Rollstuhlfechten:In Aserbaidschan konnten ihm die Ärzte nicht mehr helfen

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Hüsey Gasimov reicht jetzt Kaffee, der nach geschmolzenen Karamellbonbons schmeckt. 15 Minuten kann er stehen, wenn er einen guten Tag hat. Dann zieht er sich an dem beigen Sessel an der Wand nach oben, hält sich fest, zählt die Minuten. Draußen rattert eine leere Bahn am leeren Bahnhof vorbei. Wenn er in München aus der U-Bahn schaut, sagt Gasimov, dann wundere er sich bis heute, dass man den Himmel über den Dächern sehen kann.

Gasimov flüchtete 2015 nach Deutschland, weil ihm die Ärzte in seiner Heimat nicht helfen konnten, sagt er. Zumindest nicht für das Geld, das seine Familie für ihn zusammensparen konnte. In Aserbaidschan gibt es kein staatliches Versicherungssystem. Wer kein Geld hat, hat Pech gehabt.

In Iran sagte ihm ein Arzt, er würde das alles nicht überleben, gab ihm aber einen ausrangierten Rollstuhl. In Deutschland sagte ein Arzt, er würde das alles nicht überleben, wenn er keine Behandlung bekäme. Aber Gasimov ist noch kein anerkannter Flüchtling, und die Operation muss in mehreren Schritten verlaufen, was aufwendig und teuer ist. Also wartet Gasimov.

Er wartet, er lernt Deutsch übers Internet, er würde gerne arbeiten, darf aber nicht, er würde gerne Taxifahren, aber wie soll das gehen, fragt er, wenn er einer Oma nicht den Koffer tragen kann? Und er möchte trainieren, damit er über all dem nicht wahnsinnig wird. Im Herbst vergangenen Jahres fand er dann die Webseite vom Münchner Fechtverein. Ob er vorbeikommen könne in das Training für Rollstuhlfechter. Er habe auch schon mal einen Degen in der Hand gehabt. Und Jürgen Zielinski-Lick, der Vorsitzende des München Fechtvereins, schrieb zurück: "Komm vorbei".

Jürgen Zielinski-Lick ist so ein Mensch, der mit einer aufdringlichen Freundlichkeit Leute überzeugt. Er steht unten im Keller neben Gasimov und Nagel, dem Trainer, und erzählt, dass er vor fünf Jahren mal verloren habe, gegen einen Fechter im Rollstuhl. Es ging einfach so verdammt schnell. Kein ewiges Rumgetänzel wie beim Fußvolk, so nennt Zielinski-Lick die stehenden Fechter tatsächlich.

Also schmollte er ein paar Tage und gründete dann die Initiative "Inklusives Fechten". Er fuhr in den Baumarkt, kaufte ein paar Metallstangen und schweißte ein Gestell zusammen, auf dem man die Rollstühle in unterschiedlichen Abständen fixieren kann. Dann suchte er nach Mitgliedern und setzte nebenher sein Fußvolk in die Rollstühle. Schnelligkeit trainieren, Beweglichkeit trainieren, damit sich keiner den Rücken bricht, wenn er mal wieder mehr Dehnung sehen will.

Ausgerechnet bei der Deutschen Meisterschaft kam bei ihm der Boxer wieder durch

Drei Teilnehmer im Rollstuhl gibt es bisher, die je nach Beeinträchtigung in unterschiedliche Wettkampfkategorien eingeteilt werden. Weil Hüseyin Gasimov querschnittsgelähmt ist, aber den Oberkörper frei bewegen kann, ist er Teil der zweiten Kategorie, und in der kämpft er eigentlich ganz gut, sagt Zielinski-Lick. Wenn nicht der Boxer in ihm durchkommt. So wie bei der Deutschen Meisterschaft. Ausgerechnet da.

Im März dieses Jahres fand die Deutsche Fechtmeisterschaft in Böblingen statt, und um optimal darauf zu trainieren, bequatsche Zielinski-Lick das Hotel Bento Inn in München, ob man nicht ein Deal finden könnte: Ein behindertengerechtes Zimmer für 40 Euro statt 69.

Im März war die Welt noch in Ordnung, die Hotels liefen gut, aber die Empfangsdame sagte trotzdem zu, weil sie selbst einen Angehörigen im Rollstuhl pflegt. Gasimov war der erste Gast im frisch renovierten Zimmer, trainierte jeden Mittwoch mit dem Degen und Säbel im Fechtclub München, übernachtete im Hotel, und trainierte am Tag darauf im Fechtclub Trudering. 15 Stunden die Woche.

Die Deutsche Rollstuhlfechtszene ist relativ klein, neun Kontrahenten hatte Gasimov in seiner Kategorie. Im Training sind sie jede Aktion durchgegangen, haben Finten geübt, solange, bis Gasimov ein Gefühl bekam, zumindest ein theoretisches Gefühl. Manchmal zimmerte Gasimov so fest auf Zielinski-Lick und Nagel ein, dass sie irgendwann eine gepolsterte Hose anzogen. Macht sonst im Fechten kein Mensch. Wenn wir es schaffen, die Kraft zu bündeln, sagte Zielinski-Lick damals zu Gasimov, dann schaffen wir das. Nach dem Training gingen sie ein paar Bier trinken. Sein russischer Trainer, sagt Gasimov, hätte ihn vor die Tür gesetzt, wenn er ihn mit einem Bier gesehen hätte. Dafür rauchte er heimlich.

Was dann genau los war, im Halbfinale der Deutschen Meisterschaften, das weiß Hüseyin Gasimov nicht mehr genau. Es ging halt schief. Jürgen Zielinski-Lick stand an der Bande und brüllte: locker, bleib locker, aber Gasimov hörte ihn gar nicht mehr. Er hielt den Säbel in der Faust und schlug schon zu, da hatte der Schiedsrichter noch nicht mal das Startzeichen gegeben.

Hüseyin Gasimov wurde Dritter bei der diesjährigen Meisterschaft im Rollstuhlfechten. So viele Strafpunkte bekam er. Und während Zielinski-Lick hundert mal gestorben ist, wie er im Trainingskeller mindestens hundert mal betont, sagt Hüseyin Gasimov: "Ich habe mich gespürt." Und vielleicht ist das der größte Sieg von allen.

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