SZ-Serie: Wie das Wasser die Stadt prägt:Fontänen ohne Strom

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SZ-Serie: Wie das Wasser die Stadt prägt: Norbert Achatz vom Bauamt erklärt begeistert, wie die Wasserspiele im Hofgarten funktionieren.

Norbert Achatz vom Bauamt erklärt begeistert, wie die Wasserspiele im Hofgarten funktionieren.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Hofbrunnwerk unter der Staatskanzlei treiben riesige Räder das Wasser für die Brunnen im Hofgarten an. Das Besondere: Die knapp 500 Jahre alte Anlage kommt größtenteils ohne Elektrizität aus.

Von Linus Freymark

Was für ein Lärm! Klar, Wasser kann laut sein, man kennt das ja zum Beispiel von der Reichenbachbrücke, wenn man darunter steht. Die Mauern der Brücke reflektieren das Rauschen der Isar, lassen es zu einem Tosen anschwellen. Aber hier, im Hofbrunnwerk im Schatten der Staatskanzlei, hat der Lärm nochmal eine andere Dezibel. Wegen der engen Räume, die dem Rauschen keine Gelegenheit bieten, sich zu verflüchtigen. Und der Energie, mit der das Wasser hier ankommt.

Diese Energie ist es auch, die das Konzept des Hofbrunnwerks überhaupt möglich macht. Denn die Anlage - in ihrer jetzigen Form mit einer Unterbrechung seit dem 19. Jahrhundert in Betrieb - funktioniert so: Durch die Kraft des Wassers aus dem Hofbrunnwerkkanal werden in einem der Räume zwei riesige Wasserräder angetrieben. Durch zwei Zahnradgetriebe wird die dabei entstandene Energie auf zwei Pumpen im Nebenraum übertragen - und diese wiederum erzeugen den Druck, der oben im Hofgarten die Fontänen der Brunnen in die Höhe schießen lässt. Ein System, das so gut wie keinen Strom verbraucht. "Das Hofbrunnwerk ist ein technisches Beispiel für Nachhaltigkeit", sagt deshalb auch Norbert Achatz vom Staatlichen Bauamt München I. Seit 1992 betreut der Diplom-Ingenieur das Hofbrunnwerk. Damit hat Achatz auch die Zeiten erlebt, als es in den dunklen Räumen und Gängen am Fuße der Staatskanzlei nach Jahrzehnten des Stillstands endlich wieder losging.

Achatz ist einer jener Beamten, die man nicht allzu oft trifft und denen man anmerkt, dass ihnen ihr Job richtig Spaß macht. Bereitwillig beschreibt er die Funktionsweise der Zahnräder, weist auf die Holzscharniere hin, die eingebaut wurden, weil man festgestellt hat, dass sie besser geeignet sind als die Alternative aus Eisen, malt mit dem Finger die Wasserkreisläufe in die Luft. Denn im Hofbrunnwerk gibt es zwei davon: das Wasser für die Turbinenräder fließt nach seiner Station im Hofbrunnwerk wieder zurück in die Stadtbäche. Wer oben im Hofgarten sitzt und den Brunnen beim Plätschern zusieht, bekommt dieses Wasser also gar nicht zu sehen. "Dieser Kreislauf dient einzig und allein dem Antrieb", erklärt Achatz. Das Wasser für die Brunnen wird durch die Pumpen aus einem separaten Schacht an die Oberfläche gepumpt und versickert wieder, nachdem es die Besucher des Hofgartens entzückt hat. "Das ist einfach Grundwasser", sagt Achatz, nein, besser: er ruft es. Zu laut ist das Wasserrauschen unter seinen Füßen.

Albrecht V. wollte mit der Anlage seiner Frau imponieren

Was Achatz an dem Schacht und dem gesamten Hofbrunnwerk am meisten fasziniert, ist, dass die Anlage nach wie vor funktionstüchtig ist. Denn das Hofbrunnwerk ist fast 500 Jahre alt: Um 1565 ließ Albrecht V. dort, wo heute die Staatskanzlei ist, einen Lustgarten für seine Frau Anna errichten. Der Herzog wollte seine Gattin beeindrucken, also brauchte es Brunnen und für die Brunnen brauchte es ein Brunnwerk. Etwa 50 Jahre später veranlasste Maximilian I. den ersten Umbau der Anlage. Denn wie das damals so war, wollte er den Garten seines Vorgängers übertrumpfen und ließ einen größeren Park konzipieren. So entstand von 1613 bis 1617 der heutige Hofgarten und weil auch dort neue Brunnen gebaut wurden, wurde auch ein neues Brunnhaus notwendig.

