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Home-Office: "Die Leistung ist da, das Wohlbefinden aber im Moment nicht"

In der Pandemie haben viele Firmen ihre Angestellten ins Home-Office geschickt. Arbeitspsychologin Silke Weisweiler erklärt, wie das die Zusammenarbeit verändert - und was am meisten fehlt.

Interview: Sabine Buchwald, Fotos: Catherina Hess

Viele Büros stehen leer, noch nie haben so viele Menschen zu Hause gearbeitet. Silke Weisweiler, Leiterin des Center for Leadership and People Management an der LMU, spricht über Folgen und Gefahren.

SZ: Auch die LMU empfiehlt das Home-Office. Wie fühlt es sich an, mal wieder im Büro zu sein?

Silke Weisweiler: Es ist vertraut, aber auch ungewohnt, weil die Schreibtische der anderen leer sind und die Kollegen für Gespräche fehlen.

Sind Videokonferenzen kein Ersatz?

Die sind nicht spontan und selten locker. Es sind doch gerade solche Gespräche interessant, bei denen man durcheinanderredet und eine Bemerkung die andere ergibt. Zu zehnt am Bildschirm ist das nicht möglich.

Ist das ein Plädoyer für die Arbeit im Büro?

Vertrauen und Zusammenarbeit sind ganz wichtige Faktoren, die am besten im persönlichen Umgang aufgebaut werden, wo auch Privates ausgetauscht wird. Sie bedingen Leistung und Wohlbefinden. Die Leistung ist da, das Wohlbefinden aber im Moment nicht.

Viele sitzen in Videocalls vor künstlichen Hintergründen, weil sie nichts von sich zeigen wollen.

Man kann ja niemandem vorschreiben, mit der Kamera Einblicke ins Zuhause zu gewähren.

Warum gibt man am Arbeitsplatz im Büro viel mehr preis?

Es ist Typsache, wie wir unsere Schreibtische gestalten. Ein wichtiger Arbeitsfaktor ist Gewissenhaftigkeit. Darunter fällt auch das Thema Ordnung in verschiedenen Varianten. In manchen Firmen gibt es strenge Vorschriften, besonders wenn mit empfindlichen Materialien gearbeitet wird. Da sieht man dann häufig, dass die Leute andere Möglichkeiten suchen, kreativ zu werden. Sie dekorieren dann den Garderobenschrank oder die Teeküche.

Silke Weisweiler, Psychologin an der LMU bei ihr zu Hause.

Arbeitspsychologin Silke Weisweiler.

(Foto: Florian Peljak)

Bilder, Sprüche, Postkarten - das sagt doch etwas über die Kollegen.

So sind wir Menschen, wir lesen das und denken uns unseren Teil dazu. Vielleicht: Mein Gott, was ist das denn für ein blöder Spruch? Und bilden uns eine Meinung zu der Person. Das sind Stereotype, die in uns ablaufen. Damit bauen wir eine Ähnlichkeit oder eine Distanz zu der Person auf.

Das fällt im Home-Office weg. Auch das Flirten. Versingelt die Gesellschaft jetzt noch mehr?

Die Gefahr ist tatsächlich da. Mal schnell nach der Arbeit ein Bier mit dem Kollegen oder der Kollegin geht gerade nicht. Dabei motiviert ein Büroflirt enorm. Tatsächlich kenne ich aus meinem Umfeld niemanden, der in den vergangenen Monaten einen neuen Partner gefunden hätte.

Ihr Fazit zum Home-Office?

Am Anfang war das Ganze ja absolutes Neuland. Da überwogen noch die Klagen über technische Probleme. Doch das ließ sich alles schnell klären. Dann war eine große Begeisterung und Erleichterung zu spüren, weil die technische Zusammenarbeit von zu Hause aus funktioniert hat. Und jetzt erleben wir: Die Leichtigkeit ist weg. Wir sehen eine Zunahme von depressiven Verstimmungen. Der Leidensdruck wächst.

Auch die Sorge, dass der Arbeitsplatz verschwindet, weil Firmen Flächen reduzieren?

Die finanziellen Einsparungen der Unternehmen stehen im krassen Gegensatz zu dem, was dann menschlich fehlen wird. Denn die Beziehungen - auf welcher Ebene auch immer - fallen dann weg. Arbeitgeber, die das jetzt zu extrem machen, werden mittelfristig die Folgen kennenlernen. Im Moment funktioniert es, weil die Leute aus Angst vor der Arbeitslosigkeit eher mehr arbeiten.

Werden sich die Büros wieder füllen? Wird es wie früher?

Nein. Wir sind in einer neuen Arbeitswelt. Wir haben Urängste kennengelernt. Das Bewusstsein für das, was uns wirklich wichtig ist, wie man wirklich leben möchte, das ist erwacht. Wir werden die Dinge mehr hinterfragen. Meine Hoffnung ist, dass sich viel in der Zusammenarbeit verändert.

© SZ vom 13.02.2021/lfr, van
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