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Hospiz:"Der Tod nimmt keine Rücksicht auf Wartelisten"

Tabuthema Tod: Warum wir über das Sterben reden müssen

Der Tod gehört zum Leben, doch in großen Städten sterben viele Menschen allein.

(Foto: Felix Kästle/dpa)
  • In München stehen Sterbenden nur 28 Betten in zwei stationären Einrichtungen zur Verfügung.
  • Der ambulanten Hospizdienst "Dasein" hat deshalb ein ehrgeiziges Ziel: ein neues Hospiz, möglichst in der Innenstadt.
  • Architekturstudenten sollen Visionen für eine Einrichtung entwickeln, allerdings fehlt ein passendes Grundstück.

Der Tod ist ein Tabuthema, immer noch. Doch gerade in einer Großstadt wie München sterben viele Menschen einsam, ohne Hilfe und Schutz. Allein im vergangenen Jahr starben 11 444 Menschen in München. Viele können die letzten Lebensmonate zwar im Kreis der Familie verbringen, unterstützt von einer ambulanten Hilfe. Doch es gibt Fälle, da geht das nicht mehr. Sei es, weil der sterbende Mensch allein lebt und sich nicht versorgen kann; sei es, weil die einzigen Angehörigen mit dem leidenden Verwandten auf Dauer nicht umgehen können; oder auch, weil der todkranke Mensch intensive Pflege und Betreuung benötigt.

Für die letzten Tage, Wochen oder Monate des Lebens gibt es Hospize. Doch es sind viel zu wenige. In München stehen Sterbenden nur 28 Betten in zwei stationären Einrichtungen zur Verfügung. Für die ehemalige Landtagsabgeordnete Isabell Zacharias ist dieser Zustand unerträglich: "Wir wollen den letzten Weg, den wir irgendwann alle gehen müssen, würdevoll gestalten."

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Zacharias engagiert sich deshalb nun als Projekt-Koordinatorin im gemeinnützigen ambulanten Hospizdienst "Dasein" und hat mit Geschäftsführerin Katharina Rizzi ein ehrgeiziges Ziel vor Augen: Möglichst mitten in der Münchner Innenstadt soll für alle sichtbar ein neues stationäres Hospiz entstehen. "Wir wollen, dass auch das Sterben wirklich in die Mitte der Gesellschaft rückt", sagt Rizzi, die bereits seit drei Jahrzehnten in der Hospizarbeit engagiert ist. Sie ist Mitgründerin des konfessionell nicht gebundenen Vereins "Dasein" mit 30 hauptamtlichen und 80 ehrenamtlichen Mitarbeitern, die sich bislang ambulant, aber rund um die Uhr um Sterbende kümmern.

Da der ambulante Hospiz- und Palliativdienst immer wieder an seine Grenzen stößt und pflegebedürftige todkranke Menschen notgedrungen in Kliniken oder Pflegeheime bringen muss, wagen Rizzi und Zacharias nun den großen Schritt. Sie stellen sich ein modernes und offenes Hospizzentrum mitten in der Stadt vor, 3500 Quadratmeter soll das Haus haben und nicht nur zwölf Patienten Platz bieten, sondern auch eine ambulante Betreuung haben sowie Raum für Veranstaltungen, Informationsangebote und womöglich ein Café. Das einzige Problem: Es fehlt ein passendes Grundstück.

In den vergangenen Wochen und Monaten haben sich Rizzi und Zacharias bereits umgeschaut und drei Idealstandorte ausgemacht: an der Wittelsbacherstraße nahe St. Maximilian, an der Herzog-Wilhelm-Straße im Hackenviertel, wo derzeit noch eine Tankstelle steht, oder an der Ecke Goethe- und Lindwurmstraße als südlicher Abschluss des Klinikviertels. Ob es an diesen konkreten Orten überhaupt Bauplätze gibt, steht noch gar nicht fest. Allerdings werden Architekturstudenten der TU München nun unter der Leitung von Professor Dietrich Fink ein Semester lang Visionen für ein Hospizzentrum an ebendiesen innerstädtischen Standorten entwickeln. Die Modelle sollen im kommenden Frühjahr vorgestellt werden und könnten als Vorlage für Architekten, aber auch für Sponsoren dienen.

Denn 35 Millionen Euro allein für Grundstückskauf und Bau beziehungsweise Umbau zum Hospiz müssen erst einmal finanziert werden. Zacharias ist da aber zuversichtlich. So habe bereits die Paula-Kubitscheck-Vogel-Stiftung finanzielle Unterstützung signalisiert, weil sie von der Notwendigkeit eines neuen Hospizzentrums in der Stadt überzeugt sei. Die Münchner Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, "schwerst kranken Menschen zu bestmöglicher Versorgung zu verhelfen". Rizzi hofft darüber hinaus natürlich noch auf die Unterstützung von weiteren Stiftungen, aber auch von Unternehmen und Münchner Bürgern. Für den Betrieb des Hauses sieht die Geschäftsführerin bereits unterschiedliche Finanzierungsschienen. Nur ein geeignetes Grundstück müsse eben noch gefunden werden.

Dafür wollen die beiden Frauen nun kräftig werben. Zacharias hat bereits ihre politischen Kontakte für das Großprojekt genutzt und "positive Signale" erhalten, aus dem Stadtrat und der Verwaltung ebenso wie aus bayerischen Ministerien und von Krankenkassen. Schließlich sei "gerade in München mit seinen vielen Single-Haushalten der Bedarf enorm". Um das Projekt in nächster Zeit noch bekannter zu machen, ist bereits eine Veranstaltungsreihe unter der Schirmherrschaft von Regisseurin Doris Dörrie geplant. Das sollen nicht nur Vorträge, sondern auch künstlerische Darbietungen sein mit Antworten etwa auf die Frage: Wie gehen Theater, Oper, Literatur mit dem Tod um?

Dass Zacharias und Rizzi genau jetzt mit ihren Plänen an die Öffentlichkeit gehen, hat auch politische Gründe: So kündigte die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) zum Auftakt der Hospiz- und Palliativwoche vor wenigen Tagen an, dass die Versorgung sterbender Menschen weiter ausgebaut werden soll. So sei eine Erhöhung der aktuell 215 stationären Hospizplätze in Bayern auf 280 vorgesehen. Bereits in den kommenden drei Jahren werden Huml zufolge mindestens 40 weitere Hospizplätze entstehen. Auch im stationären Bereich soll die Zahl der Palliativbetten weiter steigen. Die Versorgung und Begleitung schwerst kranker Menschen sei "gelebte Mitmenschlichkeit", betonte Huml. Für Katharina Rizzi sind deutlich mehr Betten für Todkranke eine pure Notwendigkeit, denn "der Tod nimmt keine Rücksicht auf Wartelisten für Hospizbetten".

© SZ vom 11.10.2019/vewo
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