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Rollstuhlfechten:Und auf Platz drei der Sieger

"Eigentlich wollte ich immer Box-Champion werden", sagt Hüseyin Gasimov. Lange sah es so aus, als ob sich sein Traum erfüllen würde - dann geschah der Unfall.

(Foto: Robert Haas)

Hüseyin Gasimov träumte von Olympia. Dann hatte er einen Unfall in einem Land ohne staatliche Krankenversicherung. Über einen Mann, der eigentlich nicht zu schlagen ist.

Von Elisa Schwarz

Manchmal boxt Hüseyin Gasimov, wenn er eigentlich fechten soll. Er hält den Degen dann ein bisschen schief, so wie jetzt, man sieht seine Faust unter der Glocke, wie sie fester wird, als würde sie krampfen, und dann - ein Stich. Kein Schlag. Locker, sagt Dominik Nagel, sein Trainer, bleib locker.

Mittwochmittag im Werksviertel in München. Oben, wo die Buden stehen, die Picknick-Bänke, und das leere Riesenrad, sitzen ein paar Leute in der Sonne und bestellen noch schnell einen Döner, ein Curry, ein letztes Bier. Vor der Wurstbude stehen zwei Polizeibeamte, trinken Cola, als wäre das völlig normal, und warten. Um 15 Uhr muss hier alles dicht sein, so war ja noch die Regel, bevor es die am Freitag vom Freistaat verhängte Ausgangsbeschränkung gab.

Und so findet unter den Buden und Bänken, im Keller von Werk drei, auch das letzte Rollstuhltraining des Fechtclubs München statt. Zumindest, bis der Corona-Wahnsinn vorbei ist. Sie hatten hier noch gehofft, dass es mit dem Fechten vielleicht etwas länger gehen wird. Fechten ist ja kein Tango. Die Masken, der Abstand, den man ja immer hat. Auch dann, wenn man eher boxt als schlägt.

Hüseyin Gasimov zieht die Maske vom Gesicht, seine dunklen Haare kleben am Kopf. Er sagt nicht viel, er hört vor allem seinem Trainer zu. Hört, wie Nagel sagt, dass man ein Konzept haben muss beim Fechten, ein Konzept für jede Aktion. Dass man zuerst im Kopf gewinnt, und dann in den Armen.

Dass man schnell sein muss wie ein pickender Vogel, schnell, aber nicht wie ein Boxer, präzise, aber gerade im Schlag. Dass er mit dem Oberkörper ausgleichen muss, was sonst seine Füße tun würden - vor, zurück, antäuschen, angreifen. Und während Dominik Nagel weiter spricht, setzt Gasimov die Maske wieder auf. Unter seiner weißen Weste trägt er einen schwarzen Pulli mit einem Muhammad-Ali-Druck.

Wie findet man nach einem schweren Unfall zurück ins Leben? Das fragen ja immer wieder die Ratgeber in irgendwelchen Apotheken-Schaufenstern. Als könnte man aus dem Leben rausfallen wie aus einer Schaukel. Hüseyin Gasimov hat Tage, da fragt er sich einfach nur, wie er es überhaupt aushalten soll, wenn er als Dreißigjähriger weniger kann als ein Kind. Nämlich nicht mal kriechen.

Eigentlich wollte Gasimov immer Boxer werden - dann geschah der Unfall

Ein paar Stunden vor dem letzten Training sitzt Hüseyin Gasimov in seinem Rollstuhl in Oberau bei Garmisch-Partenkirchen, im alten Bahnhofsgebäude. Ein abgegriffenes Klavier steht in seinem Zimmer, ein Bett, ein Schreibtisch, und über allem hängt ein weiß-blauer Bayernhimmel an der Decke. Früher war hier mal eine Gaststätte drin, bevor die Stadt dort eine Flüchtlingsunterkunft einrichtete. Die weiß-blaue Farbe ließ man dran, und auch die Reklame außen. "Augustiner" steht in großen Buchstaben an der Hauswand. "Gasimov" steht auf einem kleinen Stück Papier an der Tür.

"Eigentlich wollte ich immer Box-Champion werden", sagt Gasimov leise, weil sein Deutsch noch nicht so gut ist. Er schaut auf den Teppich, an die Wand, seine dattelbraunen Augen bleiben nirgendwo lange hängen. Mit dem Boxen fing alles an, zuhause in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan.

Da wuchs Gasimov auf, zwischen Wolkenkratzern, von denen er nie die Dächer sehen konnte, so hoch waren die. Nachmittags nervte er die Nachbarn mit seinem Akkordeon oder kloppte sich mit seinen Brüdern. Und als ein Nachbarjunge ihm mal das Gesicht grün und blau schlug, packte sein Vater eine Sporttasche und schickte den Sohn ins Boxen ein paar Häuser weiter.

Sein Trainer sprach russisch, nicht türkisch, er schenkte ihm ein paar russische Flüche und einen Pullover mit einer Katze in Boxhandschuhen. Ansonsten machte er ihn ziemlich fertig. Abends lag Gasimov dann erschöpft im Bett und schaute an die Decke, auf das Bild von Ali, dem Gesandten Mohammeds. 20 Jahre ist das jetzt ungefähr alles her. Aus dieser Zeit ist fast nichts mehr da, nur den Katzenpulli hat er noch. Er ist mittlerweile verblichen wie ein altes Kuscheltier.

Das Boxen jedenfalls ließ ihn nicht mehr los. Gasimov kämpfte sich nach oben bis ins Finale der nationalen Meisterschaft in Baku. Er hat davon ein Video auf dem Handy: Wie er im Ring steht mit 17 Jahren, der stolze Vater daneben, die Brüder, die Mutter, Freunde aus der Schule. Gasimov in roten Shorts, Gasimov mit der starken linken Hand, es läuft "Eye of the tiger" von Survivor.

Er gewinnt, wird Meister, er träumte von Olympia 2012 in London. Und dann stieg er ein paar Wochen später in einen Bus, wie er es schon so oft getan hatte. Er weiß nicht mehr genau, was dann passiert ist, nur, dass sich der Bus auf einmal überschlug. Dass er aufwachte und nicht atmen konnte, weil so viele Menschen auf ihm lagen. Später spürte er die Hand seines Onkels auf seiner Schulter. Aber seine Beine spürte er nicht mehr.

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