohl größte Störaktion gegen die Autoshow, seit am ersten Tag der ersten Münchner IAA im Jahr 2021 Aktivisten gleich mehrere Autobahnen blockierten.
Etwa zehn Minuten dauert es, bis ein erstes Polizeiauto auf der rechten Spur bremst. Ein Zivilfahrzeug mit abnehmbarem Blaulicht. Die A9 hat hier fünf Spuren, aber keinen Standstreifen. Zwei Polizisten steigen aus, neben ihnen rauschen die Autos und Lastwagen vorbei. Hinter ihnen stoppt ein Auto des Bayerischen Rundfunks. Die Situation wirkt gefährlich, es gab schon viele schreckliche Unfälle am Autobahnrand.

Um 7.58 Uhr gelingt es Polizisten in einem weiteren Wagen, die Fahrbahn zu sperren. Wie ein „Safety Car“ bei der Formel 1 sei das Fahrzeug in Schlangenlinien gefahren, erzählt ein Autofahrer, und habe so den Verkehr gut 100 Meter vor der Schilderbrücke zum Stehen gebracht. Dieser Autofahrer steht im Stau in erster Reihe. Er habe ja, sagt er, Verständnis für die Aktivisten und dass sie auf die Klimazerstörung aufmerksam machen wollen, aber er müsse halt in die Arbeit. Und seine Tochter, sie sitzt hinten, müsse in die Kita. Trotzdem, er scheint es recht gelassen zu nehmen und nimmt sich vor, sein Kind die nächsten Stunden zu unterhalten. Andere Männer klingen richtig sauer. Das dürfte für einige Menschen in den Autos gelten: Sechs bis sieben Kilometer lang sei der Stau, teilt die Polizei später mit.

Kaum ist die Fahrbahn gesperrt, laufen sechs Aktivisten auf die Autobahn. Sie tragen Warnwesten, wie man sie von früheren Blockadeaktionen der „Letzten Generation“ kennt, und setzen sich auf die Fahrbahn. Drei von ihnen pappen sich mit Sekundenkleber fest, eine junge Frau bindet sich mit einem Fahrradschloss an ihre Nachbarin. Warum denn das? Sie sei, erzählt sie, von der Stadt München mit einem Sekundenkleber-Transportverbot belegt. Damit hatte die Stadt auf dem Höhepunkt der Blockadeaktionen versucht, Dauer-Kleber zu bändigen. Von Fahrradschlössern, sagt die junge Frau, sei in ihrem Bescheid nicht die Rede.

Die A9-Aktivisten nennen sich „Widerstands-Kollektiv“. Die Gruppe ist aus der aufgelösten „Letzten Generation“ hervorgegangen, versteht sich als „Gerechtigkeits-Bewegung“ und bringt den Klebstoff zurück ins gesellschaftspolitische Spiel. Am Dienstag haben sich diese Widerständler schon mal angepappt, auf der Arnulfstraße. Die Aktion am Donnerstag hat deutlich mehr Auswirkungen.
In Richtung Norden fließt der Verkehr so langsam, dass mehrere Autofahrer ihre Fenster offen haben und den Aktivisten allerlei zurufen. Ein Lkw-Fahrer: „Ihr Vollidioten.“ Ein Pkw-Fahrer: „Geht’s a mal arbeiten, ihr faulen …“. Der Rest ist nur zu ahnen. Man darf sich jeweils Ausrufezeichen dazu denken.
Warum diese Aktion an dieser Stelle? „Wir können hier eine Störung erzeugen und ein gutes Bild entwickeln“, sagt eine der angeklebten Frauen, sie stellt sich als Lana vor, 24, Studentin aus Dortmund, ihren Nachnamen nennt sie nicht. Mit „Bild“ meine sie, dass hier ein passender Ort sei, um gegen IAA und die vielen Autos zu protestieren. Ihre Gruppe wolle dem Auto den Platz nehmen und ihn den Menschen geben. Gefährlich? Nein, sagt sie: Für die Polizisten sei es doch Routine, eine Autobahn zu sperren, das täten sie auch nach Unfällen. Max Voegtli, 32, ist aus Zürich angereist, um sich festzukleben. Hat diese Protestform zuletzt nicht dem Klimabewusstsein in der Bevölkerung eher geschadet? Das wäre zu einfach, entgegnet er. Er sehe den Grund für Verdrossenheit beim Klimathema in der Politik.
Mit den drei Aktivisten auf der Schilderbrücke kann man nicht sprechen, zu weit oben. Nur über Zurufe: Nein, sie kleben nicht. Später stellt sich das Gegenteil heraus: Zwei von ihnen haben sich doch gut zehn Meter über der Fahrbahn mit dem Brückenstahl verbunden.
Eine halbe Stunde nach Beginn der Aktion herrscht geschäftiges Treiben auf der gesperrten A9. Geschätzt zwei Dutzend Einsatzfahrzeuge rangieren und parken, mehr als 60 Kräfte seien im Einsatz, berichtet später ein Polizeisprecher. Die Beamten bereiten das Auflösen der „nicht angemeldeten Versammlung“ vor, so wird die Aktion eingestuft. Man kennt das Prozedere: Nach mehreren Aufforderungen zum Gehen beginnt die polizeiliche Anti-Klebstoff-Routine.
Alle Aktivisten auf der Fahrbahn, drei Frauen, drei Männer, bekommen eine Nummer vor sich auf den Asphalt gemalt, alles wird dokumentiert. Bald wird die Sache vermutlich vor Gericht landen, in früheren Fällen lautete der Vorwurf auf Nötigung im Straßenverkehr. Dennoch, die Atmosphäre auf der A9 ist locker, mancher Polizist scherzt mit den Klebenden. Ihre Hände werden mit speziellem Löse-Saft eingepinselt, „Glue on Einsatzmittel“ steht auf der dazugehörigen Kiste. Um 9.45 Uhr klebt niemand mehr.
Auf der Schilderbrücke ist alles komplizierter. Zwei Polizisten lassen sich, an Seilen hängend, von einem Kran nach oben hieven, drei weitere assistieren von einer Hebebühne aus. Es gilt, die Aktivisten zu sichern, ihre Hände zu lösen, und dabei auch sich selbst nicht zu gefährden. Alles wirkt ruhig und umsichtig. „Sehr unaufgeregt“ sei es gelaufen, sagt hinterher Polizeisprecher Thomas Schelshorn. Die Leiter der IAA-Gegner, mit der sie auf die Schilderbrücke kamen, tut weiter ihren Dienst: Polizisten nutzen sie, um nach oben zu den Aktivisten zu kommen. Kurz nach halb elf ist die Fahrbahn dann wieder frei.