Zudem ließ Maximilian einen Wasserturm errichten, wodurch das Hofbrunnwerk dazu beitrug, die Trinkwasserversorgung für den Münchner Adel zu sichern. Bis 1904 gewann man durch das Hofbrunnwerk Trinkwasser. Nach einer Erweiterung Mitte des 19. Jahrhunderts kamen 1885 die beiden Turbinenräder dazu - seitdem ist das Hofbrunnwerk zumindest technisch nicht mehr groß weiterentwickelt worden. Warum auch, sagt Norbert Achatz und zuckt mit den Schultern. Es funktioniert ja nach wie vor alles. Und vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass das Hofbrunnwerk heute eines der in München eher raren Industriedenkmäler ist.

Es lässt sich heute noch nachvollziehen, dass das Hofbrunnwerk mehrere Epochen erlebt hat. Hier die Turbinenräder aus dem 19. Jahrhundert, dort die längst stillgelegten Bassins aus der Anfangszeit der Anlage. An manchen Stellen hat sich der Schimmel grün in die Steine gefressen. Es riecht nach Keller. Denn trotz der Bemühungen von Achatz und seinen Kollegen, das Hofbrunnwerk bestmöglich zu erhalten, lassen sich nicht alle Schäden, die die Zeit anrichtet, vermeiden. "Dafür ist es hier unten viel zu feucht", sagt Achatz. Von 1991 bis 1996 ist die Anlage grundlegend restauriert worden - nach mehr als 20 Jahren Stillstand.

Denn in den 1960er-Jahren ist München im Umbruch. Verkehrsschneisen werden in die Stadt geschlagen, Autos haben in der Politik Vorfahrt. Als die Stadtspitze entscheidet, den Altstadtring zu bauen, besiegelt sie damit auch das zwischenzeitliche Aus des Hofbrunnwerks. Denn durch den Straßenbau wird die Verbindung zwischen dem Hofbrunnwerk und dem Ablaufkanal für das Antriebswasser der Turbinenräder gekappt. Die Brunnen im Hofgarten werden in der Folge mit elektrischen Pumpen versorgt, im Hofbrunnwerk rückt schon der Entrümpelungstrupp an. Doch die Turbinen und Pumpen bleiben. "Wahrscheinlich waren sie den Schrotthändlern zu schwer", vermutet Achatz.

Ein glücklicher Zufall, der die Wiederaufnahme des Betriebs in den 90er-Jahren möglich macht und auch für Besucher einen Vorteil mit sich bringt: Wer möchte, kann das Hofbrunnwerk von Mai bis Oktober von 10 bis 14 Uhr kostenlos besichtigen, auch Führungen sind möglich. Das Hofbrunnwerk ist Teil der Hofgartenarkaden und über die Treppe am Übergang vom Hofgarten zur Galeriestraße erreichbar. Und ohne das Rauschen des Wassers und das Ächzen der Zahnräder wäre ein Besuch dort ja nur halb so spannend.

25 bis 35 Umdrehungen absolvieren die Turbinenräder pro Minute, die Pumpen nebenan verfügen über knapp 5,5 PS Leistung. "Das hört sich erstmal wahnsinnig wenig an", meint Achatz. "Aber es reicht eben, um genug Druck für die Wasserversorgung der Brunnen zu erzeugen." Überhaupt sei das Hofbrunnwerk effizient gestaltet. Die Natursteinplatten aus der Zeit Maximilian I. etwa wurden zuvor bereits schon mal verbaut, Achatz erkennt das an der Oberfläche. "Das zeigt: Nachhaltigkeit ist keine neue Erfindung." Und dann verschließt er die Gittertür wieder, hinter der die Turbinenräder ihre Runden drehen und das Wasserrauschen so laut ist, dass man es auch noch von draußen hört.

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