Das Herausforderndste für DJ Elsultan war gar nicht mal, in kürzester Zeit Deutsch zu lernen und Seniorinnen in einem bayerischen Pflegeheim zu waschen und zu füttern. Da, wo der examinierte Krankenpfleger herkommt, übernehmen diese Fürsorge Familienangehörige. Das Herausforderndste für den heute 30-Jährigen war vielmehr zu verinnerlichen, dass er in München er selbst sein darf, also ganz. Hier darf er tanzen wie eine Frau, flirten mit einem Mann, leben wie ein Homosexueller. „In meinem Heimatland ist das strafbar. Wenn man erwischt wird, muss man eineinhalb Jahre in den Knast“, sagt der gebürtige Tunesier.
DJ Elsultan lächelt eigentlich nie nicht, während des einstündigen Gesprächs auf der Bierbank vor dem Import Export, diesem weltoffenen Kulturzentrum im Kreativquartier an der Schwere-Reiter-Straße. Der groß gewachsene Mann mit dem bunten Hemd im Ornamente-Mix wirkt wie ein Mensch, der sehr mit sich im Reinen ist und gleichzeitig freundlich, aber bestimmt die Kontrolle über seine Außenwirkung behält. Öffentlich in Erscheinung treten? Nur mit Künstlername und Fotos mit Sonnenbrille. „Das ist für uns arabische Menschen auch hier ein sensibles Thema.“
Arabische Homosexuelle werden in Deutschland mehrfach diskriminiert: als Migranten und als queere Menschen. Gleichzeitig versuchten viele, ihre sexuelle Identität vor ihren Familien in den Herkunftsländern zu verbergen, sagt der 30-Jährige. Das Bekenntnis zu gleichgeschlechtlicher Liebe kann sie dort im schlimmsten Fall das Leben kosten. Ein Drahtseilakt.
Deshalb sei es ihm und seinen Mitstreitern so wichtig gewesen, ein sicheres Refugium in der neuen Heimat zu schaffen, in dem sie sich frei und geschützt bewegen könnten. Vergangenes Jahr hat Elsultan das „Queer arabische Kollektiv Nichni“ gegründet. Der Begriff meint „Unser Eigenes“ und impliziert gleichermaßen Zugewandtheit und Zusammengehörigkeit. „Es gibt immer mehr arabische Menschen in München, aber sie verstecken sich und haben Angst, rauszugehen und Menschen kennenzulernen. Das gilt nicht nur für die Queeren.“
Aber besonders für diese hat Elsultan in den letzten Monaten mit einem Team aus fünf Mitstreitern mehrere Veranstaltungen und Workshops organisiert, im schwulen Kulturzentrum Sub an der Müllerstraße und eben auch im Import Export. Es geht um Gesundheitsaufklärung und Bauchtanzkurse für Männer.
Bei den Partys herrscht Foto- und Videoverbot
Herz von Nichni sind bisher aber die sogenannten Partys, bei denen oft in traditionellen arabischen Gewändern getanzt wird, die einen verkleiden sich als Frauen, andere wiegen sich in Melodien ihrer Heimat, lassen sich Henna-Tattoos aufmalen, „chillen einfach zusammen“, sagt der gebürtige Tunesier. Er selbst legt dann Musik auf, ist DJ für den Sound, mit dem er groß geworden sei. „Wir haben auch deutsche Gäste, kommen kann jeder.“ Für alle gilt aber: Foto- und Videoverbot. „Wir haben ein Awareness-Team, das aufpasst.“ Alle sollen sich ganz selbstverständlich bewegen können, ohne Angst haben zu müssen, unfreiwillig in den sozialen Netzwerken geoutet zu werden.
Seit 2018 lebt Elsultan in München. Als examinierter Krankenpfleger ist er innerhalb des sogenannten Triple-Win-Programms von der Bundesrepublik für die Personal-geschwächte Altenpflege in Deutschland angeworben worden. Den dafür aufgelegten Deutsch-Kurs absolvierte er noch in seiner Heimat. Sein erster Einsatzort war dann ein Seniorenheim am Münchner Stadtrand. Inzwischen ist der Mann mit dem Permanent-Lächeln im Gesicht Ausbildungskoordinator in einer großen städtischen Pflegeeinrichtung. „In Tunesien hab ich mich schon gesellschaftlich engagiert, das wollte ich hier in München jetzt mit Nichni wieder tun.“
Anfang September steigt das erste queer-arabische Festival in Bayern
Der nächste Schritt sei nun, die Community in München sichtbar zu machen. Deshalb steigt am 5. und 6. September im Ampere und im Import Export das erste queer-arabische Festival in Bayern. „Wir rechnen mindestens mit 400 Gästen.“ Es werde vom Kulturreferat und dem Bezirksausschuss Au-Haidhausen gefördert. „Sonst würden wir das nicht schaffen“, sagt der Krankenpfleger. Bei den sonstigen Veranstaltungen wurden durch die Eintrittsgelder die Ausgaben gedeckt, aber diesmal müssten auch Künstler bezahlt werden.
Angekündigt sind etwa die in der Szene prominente Dragqueen Diva Beirut, Sahhar mit nordafrikanischem Sound, Tabla-Spieler und eine „Bellydance Show“. „In Zukunft“, sagt DJ Elsultan, „wollen wir auch Künstler in München aufbauen“. Thema beim Festival soll innerhalb eines Films und einer Diskussion auch das queere Leben arabischstämmiger Münchner sein.
Nach einer Stunde erhebt sich der große Mann vom Biertisch und führt in die Räume des Import Export, wo sich sein Kollektiv regelmäßig trifft und die Partys steigen. In einem Hinterzimmer lässt sich Elsultan in einen sonnengelben Vintage-Sessel fallen. Der Neu-Münchner mit den kurzen Haaren und dem gepflegten schwarzen Vollbart nickt zufrieden. Hier sei es okay, ihn zu fotografieren. Mit dunkler Sonnenbrille.

