Holocaust-Gedenken:"Erinnern braucht Erinnerer"

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Holocaust-Gedenken: Eine Schülerin der Europäischen Schule München bei der offiziellen Übergabe eines neuen Erinnerungszeichens für Opfer des Nationalsozialismus.

Eine Schülerin der Europäischen Schule München bei der offiziellen Übergabe eines neuen Erinnerungszeichens für Opfer des Nationalsozialismus.

(Foto: Catherina Hess)

Eine Gruppe von Elftklässlern wollte nicht nur in Büchern nachlesen, welche Gräueltaten die Nazis angerichtet haben - und begannen, selbst zu recherchieren.

Von Patrik Stäbler

Esther Lea Sondhelm und ihr Mann Jakob Paul wollten fliehen, das haben die Recherchen der Elftklässler der Europäischen Schule München (ESM) zutage gebracht. In einem Online-Archiv in den USA stießen sie auf eine Einzahlungskarte des Jewish Transmigration Bureau, die auf den Namen der Münchnerin ausgestellt war. Demnach hatte ein entfernter Verwandter dafür gebürgt, die Einwanderungskosten zu übernehmen. Doch dazu kam es nicht: Im Juli 1942 wurde das Paar erst in ein Internierungslager und später ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort kamen beide ums Leben, ebenso wie die Eltern der 43-Jährigen, Chejne und Chaim Eingelster, die 1941 von der Gestapo ins Ghetto nach Piaski verschleppt worden waren.

Diese vier Münchnerinnen und Münchner gehören zu den sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden. Mit ihren Biografien haben sich in den vergangenen Monaten etwa 60 Schüler der ESM befasst - im Rahmen eines Geschichtsprojekts und für die städtische Initiative Erinnerungszeichen. Diese gedenkt den Opfern des Nationalsozialismus an ihren einstigen Lebensmittelpunkten in Form von Tafeln oder Stelen. Von ihnen gibt es inzwischen 120 an mehr als 50 Orten im Stadtgebiet. Die jüngsten vier Erinnerungszeichen sind nun bei einem Festakt vor dem Wohnhaus in der Fasangartenstraße 124 im Stadtteil Fasangarten übergeben worden - dort also, wo Jakob Paul und Esther Lea Sondhelm sowie deren Eltern Chejne und Chaim Eingelster gemeinsam lebten.

"Wir haben uns anhand der Originalquellen mit den Lebensgeschichten dieser Menschen auseinandergesetzt", berichtet der 16-jährige Leander Ross. "Das ist was ganz anderes, als wenn man etwas in einem Geschichtsbuch liest." Ganz ähnlich klingt das bei Christine Riesenhuber, die das Projekt an der ESM betreut hat. "Die Einzelschicksale der Menschen machen das Thema für die Schüler viel persönlicher", sagt die Geschichtslehrerin. "Das spricht sie mehr an - auch weil sie sich in die Personen hineinversetzen können."

Die Demokratie brauche Menschen, die die Erinnerung wach halten

Der Anstoß für das Schulprojekt kam vom Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach; er hatte die Erinnerungszeichen beantragt und die Schulen im Stadtbezirk angeschrieben. An der ESM sei man sofort begeistert gewesen von der Idee, sagt Riesenhuber. Ihre Elftklässlerinnen und Elftklässler hätten im Zuge des Projekts im Internet, auf Geschichtsportalen sowie in diversen Archiven recherchiert. Unter anderem besuchten sie das Archiv des Deutschen Museums, wo Chaim Eingelster 27 Jahre lang als Kunst- und Schriftenmaler arbeitete - bis er aufgrund seines jüdischen Glaubens entlassen wurde.

Zur Übergabe der Erinnerungszeichen hatte sich auch Charlotte Knobloch angekündigt, die dann aber krankheitsbedingt absagen musste. In ihrem Grußwort, das Miriam Geldmacher vom jüdischen Helene-Habermann-Gymnasium verlas, betonte die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern: "Erinnern braucht Erinnerer. Wir und die Demokratie brauchen Menschen, vor allem aus der jüngeren Generation, die sich diese Aufgabe zu eigen machen." Knobloch erinnerte daran, dass das "singuläre Menschheitsverbrechen" zwar in vielen Fällen nach Auschwitz geführt habe. "Aber es begann nicht dort. Es begann in den Städten Deutschlands." Schließlich hätten viele Menschen weder wissen noch hören wollen, was ihren jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn angetan wurde. "Dort hätte das Morden noch verhindert werden können", so Knobloch. "Aber nichts geschah."

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